Tumor

Paul-Scherrer-Institut soll Zentrum für Protonentherapie werden

Für Gantry2 am PSI läuft die Erprobung, ab 2013 steht das ultraschnelle Scanning für Patienten mit beweglichen Tumoren zur Verfügung. PSI

Für Gantry2 am PSI läuft die Erprobung, ab 2013 steht das ultraschnelle Scanning für Patienten mit beweglichen Tumoren zur Verfügung. PSI

Die Protonentherapie ist ein Erfolgsmodell, das heute weltweit angewendet wird und dem Paul-Schwerrer-Institut Lizenzgebühren bringt- In der Schweiz droht ein Wettrüsten, das hohe Kosten verursacht. Die Politik strebt daher eine Beschränkung an.

Alle staunten sie mit offenem Mund», versichert die Aargauer Ständerätin Christine Egerszegi (FDP, Mellingen). Den Zweck ihrer Reise ins Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen/ Würenlingen hat die Präsidentin der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit damit erreicht: Ihren Kolleginnen und Kollegen von der kleinen Kammer plastisch vor Augen zu führen, wie das weltweit fortschrittlichste Gerät für die Protonentherapie aussieht. Die 170 Tonnen schwere Gantry2 kann sich auch der Laie irgendwie vorstellen.

Statt in die Röhre geschoben, wird der Bestrahlungskopf so gedreht, dass der Protonenstrahl die tief liegenden Tumoren mit höchster Präzision trifft. Aber die Technik hinter dem Behandlungsraum fasziniert auch Gesundheitsfachleute. «Da steht eine 90 Tonnen schwere Maschine, die einen Strahl von Protonen erzeugt, die sich mit 180000 Kilometern pro Sekunde bewegen», erklärt Egerszegi. Unvorstellbar! Aber darum geht es jetzt nicht.

Hälfte der Schweizer Patienten kommt

Den Strahl will die Politik keineswegs bremsen, die Ausweitung der medizinischen Anwendung in der Schweiz aber schon. Das PSI ist kein Spital, aber die Bestrahlungen erfolgen immer ambulant (siehe Kontext). Die in unserem Land relevanten Fälle mit den bewilligten Indikationen können in Villigen behandelt werden. «Im letzten Jahr haben wir fast 350 Patienten bestrahlt, mehr als die Hälfte davon zugewiesen aus dem EU-Raum», betont PSI-Vizedirektor Martin Jermann. Aus der Schweiz kam etwa die Hälfte der möglichen Patienten ins untere Aaretal, weil fast alle Schweizer Spitäler heute über hochmoderne und sehr leistungsfähige konventionelle Geräte verfügen.

«Die von uns während über zehn Jahre geleistete Pionierarbeit in der Protonentherapie-Technik hat sich durchgesetzt», freut sich Jermann. Weltweit entstehen Protonentherapie-Anlagen, welche die PSI-Technologie nutzen. Damit kann sich das PSI einen Teil der Forschung mit Lizenzgeldern finanzieren. Vielen Menschen mit Tumoren, sei es in den Augen, im Gehirn, im Bereich der Wirbelsäule oder anderswo in der Nähe kritischer Organe, kann entscheidend geholfen werden, ohne die gesunden Zellen zu zerstören.

Gefahr einer Zweiklassenmedizin

Von dieser Entwicklung wollen auch Unispitäler und private Unternehmen profitieren, die im boomenden Gesundheitsmarkt speziell in der Spitzentechnologie auch Spitzengewinne erhoffen. Das Universitätsspital Bern und seine Partner wollen eine Protonentherapie in einem mehrstöckigen Neubau unterbringen und rechnen längerfristig mit schweizweit 2500 Patienten pro Jahr. Mit ganz grosser Kelle will eine amerikanische Gruppe das Proton Therapy Center Switzerland (PTC) in Galgenen SZ am oberen Zürichsee bauen. Gerechnet wird hier mit zehnmal so vielen Tumor-Patienten aus ganz Europa, wie sie derzeit am PSI behandelt werden. Martin Jermann betont aber, dass die Kapazitäten auch von grossen Anlagen beschränkt sind, wenn man die hohen Qualitätsansprüche halten will. Die grössten Anlagen in den USA kämen im Mittel auf 1000 Patienten.

Doch der freie Markt stösst in der Spitzenmedizin aus zwei Gründen rasch an seine Grenzen: wegen der hohen Kosten und der Gefahr einer Zweiklassenmedizin, bei der jene Krebspatienten bevorzugt würden, welche die Zehntausende von Franken aus der eigenen Tasche berappen können und wollen. Für Egerszegi ist «die ethische Frage eine der grössten Herausforderungen im künftigen Gesundheitswesen», der Entscheid durch die Gesellschaft, wer welche teure Behandlung bekommt: nur Junge und Reiche oder alle. In den Ständerat kommt demnächst eine Motion, das PSI als einziges Zentrum für Protonentherapie zu bezeichnen, so lange es die bewilligten Fälle abdecken kann und weitere Kapazitäten mit Gantry2 und Gantry3 im Aufbau sind.

Dies mit Unterstützung von je 20 Millionen Franken durch die Kantone Aargau und Zürich. Der Nationalrat hat die ursprünglich von Ruth Humbel (CVP, Birmenstorf) eingereichte und von der Kommission abgeänderte Motion mit 105 zu 54 Stimmen deutlich bejaht. Auch der Bundesrat sieht keinen Anlass für ein weiteres Zentrum. Christine Egerszegi hofft, der Ständerat werde ein deutliches Zeichen setzen. Die Leistungspflicht der Krankenkassen beschränkt sich heute auf wenige Indikationen. Eine Ausweitung sei nur «unter Beachtung des Gebotes der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit zulässig», so der Bundesrat.

«Zweites Zentrum macht Sinn»

45000 statt bis zu 35000 Franken würde eine vergleichbare Behandlung wahrscheinlich kosten, wenn die Investitionen in die Anlage berücksichtigt werden müssten, schätzt Martin Jermann. Die tieferen Kosten am PSI kommen zustande, weil die Anlagen vorwiegend mit öffentlichen Mitteln zu Forschungszwecken gebaut wurden und werden. Gantry 3 ist beschlossen und soll ab 2016 primär für die klinische Forschung im Einsatz stehen. Mit Gantry2 und Gantry3 ist auch eine Behandlung beweglicher Tumoren in Lungen und Brust vorgesehen.

Wenn in Zukunft solche für die Protonentherapie geeignete neue Patientengruppen dazu kommen, «könnte ein zweites Zentrum in der Schweiz durchaus Sinn machen», meint Jermann. Aber das ist ein längerfristiges Szenario, vorerst unternimmt die Politik alles, um die Therapie auf das PSI zu beschränken.

Meistgesehen

Artboard 1