Der Entscheid generiert dem Kanton Zusatzeinnahmen in Millionenhöhe, Senioren mit Wohneigentum stellt er vor existenzielle Ängste. Der Grosse Rat beschloss im November, den Eigenmietwert anzuheben und erhofft sich dadurch ab 2016 für den Kanton jährliche Zusatzeinnahmen von 14 Millionen Franken, für die Gemeinden 13 Millionen.

Mitfinanziert von den beiden Pensionären Fritz und Romy Beglinger. Als Besitzer einer Eigentumswohnung in Widen sind sie Direktbetroffene des Entscheids. Ihrem Unmut machten sie in einem Brief an den Grossen Rat Luft: «Dieser Beschluss ist für uns eine Katastrophe und nicht nachvollziehbar», schreiben sie im Brief vom 13. Dezember. «Meine Frau und ich leben jetzt von einer AHV und vom spärlichen ‹Altersvorsorgevermögen›, das jährlich abnimmt und keine zehn Jahre mehr reichen wird. Was dann, ist unsere quälende Frage?»

«Nur die AHV bleibt gleich»

«Der Brief war für uns ein Ventil», berichtet Fritz Beglinger am Esszimmertisch seiner 3.5-Zimmer-Wohnung. «Wir hoffen aber auch, dass er etwas bewirkt.» Seit 1981 wohnt der 73-Jährige mit seiner Frau (62) in der Überbauung der ehemaligen Swissair. Seit damals habe der Eigenmietwert massiv zugenommen. 1983 belief sich der Eigenmietwert ihrer Wohnung noch auf 6914 Franken, mittlerweile stieg er auf über 11 000 Franken. «Solange ich gearbeitet habe, konnten wir das noch verkraften», sagt Fritz Beglinger.

Am 1. Januar tritt der nächste Anstieg in Kraft und in Widen wird der Eigenmietwert um 9 Prozent erhöht. «Die Lebenshaltungskosten steigen von Jahr zu Jahr, nur die AHV bleibt gleich», stellt Beglinger fest. Der ehemalige kaufmännische Angestellte ist sich sicher: «Wir sind nicht die Einzigen, die darunter leiden, dass das Wohnen im Alter im Eigenheim langsam zum Albtraum wird.»

Dass die Erhöhung des Eigenmietwerts Existenzängste bei den Eigentümern unter den Senioren auslöse, sei kein Einzelfall, so Hans Ulrich Mathys, Präsident des aargauischen Seniorenverbands. «Vor allem dann, wenn die Hypothek des Hauses abbezahlt ist und nebst der AHV keine zusätzlichen Einnahmen mehr in die Kasse fliessen.» Aus seiner Sicht hätte es eine Möglichkeit gegeben, Senioren zu entlasten: «Ein zusätzlicher Rentenabzug für jene Pensionäre, die neben der AHV kein Einkommen mehr haben.» Er betont aber: «Die Erhöhung macht nicht nur Pensionären zu schaffen.»

Die Sonne scheint in die 100 Quadratmeter grosse Wohnung der Beglingers. Von ihrem Balkon aus sieht man bei klarer Sicht bis zu Eiger, Mönch und Jungfrau. «Wir haben uns wegen der schönen Aussicht und der Sonne für die Wohnung entschieden», sagt Fritz Beglinger. Trotz den derzeitigen finanziellen Bedenken: Das Ehepaar hat den Kauf der Wohnung nie bereut. Sie hätten sich damals dafür entschieden, um geschützt zu sein: «Vor Immobilienspekulanten, willkürlichen Kündigungen und Mietzinsaufschlägen.»

Nun leidet das Ehepaar trotzdem unter Mietzinsaufschlägen, jenen ihrer eigenen Wohnung. «Wieso muss ich Steuern zahlen für eine Miete, die ich nicht erhalte?», fragt sich der Pensionär, und: «Wieso muss diese jetzt noch erhöht werden? Wegen den Renovationskosten, die wir selbst bezahlt haben?» Bei der letzten Erhöhung wehrte sich das Paar per Einsprache. Der Eigenmietwert seiner Wohnung wurde in der Folge neu geschätzt und geringfügig gesenkt. Ob sie dieses Mal wieder dagegen vorgehen, weiss das Ehepaar noch nicht. Zuerst warte man die Antwort auf das Schreiben ab. Falls nichts gegen die Erhöhung zu machen sei, hat sich das Ehepaar schon eine Strategie zurechtgelegt. Fritz Beglinger: «Dann stecken wir für die nächsten Jahre den Kopf in den Sand und versuchen, nicht an die Zukunft zu denken.» 

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