Regierungsratswahlen

Persönliches Interview mit Yvonne Feri: «Ich lief während Jahren oft am Limit»

«Dass nicht allen meine Frisur und meine Kleider gefallen, das ist nun mal so. Wir Frauen werden aber immer noch häufiger darüber bewertet.»

«Dass nicht allen meine Frisur und meine Kleider gefallen, das ist nun mal so. Wir Frauen werden aber immer noch häufiger darüber bewertet.»

Am 27. November entscheidet das Stimmvolk, wer als Letzte in den Regierungsrat einzieht: Franziska Roth (SVP), Maya Bally (BDP) oder Yvonne Feri (SP). In persönlichen Interviews geben die drei Frauen eine bisher unbekannte Seite von sich preis. Heute: Die SP-Kandidatin.

Beim Glück ist Yvonne Feri (50) klassisch unterwegs: ein Einräppler im Hosensack, ein vierblättriges Kleeblatt im Portemonnaie. Gewagter ist ihre Wohnung in Wettingen eingerichtet. Dort steht neben einer kleinen Ansammlung von Kakteen auch eine afrikanische Holzskulptur.

Am grossen Tisch in ihrem Wohnzimmer spricht die SP-Regierungsratskandidatin übers Autofahren, alternative Heilmethoden und warum der Grund für ihr Gleichstellungs-Engagement bei ihrer Mutter zu finden ist.

Reizt Sie die Macht am Amt der Regierungsrätin?

Yvonne Feri: Ich schaue dieses Amt nicht als Machtposition an. Ich trage gern Verantwortung, entscheide, gestalte und wirke gern. Das ist mein Antrieb.

Es geht nun ums Siegen. Was war die grösste Niederlage in Ihrem Leben?

(Zögert.) Ich bedaure, dass ich mich scheiden lassen musste. Ich bewundere Paare, die sehr lange zusammen sind. Besonders, wenn Kinder da sind.

Was war das Schwierigste daran, Ihre zwei Töchter allein grosszuziehen?

Die ganze Verantwortung allein zu tragen und auch, dass wir wenig Geld hatten. Ich musste immer abwägen, was ich meinen Töchtern ermöglichen kann und was nicht. Weil ich bei der Kinderbetreuung wenig Entlastung hatte, lief ich während vieler Jahre oft am Limit.

Was war schön?

Dass wir heute eine sehr enge Verbindung haben. Das gibt mir Kraft. Wir haben grosses Vertrauen zueinander und sind immer füreinander da. Auch wenn mal jemand eine Dummheit macht.

Was unterscheidet Sie von Ihren Töchtern?

Ich finde nicht alles toll, was die zwei machen. Ich habe zum Beispiel kein Auto, weil ich hier in Wettingen keines brauche. Meine jüngere Tochter hat nun eines gekauft und ist oft damit unterwegs. Sie ist glücklich damit. Dann ist es für mich auch okay. Die jüngere Generation muss machen, was sie richtig findet.

Sind sie gegen das Autofahren?

Gar nicht. Aber man muss das Auto sinnvoll einsetzen. Dann ist es wertvoll und erleichtert einem das Leben. Aber ich wohne so gut hier, habe den Bahnhof gleich vor der Haustüre, deshalb brauche ich kein eigenes Auto.

Vor Ihrer Haustür steht ein Buddha, in der Wohnung haben Sie Engel. Warum?

Diese Figuren strahlen für mich eine Ruhe aus. Das gefällt mir, das ist gut fürs Gemüt.

Beten Sie?

Nein – oder sehr selten. Als meine Töchter klein waren, haben wir regelmässig vor dem Einschlafen gebetet.

Die Krankenkassenprämien steigen und steigen. Glauben Sie, dass das irgendwann aufhört?

Kaum, denn wir sind in einem hochindustriellen Land zu Hause, die Forschung ist weit, sehr schnell und der Patient will davon profitieren. Was richtig ist. Sonst müsste man sagen, dass es beispielsweise ab einem gewissen Alter keine neuen Hüftgelenke mehr gibt. Das wollen wir ja nicht. Ich glaube, man könnte die Kostenentwicklung jedoch bremsen. Das sind aber eher Bundesaufgaben. Aufseiten des Kantons sehe ich weniger Möglichkeiten. Die Kantonsspitäler sind aus meiner Sicht auf einem effizienten Weg.

Ihr Tipp, um Gesundheitskosten zu sparen?

Ich bin eine starke Verfechterin der Komplementärmedizin ergänzt mit der Schulmedizin. Ich habe das Gefühl, der ganzheitliche Ansatz der alternativen Heilmethoden tun mir persönlich besser, weil geschaut wird, was die Ursache für die Krankheit ist und nicht in erster Linie die Symptome bekämpft werden. Das kann ich sehr empfehlen. Und natürlich gesunde Ernährung und Sport, Alkohol im Mass und nicht rauchen.

Das wäre perfekt.

Nein, nicht perfekt! Man darf durchaus hin und wieder über die Stränge schlagen. Das mache ich auch. (Lacht.)

Woher kommt es, dass Sie sich politisch für Benachteiligte einsetzen?

Mein Gleichstellungseinsatz kommt aus meiner Kindheit. Mein Mami hat immer gesagt, dass Frauen zurückstehen müssen. Ich fand das schon als Mädchen ungerecht. Ich fand immer, dass ich gleichviel wert bin und das Gleiche kann und darf wie die Buben. Und natürlich hat auch meine Erfahrungen als alleinerziehende Mutter meine politische Ausrichtung geprägt. Ich merkte, dass Menschen mit wenig Geld kaum eine Lobby haben.

Ist die Mutter heute zufrieden mit der erfolgreichen Tochter?

Meine Mutter hat trotz schwieriger Familienverhältnisse immer geschaut, dass aus mir und meinem Bruder «etwas Anständiges wird» und es uns an nichts fehlt. Ich glaube, sie ist mittlerweile stolz, dass ich Nationalrätin bin. Das finde ich sehr schön.

Wie soll der Aargau aussehen, wenn Sie so alt sind wie Ihre Mutter?

Der Aargau sieht heute schon sehr gut aus. Ich hoffe aber, dass wir alles, was bis heute erreicht ist, auch beibehalten könnten, trotz immer knapperer finanzieller Mittel. Und ich hoffe, dass der Kanton Aargau bis dann nicht nur Leistungen abgebaut hat.

Verstehen Sie, dass Flüchtlinge den Menschen Angst machen?

Ich verstehe, wenn jemand Berührungsängste hat mit Leuten, die aus fremden Kulturen kommen. Ich rate, den Kontakt mit diesen Menschen zu suchen. Wenn man etwas Fremdes kennen lernt, ist es plötzlich nicht mehr sehr fremd. Ein Kaffee zusammen zu trinken wäre beispielsweise ein guter Anfang, um eine neue Kultur kennen zu lernen.

Kennen Sie persönlich einen Flüchtling?

Ja.

Haben Sie regelmässigen Kontakt zu ihm?

Das nicht, ich könnte Ihnen jetzt auch seinen Namen nicht sagen.

«Ich habe doch kein Hindernis»

«Ich habe doch kein Hindernis»

Und alle anderen interessanten Aussagen von Regierungsratskandidatin Yvonne Feri (SP) in der Sendung «TalkTäglich» vom 26.10. im Konzentrat.

Sie sind kein ängstlichster Mensch.

Nein, bin ich nicht. Aber es kommt vor, dass mich Existenzängste befallen. Das sind Gefühle aus meiner Zeit als frisch alleinerziehende Mutter. Dann denke ich: Was, wenn es bei einer künftigen nächsten Wahl nicht gelingt? Dann habe ich keinen Job mehr.

Sie sind Vollzeit-Politikerin. Das ist für viele ein Kritikpunkt.

Es gibt Leute, die das Gefühl haben, ich hätte nie gearbeitet und sei mein Leben lang immer Politikerin gewesen. Das stimmt nicht. Erst bei meiner Wahl in den Nationalrat habe ich meinen Job zugunsten meines Amtes als Gemeinderätin in Wettingen aufgegeben. Alles zusammen wäre zeitlich nicht möglich gewesen. Vorher habe ich beim Zürcher Lehrerverband gearbeitet und zuvor ausserdem viele Jahre in verschiedenen Tätigkeiten in der Privatwirtschaft.

Worauf könnten Sie der Umwelt zuliebe verzichten?

Ich bin sehr viel unterwegs und hole mir über den Mittag oft einen Salat. Diese Salat werden in grossen Plastikverpackung verkauft. Das ist enorm viel Abfall – wirklich schrecklich. Darauf könnte ich verzichten. Ich könnte ein Sandwich essen, das gäbe weniger Abfall. Wenn ich es planen kann, mache ich mir manchmal zu Hause einen Salat und nehme ihn im Tupperware mit. Und ich könnte auf meine Reisen verzichten.

Haben Sie Ihr Handy im Griff. Oder Ihr Handy Sie?

Wechselwirkend.

Welche Strategien haben Sie, um die Oberhand zu behalten?

Ich habe beispielsweise bewusst keine Combox.

Wie reagieren Sie auf kritische Nachrichten in Ihrer Mailbox?

Dass nicht allen meine Frisur und meine Kleider gefallen, das ist nun mal so. Wir Frauen werden aber immer noch häufiger darüber bewertet. Wenn die Beleidigungen nicht total unter der Gürtellinie sind, beantworte ich alle Mails. Ich schreibe beispielsweise: Danke für die Kritik, hätten Sie mir denn eine Empfehlung? Eine Antwort bekomme ich selten.

Wenn die Wahl gelingt, steuern Sie dann als Nächstes einen Bundesratssitz an?

Karriereplanung in der Politik, das geht gar nicht. Ich bin im Moment glücklich als Nationalrätin. Ich würde mich noch glücklicher schätzen, wenn ich genug Stimmen für einen Sitz im Regierungsrat bekommen würde. Etwas anderes steht momentan nicht zur Diskussion.

Lesen Sie morgen: Das persönliche Interview mit Franziska Roth.

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