Fahrländer

Percy Barnevik, der Vater aller Abzocker

Damals wusste noch niemand, dass sich der Präsident bereits 148 Millionen an Pensionsgeldern zugesprochen hatte: Percy Barnevik an einem ABB-Meeting am 20. März 2001 in Zürich. KEYSTONE/Steffen Schmidt

Damals wusste noch niemand, dass sich der Präsident bereits 148 Millionen an Pensionsgeldern zugesprochen hatte: Percy Barnevik an einem ABB-Meeting am 20. März 2001 in Zürich. KEYSTONE/Steffen Schmidt

Eine Woche vor dem Urnengang geht die Erinnerung zurück zum ersten namhaften Abzocker der Schweiz: Der Schwede Percy Barnevik versüsste sich seinen Abgang bei ABB im Jahr 2001 mit 148 Mio. Franken.

Vor einem Vierteljahrhundert, auf den 1. Januar 1988, verheiratete Fritz Leutwiler, ehemaliger Nationalbankpräsident und damaliger Präsident der Brown Boveri & Cie. mit Sitz in Baden, «seine» Firma mit dem schwedischen Elektrotechnikkonzern Asea zur Asea Brown Boveri (ABB). Es entstand ein industrielles Gebilde mit 170 000 Mitarbeitenden in 140 Ländern und einem Jahresumsatz von 14 Mia. Franken. Konzernchef wurde der CEO von Asea, Percy Barnevik.

In seiner Zeit als operativer Chef (1988–1996) feierte Barnevik Erfolge. Er kaufte Firmen auf (Kritiker sagten allerdings schon bald: ziemlich planlos), zerschlug den Konzern in über 1000 Einzelfirmen und 5000 Profitcenter und fuhr beträchtliche Gewinne ein. Der Lohn Barneviks betrug gemäss verschiedenen Quellen (Transparenz wurde im 20. Jahrhundert noch nicht so gross geschrieben wie im 21.) rund 1,5 Mio. Franken, der Bonus dagegen stieg im besonders erfolgreichen Jahr 1994 auf 20 Millionen.

Doch die inzwischen aufgearbeitete Geschichte belegt: Der Keim vom tiefen Fall begleitete Barnevik von Beginn weg. Grösster strategischer Fehler war die Übernahme des US-Kraftwerksbauers Combustion Engineering im Jahr 1989 für 1,6 Mia. Dollar. Dass sich ABB damit eine «Asbest-Bombe» einkaufte, war von Anfang an bekannt. Doch niemand handelte, bis die Bombe in Form von gigantischen Schadensersatzforderungen explodierte. Zudem arbeitete der Schwede stets mit minimalen Eigenkapitalquoten und er hatte keine glückliche Hand mit seiner Personalpolitik, vor allem mit dem forcierten Einsetzen von Landsleuten an allen wichtigen Posten. Keine gute Wahl war auch die Einsetzung seines Nachfolgers Göran Lindahl im Jahr 1997, der als führungsschwach galt.

Barnevik wechselte ins Verwaltungsratspräsidium. Bei abflachender Konjunktur und nach neuerlichem Konzernumbau verschlechterte sich die Ertragslage stetig. Es kam zum Ausverkauf der Bahntechnik, zum Abstossen des Kraftwerkbaus – und zum Streit mit Grossaktionär Martin Ebner, der die Einführung einer Einheitsaktie durchgedrückt hatte. Die ABB-Aktie verlor ständig an Wert. Am 21. November 2001 kam es zum Eklat. Barnevik informierte seine VR-Kollegen darüber, dass er sich bereits früher eine Pension von 148 Mio. Franken hatte auszahlen lassen. Was dann geschah, wissen nur die genau, die dabei waren. Barnevik musste in den Ausstand treten – und kehrte nie mehr ins VR-Zimmer zurück. Seine Kollegen berieten bereits über die Wahl seines Nachfolgers.

Bis zum 13. Februar 2002 liess sich der erste Abzocker-Skandal der Schweiz geheim halten. Dann ging der Verwaltungsrat selber in die Offensive und informierte die konsternierte Öffentlichkeit – zusammen mit tiefroten Zahlen – über die Bezüge von insgesamt 233 Mio. Franken durch Barnevik und seinen Nachfolger Lindahl. Thomas Schmidt, Leiter externe Unternehmenskommunikation und Konzernsprecher seit 2000, erinnert sich: «Es war ein absoluter Tiefpunkt der ABB-Geschichte, ein tragischer Moment, eine Riesenenttäuschung für uns alle. Das Telefon schrillte tagelang praktisch ununterbrochen, das Medienecho war riesig, aber auch enttäuschte Bürgerinnen und Bürger meldeten sich, es gab sehr emotionale Momente.» Schmidt findet es noch heute richtig, dass sich der VR zur Information entschloss: «Kurzfristig war der Reputationsverlust zwar gross, doch langfristig hatte die Öffentlichmachung positive Auswirkungen auf Corporate Governance und Unternehmenskultur.»

Die geplatzte Börsenblase, kombiniert mit Ertragsproblemen, dem Asbestskandal und dem riesigen Imageschaden machte 2002 für ABB zum Katastrophenjahr. Im Oktober war die Aktie noch 1.41 Franken wert, das Wort «Konkurs» geisterte durch Büros und Hallen. Im Gegensatz zu Vasella hinterliess Abzocker Barnevik also nicht einen gesunden Konzern, sondern einen todkranken. Es blieb den beiden beherzten CEOs Jürgen Dormann und Fred Kindle vorbehalten, das Unternehmen bis 2004 wieder in die Gewinnzone zu führen.

«Ich habe Barnevik als überzeugende Führungspersönlichkeit kennen gelernt», sagt der pensionierte Elektroingenieur Andreas Courvoisier aus Baden, der auf Konzernstufe in der Kaderausbildung tätig war. Umso grösser war sein Erstaunen, als die 148-Millionen-Bombe platze. «Wahnsinn – war meine erste Reaktion. Man war solches noch nicht gewohnt.» Zwar habe die Empörung nicht so weit um sich gegriffen wie heute, «es war vielmehr ein ungläubiges Staunen». Doch Courvoisier sieht Parallelen zum Fall Vasella: «Es ist einfach nicht gut, wenn jene, die am meisten profitieren, selber im Vergütungsausschuss sitzen.»

Barnevik persönlich begegnet ist auch Susanne Schilling aus Baden. Sie war bis zur Jahrtausendwende bei ABB Management Services in Oerlikon in der Dokumentation von Wirtschaft und Öffentlichkeit tätig. «Barnevik hatte Charisma, ohne Zweifel», sagt sie rückblickend. «Doch seine Art war sehr fordernd. Wenn er Unterlagen brauchte, dann immer subito. In seinem Führungsstil war so etwas wie Verachtung für die Untergebenen mit drin. Und als, nach vielen Lobeshymnen, erstmals ein Barnevik-kritischer Artikel in einer Zeitung erschien, verbot man mir, diesen zu verbreiten.» Susanne Schilling hat sich «sehr geärgert», als die Sache mit den 148 Millionen auskam. «Und wir haben jahrelang unter grossem Spardruck gearbeitet; das passte einfach nicht zusammen.»

Im März 2002 gab Barnevik, inzwischen nach London verzogen, 90 seiner 148 Millionen zurück, Lindahl 47 seiner 85 Millionen. Die Quellen streiten sich über die Freiwilligkeit, etliche sprechen von grossem Druck des Verwaltungsrates. Doch der Schaden war angerichtet. ABB konnte den guten Ruf wieder herstellen und gilt heute als vorbildliches Unternehmen. Barnevik gelang dies nicht. Obwohl er sich – noch eine Parallele zu Vasella – mit Millionen in einer karitativen Stiftung «Hand in Hand» weltweit für die Schaffung neuer Jobs einsetzt.

Strafrechtlich blieb der Fall ohne Folgen. Die Staatsanwaltschaft Zürich ermittelte drei Jahre lang gegen Barnevik und Lindahl wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung, doch stellte sie das Verfahren 2005 ein, weil sie «keine strafbaren Handlungen» feststellen konnte.

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