Königsfelden
Personalnot: Kinderpsychiater halfen in Klinik aus – «wie wenn Spitäler Hausärzte anschreiben würden»

Nach mehreren Kündigungen hatte der CEO der Aargauer psychiatrischen Dienste im Sommer niedergelassene Kinderpsychiater um Unterstützung gebeten. Noch immer sind nicht alle Stellen besetzt.

Noemi Lea Landolt
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Inzwischen haben mehrere neue Fachpersonen in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie angefangen.

Inzwischen haben mehrere neue Fachpersonen in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie angefangen.

Sandra Ardizzone

Die Kündigungen seien für die Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher im Kanton Aargau eine Katastrophe. Das sagte Ulrich Fischer, pensionierter Psychiater und ehemaliger Präsident der Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder und Jugendliche, im März dieses Jahres. Damals berichtete die AZ, dass nach Chefarzt Stephan Kupferschmid vier weitere Mitglieder des Leitungsteams der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Königsfelden ihre Kündigung eingereicht hatten. Jean-François Andrey, CEO der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG), beruhigte damals. Die Versorgung sei gesichert und werde nicht beeinträchtigt. Als Unternehmen mit insgesamt 1300 Mitarbeitenden seien die PDAG «selbstverständlich jederzeit in der Lage, die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten».

Den Zeitungsbericht lasen auch niedergelassene Kinderpsychiater im Aargau. Sie staunten nicht schlecht, als ein paar Wochen nach dem Artikel die Anfrage der PDAG kam. «Sie wollten wissen, ob wir niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiater in der Klinik und Ambulatorien aushelfen können, sie könnten die Leute nicht mehr versorgen», sagte Kinder- und Jugendpsychiaterin Regine Hindermann, die seit 1984 in Aarau eine eigene Praxis hat. Sie musste schmunzeln. , ob sie nicht einspringen könnten.»

Familien nicht im Stich lassen

Nach der Anfrage seien die Praktiker zusammengesessen, überlegten, ob sie Hand bieten sollen oder nicht. «Wir kamen zum Schluss, dass es den Familien und Kindern gegenüber nicht fair wäre, wenn wir die PDAG in diesem Moment hängen lassen», sagt Hindermann. Sieben Psychiaterinnen und Psychiater waren bereit, auszuhelfen. Vier übernahmen die Ambulatorien in den Regionen, drei halfen in der Klinik mit. Hindermann bewertet die Zusammenarbeit während der drei Monate sehr positiv. Die Kinder- und Jugendpsychiater schrieben Rezepte für die PDAG-Psychologen, machten Fallbesprechungen und Hintergrundpikett.

Chance, sich näher zu kommen

Dass letztlich niedergelassene Kinderpsychiater eingesprungen sind, zeigt: Der ursprüngliche Plan A der PDAG, wie ihn CEO Jean-François Andrey nennt, ging nicht auf. Plan A sah vor, dass Psychiaterinnen und Psychiater aus anderen Abteilungen der PDAG in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie eingesprungen wären. Doch das hätte zu einer höheren Arbeitslast für sie geführt – denn um ihre eigentlichen Aufgaben hätten sie sich ja trotzdem kümmern müssen.

Also Plan B. Andrey bezeichnet diesen Plan auch als Chance, um das über die Jahre abgekühlte Verhältnis zwischen den PDAG und den niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatern etwas aufzuwärmen. «Es ist schon länger das Ziel, wieder enger zusammenzuarbeiten», sagt er. Ein Ziel, das die PDAG mit dem neuen Chefarzt Angelo Bernardon weiterverfolgen wollen.

Eine engere Zusammenarbeit mit dem kantonalen Dienst wünschen sich auch die niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater, wie Regine Hindermann sagt. Ihre Kritik an den PDAG betrifft vor allem das Anmeldewesen. «Eine Anmeldung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie war über Jahre nur über einen hochselektiven Online-Fragebogen möglich», sagt Hindermann. Das habe dazu geführt, dass sozial schwächere Personen, die nicht dazu fähig seien einen solchen Fragebogen auszufüllen, im Voraus aussortiert wurden. Zudem seien Patienten, die sich als Erstes ein persönliches Gespräch mit einer Fachperson wünschten, selektioniert worden. Hindermann kritisiert auch, dass der Online-Fragebogen ineffizient sei. «Ihn auszuwerten, bedeutet viel mehr Arbeit. Ausserdem gibt es viele Unsicherheitsfaktoren, die in einem Triage-Erstgespräch schon wegfallen würden.»

Hürden bei Anmeldung abbauen

Der neue Chefarzt der PDAG ist sich des Problems bewusst. «Der Fragebogen ist als Instrument der Qualitätssicherung interessant und gibt eine detaillierte Auswertung. Aber er baute Hürden auf, was zu Problemen geführt hat», sagt Angelo Bernardon. Bereits heute werde der Fragebogen nicht mehr so strikt gehandhabt wie früher. «Es ist auch meine Haltung, dass man nicht darauf besteht und die Familien schneller einlädt.» Gleichzeitig müsse eine gewisse Auswahl passieren, «damit die Hilfesuchenden an die richtige Stelle gelangen und wir das System nicht überlasten.» In gewissen Fällen könne der Schulpsychologische Dienst oder eine Familienberatungsstelle genauso gut helfen.

Die personelle Situation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Königsfelden hat sich inzwischen etwas entschärft. Es haben mehrere neue Fachpersonen angefangen. Drei von acht Facharztstellen sind aber immer noch vakant. Erst für eine dieser Stellen konnte ein Nachfolger verpflichtet werden – er beginnt im Januar.

In der freien Praxis sei die Situation nach wie vor prekär, sagt Regine Hindermann. «Alle sind täglich mit Anmeldungen von Patientinnen und Patienten konfrontiert, die sie nicht aufnehmen können.» Und niemand finde einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für die eigene Praxis.

Forderung an Kanton: «Alle Listenspitäler sollen sich an der Ausbildung beteiligen»

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie zeigt sich ein Problem exemplarisch: Kommt es zu Kündigungen oder Pensionierungen, ist es im Aargau extrem schwierig, Nachfolgerinnen und Nachfolger zu finden. Jean-François Andrey, CEO der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) in Windisch, hat den Kanton in einer Stellungnahme zur Bewerbung für die Spitalliste 2020 deshalb aufgefordert, Massnahmen zu ergreifen. Der CEO hat auch einen konkreten Vorschlag: «Es sollte sich jedes Listenspital im Kanton an der akademischen Aus- und Weiterbildung von Ärzten beteiligen müssen.» Gut ausgebildete Fachärzte würden nämlich nicht nur von ausserkantonalen Institutionen abgeworben. Es passiere auch immer wieder, dass private Kliniken im Aargau den PDAG Leute abjagen. «Sie können die besseren Löhne bezahlen, weil sie mehr zusatzversicherte Patienten behandeln», so Jean-François Andrey. Die Aus- und Weiterbildung sei zwar eine schöne Aufgabe. «Aber sie ist auch ein Produktivitätshemmer, den private Kliniken nicht haben.»

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