Aargauer Justiz

Paukenschlag im Fall Gränichen ++ Bundesgericht hebt Mordurteil auf ++ Freispruch für Bosnier

Es gibt keine Beweise, dass Zeljko J. vor sechs Jahren in einer Werkstatt in Gränichen den damals 31-jährigen David M. erschossen hat. Zu diesem Schluss kommt das Bundesgericht, es hebt das Mordurteil des Aargauer Obergerichts gegen den Bosnier auf. Wer der Todesschütze im Fall Gränichen war, dürfte damit offen bleiben.

Es ist ein Paukenschlag - und eine Schlappe für die Aargauer Justiz: Das Bundesgericht hebt das Mordurteil gegen Zeljko J. auf. "Die Vorinstanz verfällt in Willkür, wenn sie feststellt, dieser habe auf David M. geschossen", heisst es im Urteil aus Lausanne, das heute publiziert wurde. Laut dem Bundesgericht gibt es keine Beweismittel, die "eine allfällige Täterschaft von Zeljko J. hinreichend belegen würden".

Zuvor hatte das Bezirksgericht Aarau den heute 47-jährigen Bosnier des Mordes schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Zeljko J. im Oktober 2012 in einer Garage in Gränichen den damals 31-jährigen David M. umgebracht hatte. Der Bosnier bestritt schon bei der Verhandlung vor dem Bezirksgericht vehement, auf den Kranmonteur geschossen zu haben.

Geständnis und Tatwaffe fehlen

Das Gericht kam aber zum Schluss, Zeljko J. habe David M. getötet - und zwar im Auftrag von Garagenbesitzer Daniel G. Hintergrund der Tat war eine Affäre: Daniel G. soll mit Nadja M., der damaligen Ehefrau des Opfers, eine Beziehung gehabt haben.

Bei der Verhandlung vor Bezirksgericht hatte Daniel G. eingeräumt, er habe Zeljko J. gebeten, David M. eine Abreibung zu verpassen. Dies, weil David M. ständig Geld von ihm verlangt habe  - keinesfalls habe er dem Bosnier aber den Auftrag gegeben, den Ehemann seiner Geliebten umzubringen.

Obwohl der Tathergang bis heute unklar ist, ein Geständnis und die Tatwaffe fehlen, fällte das Bezirksgericht zwei Mordurteile. Es schickte nicht nur Zeljko J., sondern auch Daniel G. für 15 Jahre ins Gefängnis.

Mordfall Gränichen kommt vor Obergericht

Mordfall Gränichen vor Obergericht

"Ich bin unschuldig", beteuerte Zeljko J.stets.

Später revidierte das Obergericht das Urteil gegen den Garagenbesitzer: Dieser habe dem Bosnier keinen Mordauftrag erteilt, sondern ihn nur zur Nötigung angestiftet - nämlich dazu, David M. einzuschüchtern.

Dafür wurde Daniel G. noch zu einer bedingten Geldstrafe von 14'400 verurteilt, die ursprüngliche Strafe wurde also massiv reduziert. Er habe nicht damit rechnen müssen, dass Zeljko J. seinen Auftrag so interpretieren würde, dass er David M. gleich umbringen würde, befand das Obergericht.

Obergericht bestätigte Mordurteil

Das Mordurteil gegen den Bosnier bestätigte das kantonale Obergericht allerdings. Obwohl der Tatablauf nicht in allen Details geklärt sei, stehe zweifellos fest, dass dieser David M. im Oktober 2012 in der Werkstatt in Gränichen erschossen habe. Die Tat sei eindeutig als Mord zu qualifizieren, das Leben von David M. sei besonders skrupellos ausgelöscht worden, befand das Gericht.

Zeljko J. sei dem angeschossenen Opfer gefolgt und habe ihn mit einem zweiten Schuss regelrecht niedergestreckt. Dazu passt eine Aussage von Daniel G., der am Tatort auf Zeljko J. traf und diesen sagen hörte, «der Siech lebt ja noch». Zwar habe es auch der Auftraggeber mit der Wahrheit nicht immer genau genommen, aber eine derartige Aussage vergesse man nicht, deshalb sei G. in diesem Punkt glaubwürdig.

Der vermeintliche Todesschütze bestritt vor Obergericht sämtliche Vorwürfe und sagte, er habe mit der Tat nichts zu tun. Auf gar keinen Fall habe er selber geschossen, das Opfer sei schon tot gewesen, als er in die Werkstatt gekommen sei. Nach der Urteilsverkündung sagte der Bosnier: «Es ist immer so, die Ausländer werden verurteilt. Aber ich bin unschuldig, ich habe nichts getan.»

Aussagen "nicht glaubhaft"

Nun erhält Zeljko J. vom Bundesgericht tatsächlich Recht - und eine beträchtliche Haftentschädigung, zumal er laut dem Urteil aus Lausanne mehrere Jahre unschuldig im Gefängnis sass. Das Bundesgericht hält fest, Daniel G. selber habe David M. an jenem Herbstabend 2012 in seine Werkstatt bestellt. Dort sollte ihm Zeljko J. klarmachen, dass er keine weiteren Geldforderungen mehr stellen solle - zumindest sei dies die Darstellung des Garagenbesitzers. "Dass Daniel G. unter diesen Umständen als Täter verdächtigt werden kann, liegt auf der Hand", heisst es im Urteil des Bundesgerichts.

Daniel G. habe vor diesem Hintergrund "ein erhebliches Interesse, den Tatverdacht auf Zeljko J. zu lenken und sich damit selber zu entlasten", schreiben die Bundesrichter weiter. Deshalb könnten Aussagen von Daniel G., welche den vermeintlichen bosnischen Todesschützen belasteten, "nicht als glaubhaft angesehen werden", heisst es im Urteil.

Tatsächlich sass Daniel G. zu Beginn des Verfahrens in Untersuchungshaft, weil er selber verdächtigt wurde, David M. erschossen zu haben.

Zeuge täuschte sich offenbar

Neben dem Garagenbesitzer, dem Bosnier und dem späteren Opfer war auch der Schwager von Daniel G. am Tatort, als die tödlichen Schüsse fielen. Dieser sagte bei mehreren Befragungen aus, er habe durch das Werkstatttor gesehen, wie eine unbekannte Person hinter Daniel G. hergerannt sei. Er habe den Garagenbesitzer an dessen spezieller Gangart erkannt, dieser sei dann ausgerutscht und hingefallen. Der Schwager bestätigte mehrfach, bei der Person, die am Boden lag und auf die eine Waffe gerichtet wurde, habe es sich um Daniel G. gehandelt. 

"Getötet wurde aber nicht Daniel G., sondern David M.", heisst es im Urteil des Bundesgerichts lapidar. Das bedeutet, dass der Schwager sich offensichtlich täuschte, als er davon ausging, Daniel G. werde verfolgt und mit einer Waffe bedroht.

Für die obersten Richter ist deshalb klar: Die offensichtlich falschen Angaben dieses Zeugen "tragen zur Feststellung des Sachverhalts nichts bei." Weil es neben den Aussagen von Daniel G. und dessen Schwager keine weiteren Beweise gebe, die eine Schuld von Zeljko J. belegen würden, sei dieser freizusprechen.

Urteil 6B_1072/2016

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