Sterben
Palliativmediziner Borasio: "Jeder Mensch stirbt anders."

Der bekannte Palliativmediziner Gian Domenico Borasio ist am Mittwoch zu Gast in Aarau. Im Interview erzählt er, warum wir uns nicht mit dem Tod auseinandersetzen und warum wir den Zeitpunkt des Todes beeinflussen können.

Aline Wüst
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Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio im Gespräch mit einer todkranken Frau. Jan Roeder

Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio im Gespräch mit einer todkranken Frau. Jan Roeder

Herr Borasio, wie möchten Sie sterben?

Gian Domenico Borasio: So, dass meine Familie am wenigsten darunter leidet. Und wenn möglich im Frieden mit mir selbst. Ein tibetischer Heiliger hat einmal gesagt, seine Religion bestehe darin, sich auf seinem Totenbett nicht schämen zu müssen.

Darauf hoffen auch Sie?

Ich bin kein tibetischer Heiliger, ich werde mich sicher für einiges schämen müssen – ich hoffe, dass es möglichst wenig sein wird.

Die meisten Menschen wünschen sich den Sekundentod – Herzstillstand und weg. Wir haben Angst vor dem Sterben.

Der Wunsch nach dem Sekundentod zeigt, dass wir uns nicht mit dem Tod auseinandersetzen. Früher starben die Menschen in den Dörfern und wurden aufgebahrt, auch die Kinder durften in den Sarg schauen. Heute kann man sehr alt werden, ohne jemals einen Toten gesehen zu haben. Es besteht eine gewisse Verdrängung der Tatsache, dass wir alle sterben werden.

Deshalb wünschen wir uns den plötzlichen Tod?

Das ist ein Resultat dieser Verdrängung: Man möchte am liebsten so sterben, dass man es gar nicht merkt.

Sie selber wünschen sich das nicht?

Nein. Weil man so gar keine Möglichkeit hat, sich darauf vorzubereiten, abzuschliessen, Menschen Lebewohl zu sagen und wichtige Beziehungen zu Ende zu führen.

Vielleicht ist es auch die Furcht vor einem qualvollen, langen Sterben.

Öffentlicher Themenabend

Der Palliativmediziner Professor Gian Domenico Borasio referiert auf Einladung der reformierten Landeskirche Aargau am Mittwoch, 11. September, im Kultur- und Kongresshaus in Aarau. Der Anlass beginnt um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. (AZ)

Diese Furcht ist heute unbegründet. Die moderne Palliativmedizin hat eine breite Palette an Möglichkeiten, Schmerzen und andere Ursachen von Leid am Lebensende so weit zu lindern, dass sie erträglich sind.

Was passiert, wenn jemand stirbt?

Wenn ich etwas gelernt habe in den vergangenen 20 Jahren, in denen ich Sterbende begleite, dann dies: mich immer mehr zurückzuziehen mit meinen eigenen Vorstellungen, was ein gutes Sterben ist. Das Sterben ist, wie das Leben, ein hochindividueller Prozess. Jeder Mensch stirbt anders. Und im Grossen und Ganzen kann man sagen, dass die Menschen so sterben, wie sie gelebt haben.

Was heisst das?

Wer sein Leben lang ein Kämpfer war, wird eher nicht friedlich bei Kerzenschein im Beisein seiner Angehörigen einschlafen. Wir hatten mal eine Patientin, die war Opernsängerin, die hat aus ihrem Sterben eine riesige Show gemacht. Das passte sehr gut zu ihrem Leben. Es gibt keine Vorschriften, wie man sterben soll. Niemand hat das besser gesagt als Rainer Maria Rilke, der schrieb: «O Herr, gib jedem seinen eignen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not.»

Sehen alle Toten friedlich aus?

Die meisten, und das ist faszinierend. Ob uns das etwas zu sagen hat, weiss ich nicht. Wenn es uns etwas sagt, dann ist es etwas sehr Beruhigendes.

Können Angehörige ein Hindernis sein, um zu sterben?

Es ist schwer, das Sterben einer geliebten Person zu akzeptieren. Ich habe in gewissen Situationen das Gefühl, dass ein Sterbender, manchmal sogar ein Komapatient, den Zeitpunkt seines Sterbens bewusst hinauszögert, um seinen Angehörigen die Möglichkeit zu geben, sich damit abzufinden – der letzte Liebesbeweis sozusagen an die Nächsten.

Der Mensch kann den Zeitpunkt seines Todes beeinflussen?

Davon bin ich überzeugt, auch wenn wir es wissenschaftlich noch nicht beweisen können.

Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben, die wenigsten tun es. Warum?

Die Menschen werden heute sehr alt und damit pflegebedürftig. Das wird sich nicht ändern, sondern noch zunehmen. Allerdings gibt es viele Patienten, die nicht im Spital sterben müssten, sondern zu Hause sterben könnten. Das bedürfte aber entsprechender Strukturen. Diese versuchen wir in Zusammenarbeit mit der nationalen Strategie «Palliative Care» des Bundesamts für Gesundheit zu fördern. Damit die Menschen zu Hause sterben, muss allerdings ein rund um die Uhr abrufbares Palliativ-Angebot bereitgestellt werden.

Sterben wurde also lang vernachlässigt im Gesundheitswesen.

Zum Ende des letzten Jahrhunderts haben wir enorme Fortschritte in der Medizin gemacht, von denen wir alle profitieren. Dabei hat man ein bisschen vergessen, dass am Ende eines jeden Lebens dann doch der Tod steht und die Sterbebegleitung eine urärztliche Aufgabe ist.

Nimmt der Arzt den Tod nicht oft als Feind wahr?

Es ist gut und richtig, dass Ärzte dazu trainiert werden, für das Leben zu kämpfen – aber nicht nur. Im Rahmen der nationalen Strategie «Palliative Care» haben wir den Erfolg errungen, dass Palliativmedizin verpflichtender Teil der Ausbildung von Medizinstudenten wird. Damit schaffen wir die Basis, dass sich die Ärzte von morgen in Sterbebegleitung auskennen.

Sie propagieren die Medizin des «liebevollen Unterlassens» am Lebensende. Was bedeutet das?

Eines der grössten Probleme am Lebensende ist die medizinische Übertherapie. Menschen, die an einer fortschreitenden Krankheit leiden, bekommen in ihrer letzten Lebensphase oft teure Therapien angeboten, deren Nutzen im Vergleich zu den Nebenwirkungen vorsichtig formuliert sehr fragwürdig sind.

Was passiert, wenn man diese Therapien unterlässt?

Diese Therapien kosten viel Geld, manche verlängern das Leben aber nachweislich nur um wenige Wochen bis Monate und nur unter schweren Nebenwirkungen. Gute Palliativmedizin verlängert das Leben ebenfalls, hebt dabei die Lebensqualität und senkt die Kosten. Ein vernünftiges Gesundheitssystem müsste diesen Ansatz längst priorisieren.

Tut es aber nicht. Warum?

Weil es im Gesundheitswesen viele konkurrierende Interessen gibt – auch finanzieller Natur.

Das Geschäft mit dem Sterben.

Die Gesundheit ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Über 64 Milliarden Franken werden jährlich dafür in der Schweiz ausgegeben. In den letzten Jahren eines Menschenlebens fallen die meisten Kosten an. Dabei geht es um zweistellige Milliardenbeträge – da hört die Freundschaft auf.

Die Pharmaindustrie mag also die moderne Palliativmedizin nicht.

Menschen, die Medikamente verkaufen, tun das aus einem völlig legitimen Marktinteresse heraus. Ein Arzt muss aber immer das Beste für seine Patienten wollen, das deckt sich nicht immer mit den Interessen der Pharmaindustrie.

Fordern nicht auch die Patienten diese Therapien?

Doch. Darum ist es wichtig, dass sie gut informiert werden. Die Ärzte müssen besser aufklären und den Patienten kann nur geraten werden, rechtzeitig zu lernen, wie man die richtigen Fragen stellt.

Was muss ich tun, damit ich einmal friedlich sterben kann?

Am allerwichtigsten ist, auch wenns banal klingt: Wer gut sterben will, sollte ein gutes Leben führen. Wer mit einem guten Gewissen und Freude auf sein Leben zurückblicken kann, hat die besten Voraussetzungen für ein gutes Sterben. Angst abbauend ist auch, wenn man sich gut über das Sterben informiert. Man kann auch in einer Patientenverfügung darlegen, welche Behandlungen man wünscht oder eben nicht. Ganz wichtig ist der frühzeitige Dialog mit Angehörigen und dem Hausarzt über die eigenen Prioritäten.

Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Die Arbeit mit Schwerkranken empfinde ich als grosses Privileg. Von diesen Menschen kann man das Leben lernen.

Ein Beispiel?

Ich hatte einmal einen wegen einer Muskelschwunderkrankung vollständig gelähmten Patienten, der hat mir kurz vor seinem Tod gesagt: «Meine Lebensqualität jetzt ist besser als meine Lebensqualität als gesunder, gestresster Manager. Ich kann jetzt im Augenblick leben.» Dieser Mann war einer meiner wichtigsten Lehrer.

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