Pflegeberuf
Trotz hoher Belastung des Pflegepersonals: Warum die grosse Kündigungswelle an Aargauer Spitälern bisher ausblieb

Arbeiten in Schutzkleidung, Stationen gefüllt mit schwerkranken Patienten, viele Todesfälle: Wer in der Pflege arbeitet, ist wegen Covid-19 besonders gefordert. Trotzdem schlägt sich die Coronapandemie in den Aargauer Spitälern noch nicht in höheren Fluktuationsraten nieder. Das zeigt eine Umfrage der AZ.

Noemi Lea Landolt
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Pflegepersonal zu rekrutieren, ist wegen Corona schwieriger geworden.

Pflegepersonal zu rekrutieren, ist wegen Corona schwieriger geworden.

Alex Spichale

Schon vor der Pandemie blieben viele Pflegefachpersonen ihrem Beruf nicht bis zur Pensionierung treu. Eine Studie aus dem Jahr 2016 zeigt, dass 2013 fast 46 Prozent der ausgebildeten Pflegefachpersonen nicht mehr auf ihrem Beruf arbeiteten. Eine andere grosse Studie konnte aufzeigen, dass viele den Gesundheitssektor früh in ihrer beruflichen Laufbahn verlassen.

Ein Phänomen, das angesichts des Fachkräftemangels auch die Spitäler genau beobachten. Isabelle Wenzinger, Mediensprecherin des Kantonsspitals Aarau (KSA), sagt:

«Die Branche beobachtet zurzeit, dass sich Pflegende aufgrund der hohen Belastung vermehrt äussern, aus dem Beruf aussteigen zu wollen.»

In den Zahlen der angefragten Spitälern schlägt sich dies aber noch nicht nieder. An den beiden Kantonsspitälern Aarau und Baden (KSB) und am Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) haben die Fluktuationsraten beim Pflegepersonal 2020 im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht abgenommen:

Fluktuationsrate der Aargauer Spitäler

2019 2020
Kantonsspital Aarau 13.8 % 13.2 %
Kantonsspital Baden 11.1 % 10.8 %
Gesundheitszentrum Fricktal 7.1 % 6.7 %

Die Hirslanden Klinik Aarau nennt keine konkreten Zahlen. Mediensprecher Philipp Lenz sagt aber:

«Im Jahr 2020 gab es trotz der hohen Belastung durch die Coronapandemie keine Steigerung der Kündigungen.»

Im ersten Quartal 2021 seien die Kündigungen im Vergleich zu den Vorjahren tendenziell rückläufig.

Pflegepersonal zu rekrutieren, ist schwieriger geworden

Personal für die Pflege zu rekrutieren, war wegen des Fachkräftemangels schon vor der Coronapandemie schwierig. Ende 2017 fehlten in der Schweiz mehr als 6000 diplomierte Pflege­fachpersonen. 2030 werden es laut Prognosen des Schweizer Berufs­verbands der Pflege­fachfrauen und Pflege­fachmänner 65'000 sein.

Die beiden Kantonsspitäler teilen mit, die Rekrutierung von medizinischem Personal sei aufgrund der Pandemie schwieriger geworden. Grundsätzlich seien die Menschen in unsicheren Zeiten weniger bereit, die Stelle zu wechseln.

Hirslanden-Sprecher Philipp Lenz sagt, es sei vor allem in der Spezialpflege schwierig, Stellen neu zu besetzen. Er erwartet jedoch, dass aufgrund der Pandemie das Interesse am Pflegeberuf steigt und mehr Menschen in den Beruf einsteigen wollen.

Erste Anzeichen dafür gibt es: Im Aargau sind Lehrstellen als Fachmann oder Fachfrau Gesundheit besonders gefragt. Bis Anfang April wurden fast 280 Lehrverträge unterzeichnet. Fast doppelt so viele wie zum selben Zeitpunkt vergangenes Jahr.