Herr Wilhelm, Sie haben eine feine Nase, riechen, was andere nicht riechen können. Leiden Sie denn manchmal auch unter der allgemeinen «Duftverschmutzung»
im Alltag?

Andreas Wilhelm: Nein, überhaupt nicht. Aber wenn ich einen Duft nicht kenne, dann kann mich das schon so sehr beschäftigen, dass ich schlecht schlafe.

Wie sind Sie Parfümeur geworden?

Durch Zufall. Ich wollte eigentlich Goldschmied werden, fand aber keine Lehrstelle. Bei der Firma Givaudan fand ich dann 1993 eine Lehrstelle als Chemielaborant und ich war fasziniert, hängte dann auch noch die Ausbildung zum Parfümeur an. Dass ich eine feinere Nase habe als andere Menschen war mir zwar vorher schon bewusst; aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie mir einmal so hilfreich sein könnt.

Wie viele Düfte erkennen Sie?

Ich habe in meinem Kopf etwa 2200 Rohstoffe abgespeichert; das ergibt wohl rund 10 000 Düfte. Aber das ist nur eine Schätzung, ich habe sie nicht gezählt. Ein wissenschaftliches Experiment hat gezeigt, dass mein Gehirn, wenn ich das Wort «Zitrone» höre, gleich reagiert wie das Gehirn einer Person, die eine Zitrone physisch vor sich hat und daran schmeckt.

Wenn jemand einen Stumpen raucht, erinnert mich der Stumpenduft unweigerlich an meinen Grossvater, der auch Stumpenraucher war. Hängen Duft und Erinnerung immer zusammen?

Erinnerungen werden abgespeichert über Düfte. Jede und jeder kennt das: Ein Geruch erinnert einen unerwartet an Menschen oder Situationen von früher. Oder noch einfacher: Düfte sind immer auch Erinnerungen. Aber so unterschiedlich die Düfte sind, so individuell sind die Erinnerungen.

Kann man auch im fortgeschrittenen Alter noch lernen, differenzierter zu riechen? Oder ist die «gute Nase» angeboren?

Natürlich sind auch da die Talente von Natur aus unterschiedlich verteilt. Aber die Nase kann man trainieren. Die Nase ist lernfähig, und wer sich bemüht und übt, wird rasch differenzieren können; das Duftfestival ist da das ideale Übungsfeld.

Sie haben sich auf der Wildegg den kleinen Turm für eine Duftinstallation ausgesucht. Spielt da auch die Erinnerung eine Rolle?

Selbstverständlich. Als Kind durfte ich viele Schlösser besuchen, ich staunte über die Bauten, war geradezu ehrfürchtig. Diese Erinnerung an die Schlösser und ihren Geruch ist aber nur ein Teil, die Installation beschäftig sich auch mit den früheren Bewohnern. Sie wird nach erdigen Kartoffeln riechen, da die Effinger die Kartoffeln in den Aargau brachten, wo sie zuerst überhaupt nicht geschätzt wurden. Der Duft wird einen Hauch Orient enthalten, weil die Effinger bis in dieses Gebiet vernetzt waren. Ich versuche zudem, auch die alte Trutzburg riechbar zu machen mit den ungewaschenen, stinkenden Soldaten und dem Rossstall im Erdgeschoss.

Und das alles verpacken Sie in einen einzigen Duft?

Genau. Wenn sich die Besucher darauf einlassen, sich Zeit nehmen, wird man nach und nach die einzeln Duftkomponenten erkennen, hoffe ich.

Der zweite Raum im Schloss, den Sie «beduften», ist die Küche. Was erwartet uns da?

Da möchte ich eigentlich noch gar nicht alles verraten. Vielleicht so viel: Ich werde die Küche nicht einfach als Raum «beduften», das schien mir zu simpel. Ich habe einen andern Weg gewählt, einen viel intimeren: Das Geruchserlebnis findet im Mund statt und wird zum Geschmackserlebnis.