Serie Lieblingsplätze
Pepe Lienhard: «Was haben wir jeweils Party gemacht hier am Fünfweiher»

Der Aargauer Bandleader Pepe Lienhard führt die az zu seinen Lieblingsplätzen in Lenzburg. Er erzählt, wofür er seiner Mutter dankbar ist, wo er als junger Spund gefeiert hat und wo er schon als Bezirksschüler konzertierte.

Ruth Steiner (Text) und Chris Iseli (Fotos)
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Etui-Fabrik Vonaesch an der Seonerstrasse Überraschungsbesuch bei Fritz Vonaesch (links). Vonaesch war Trompeter in Pepes Jugend-Band, den «College Stompers». In Vonaeschs Familienbetrieb an der Seonerstrasse befand sich das erste Probelokal. Fritz Vonaesch ist im Garten, als wir ankommen. Sofort schwelgen die zwei ehemaligen Band-Kollegen in Erinnerungen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Sie sprechen über die allererste, folgenschwere Probe. Pepe Lienhard lacht und erzählt: «Es war an der Auffahrt im Jahr 1958, als wir hier zum ersten Mal musizierten. Die Fensterflügel hatten wir geöffnet. Das hat nicht allen Nachbarn gefallen. Obwohl wir damals noch keine Verstärker hatten und sich unser Dixie-Sound in Grenzen hielt, gab es Reklamationen bei der Polizei, worauf diese dann bei uns vorfuhr.» Fritz Vonaesch erinnert sich an ein anderes Müsterchen aus dieser Zeit: «Wir haben unsere Instrumente in den VW-Bus gepackt und sind losgefahren, Richtung Holland und bis nach Schweden. Wo immer es möglich war, haben wir gegen eine Topf-Kollekte kleine Konzerte gemacht und Dixie gespielt. Das Geld reichte jeweils just, um etwas zum Essen zu kaufen. Ich war 18 und hatte gerade das Autobillett gemacht. Pepe war zwei Jahre jünger.»
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Das Elternhaus Pepe Lienhard: «Meine Mutter war mein grösster Fan bis zum letzten Tag. Sie hat meine musikalischen Ambitionen bedingungslos unterstützt. Zum Leidwesen des Vaters. Er hätte mich lieber in einem ‹sicheren› Beruf gesehen und hatte wenig Freude, als ich das Jus-Studium nach dem vierten Semester hinschmiss. Ich war unbeschwert, nahm jeden Tag, wie er kam.» Pepe Lienhards Vater war Stationsbeamter am Bahnhof Lenzburg. Das Elternhaus liegt in einem gutbürgerlichen Einfamilienhaus-Quartier an der Bleichemattstrasse. Mieter bewohnen heute die Liegenschaft, die nun Pepes Schwester gehört. «Hier habe ich meine Wurzeln, die mich geprägt haben», sagt Pepe Lienhard. Er öffnet das kleine Gartentürchen und geht schnurstracks hinters Haus, blickt sich um. «Hier war unser Garten. Mein Vater war Hobby-Gärtner. Er hat auch Rosen gezüchtet. Gewohnt haben wir im Parterre, das obere Stockwerk hatten meine Eltern vermietet. Und dort, wo heute eine Garage steht, war unser Hühner- und Entenstall.»
Pepe Lienhard zeigt der az seine Lieblingsplätze in Lenzburg
Am Fünfweiher Der Fünfweiher, im Bergwald südlich von Lenzburg, ist noch heute ein beliebter Naherholungsort der Lenzburger. Gleichermassen wie früher schon. Pepe Lienhard blickt einen Moment ins derzeit trübe Nass. Dann erzählt er: «Was haben wir jeweils Party gemacht hier am Fünfweiher. Wir haben in der Stadt Bier gekauft und Cervelats eingepackt, sind aufs Velo gestiegen und hierhergeradelt. Wir haben ein Feuer gemacht, die Cervelats gebrätelt und gefeiert. Und musiziert. Bassgeige und Schlagzeug haben wir in einem Handwagen aus der Stadt zum Weiher geschleppt. Heute schmunzeln wir darüber. Doch in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts kannte man nichts anderes. Wir wurden noch nicht mit Unterhaltung zugeschüttet, wir mussten selber dafür sorgen.» Schon als kleiner Bub sei er gerne zum Fünfweiher gegangen, berichtet Lienhard. «Ich habe hier Molche und Rossköpfe gefangen, in ein Kübeli mit Wasser gelegt und nach Hause gebracht. Dort legte ich sie ins Biotop, in welches ich meinen Sandkasten umgebaut hatte. Die Rossköpfe sind zu Fröschen gewachsen und haben wieder das Weite gesucht. So ist das Leben. Ich hatte schon als kleiner Bub gerne Tiere. Das ist bis heute so. Zuhause in Frauenfeld haben wir Hühner, Hasen und einen Hund.» Lienhard blickt sich um, schaut auf die Leute, die an den Feuerstellen bräteln. «Ich war 50 Jahre lang nicht mehr hier. Es hat sich schon verändert. Ist der Weiher im Winter immer noch zugefroren? Als Kinder konnten wir hier noch jeden Winter Schlittschuh laufen und Hockey spielen.»
Beim Römerstein eim Römerstein darf das Saxophon mit aufs Foto. Aus guten Grund: «Hier haben wir oft gespielt, hier habe ich mit Freunden den 20. Geburtstag gefeiert. Ich erinnere mich noch gut an die Party. Das war kurz nach der Matura. Wir hatten allen Grund zum Feiern. Zu dieser Zeit leitete ich bereits zwei Bands: die «Pepe-Lienhard-Band», mit der wir an den Wochenenden Tanzmusik machten. Und eine Amateur-Big-Band, mit der wir schnell bekannt wurden in der ganzen Schweiz und in Europa. Ich schmunzle, wenn ich daran denke, wie wir für ein Engagement beim Uni-Ball in Zürich Sack und Pack in den Zug verfrachtet haben und nach Zürich reisten. Damals musste man in Wettingen noch umsteigen.»
Mutter Lienhards Handlung an der Augustin-Keller-Strasse Das Gebäude steht noch, anstelle des Kolonialwarenladens ist längst neues Gewerbe eingezogen. Lienhard blickt zum Haus und erinnert sich. «Mutter führte hier einen typischen Quartierladen, wie sie damals üblich waren. Mehl, Zucker, Salz, Griess, Makkaroni und anderes mehr standen noch nicht portioniert und abgepackt in den Verkaufsregalen wie heute. Vieles wurde offen angeboten, in grossen Schubladen, die sich hinter der Verkaufstheke befanden. Mutter hat das Gewünschte jeweils mit einer kleinen Schaufel in Papiertüten gefüllt. Auf der Theke stand die Waage mit den beiden Waagschalen aus Messing, stets blank geputzt. Daneben die Gewichte fein aufgereiht. Damals musste ja noch alles abgewogen werden. Die Lebensmittel wurden in 50-Kilogramm-Säcken angeliefert. Wir Kinder mussten helfen, jeweils am Mittwochnachmittag und am Samstag die Schubladen wieder aufzufüllen. Mein Mueti hat die Kundschaft geschätzt. Kinder geliebt. Sie hat ihnen ein Täfeli gegeben, wenn sie in den Laden kamen.»
Im Hotel Krone Seine erste Band, die «College Stompers», gründete Pepe Lienhard mit fünf Kollegen als 12-Jähriger. Man trat an den Jugendfest-Vorabenden auf der Lenzburger Schützenmatte auf. Schon bald wechselte die Band auf die Bühne im Hotel Krone. Pepe Lienhard schmunzelt und erzählt: «Wir durften hier unsere ersten richtigen Konzerte machen. Hotelier Charly Gruber war uns stets wohlgesinnt. Wir waren unser eigener Veranstalter, haben selber kleine Plakate gedruckt und in der Stadt aufgehängt. Meine Schwester besorgte den Billettverkauf. Der Eintritt kostete zwei Franken. Meine Musiker waren alle einige Jahre älter als ich. Mein Vater wollte mein Tun vom Rektor der Bezirksschule absegnen lassen. Die Extra-wurst wurde mir zugebilligt, solange meine schulischen Leistungen nicht nachlassen würden. In der Kanti wurde es dann schwieriger, alles unter einen Hut zu bringen. Für die Matura hat es glücklicherweise doch noch ‹häb-chläb› gereicht. Unter meinen Musikern war ich immer der jüngste, doch der grösste – und der Chef (lacht). Ich war voller Energie, wollte Musik machen.»

Etui-Fabrik Vonaesch an der Seonerstrasse Überraschungsbesuch bei Fritz Vonaesch (links). Vonaesch war Trompeter in Pepes Jugend-Band, den «College Stompers». In Vonaeschs Familienbetrieb an der Seonerstrasse befand sich das erste Probelokal. Fritz Vonaesch ist im Garten, als wir ankommen. Sofort schwelgen die zwei ehemaligen Band-Kollegen in Erinnerungen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Sie sprechen über die allererste, folgenschwere Probe. Pepe Lienhard lacht und erzählt: «Es war an der Auffahrt im Jahr 1958, als wir hier zum ersten Mal musizierten. Die Fensterflügel hatten wir geöffnet. Das hat nicht allen Nachbarn gefallen. Obwohl wir damals noch keine Verstärker hatten und sich unser Dixie-Sound in Grenzen hielt, gab es Reklamationen bei der Polizei, worauf diese dann bei uns vorfuhr.» Fritz Vonaesch erinnert sich an ein anderes Müsterchen aus dieser Zeit: «Wir haben unsere Instrumente in den VW-Bus gepackt und sind losgefahren, Richtung Holland und bis nach Schweden. Wo immer es möglich war, haben wir gegen eine Topf-Kollekte kleine Konzerte gemacht und Dixie gespielt. Das Geld reichte jeweils just, um etwas zum Essen zu kaufen. Ich war 18 und hatte gerade das Autobillett gemacht. Pepe war zwei Jahre jünger.»

Chris Iseli

Lenzburg hat zwei weltumspannende Export-Schlager: Hero ist als Konfitüre in aller Munde. Der Musiker Pepe Lienhard, mit Saxophon und Piccolo, swingend und jazzend in aller Ohren. Der Bandleader hat die Schweizer Unterhaltungsmusik in den vergangenen Jahrzehnten geprägt wie kaum ein anderer.

Voller Vorfreude, leicht angespannt. Neugierig auf die Begegnung mit dem Weltstar warten wir beim vereinbarten Treffpunkt am Bahnhofkiosk auf Pepe Lienhard. Zwei Monate lang sind zuvor Whatsapp zwischen seiner Frau Christine und dem az-Büro Lenzburg hin und her gegangen, bis es klappte.

Serie Lieblingsplätze (1)

In einer Serie zeigen prominente Aargauer der az ihre Lieblingsplätze und erzählen, welche Bedeutung diese für sie haben und welche Erinnerungen daran geknüpft sind.

Dann kommt er. Aus der Bahnhof-Unterführung steigt Pepe Lienhard, das Saxophon unter dem Arm, mit anderen Zugreisenden die Treppe hoch. Er ist nicht allein, spricht mit einer Frau. Oben angekommen, verabschiedet er sich. Schaut um sich. Wir begrüssen ihn mit «Grüezi Herr Lienhard». «I bi de Pepe», sagt er und reicht uns die Hand. Dreht sich noch einmal nach der Frau um, schmunzelt und sagt: «Das ist eine alte Bekannte von mir. Ich habe sie seit 50 Jahren nicht mehr gesehen.»

Genauso lange ist es her, seit Pepe Lienhard seine Heimatstadt verlassen hat. Mit 20 Jahren. Ein junger Musiker, hungrig auf die grosse weite Welt und den Erfolg. Es war der Start zu einer beispiellosen Karriere, die heute noch andauert.

Seine erste Band hat Pepe Lienhard in der Bezirksschule gegründet, «The College Stompers». 1969 folgte ein Profi-Sextett. Dessen erster Erfolg war «Sheila Baby». 1977 schaute mit der «Swiss Lady» am Eurovision Song Contest Platz 6 heraus. Von 1995 bis 2011 leitete Lienhard die Swiss Army Big Band. Mit dem 1980 gegründeten Pepe Lienhard Orchester trat er an Galas und Bällen auf, spielte unter anderem mit Sammy Davis jr. und Frank Sinatra, war 37 Jahre Begleitorchester von Udo Jürgens. Lienhard wohnt mit seiner Frau Christine in einem umgebauten Bauernhaus in Frauenfeld.

Nach einem halben Jahrhundert kehrt Pepe Lienhard zurück nach Lenzburg und führt die az-Leser an die wichtigen Plätze seiner Jugendzeit: Zum Elternhaus, wo er aufwuchs, zum Fünfweiher, wo Party gemacht wurde, bis ins Hotel Krone, wo er als Bezirksschüler die ersten Konzerte gab.

Klicken Sie sich durch die Bildergalerie oben und begleiten Sie Pepe Lienhard zu seinen Lieblingsplätzen in Lenzburg!