Als sie neun Jahre alt war, begegnete Therese Rothenfluh zum ersten Mal in ihrem Leben dem Tod. Im Emmental, wo sie auf einem Bauernhof aufwuchs, starb eine Nachbarin. «Sie lag im Sarg, im Trocknungsraum ihres Wohnhauses. Das war ganz normal. Ich ging zu ihr hinunter und legte frische Blumen hinein.»

Ganz normal, ganz Alltag ist der Tod für Therese Rothenfluh auch heute. Im Team der Spitex Wettingen/Neuenhof arbeitet die diplomierte Pflegefachfrau als Palliative-Care-Spezialistin.

Mehrmals pro Monat ist sie unterwegs, besucht Patientinnen und Patienten, die kurz vor dem Lebensende stehen und ihre letzten Tage dort verbringen möchten, wo sie sich am wohlsten fühlen: zu Hause. Nicht mehr als einige Tage im Monat im Palliativdienst sind es deshalb, weil diese Arbeit einem viel abverlangt – und darum eine Abwechslung wichtig ist.

«Man muss lernen, dass man die Heiterkeit nicht verliert.» So arbeitet die 50-Jährige zwischen den Einsätzen am Schreibtisch, erstellt Dienstpläne, koordiniert Weiterbildungen, bildet junge Pflegefachleute aus.

Therese Rothenfluh hat früh gemerkt, dass Sterbebegleitung etwas ist, das ihr liegt, das ihr etwas gibt, schon als sie noch auf der Reha und in Spitälern arbeitete. Dann kam sie zur Spitex und merkte: Ihr fehlt Fachwissen. «Wenn du zu einer Patientin fährst, bist du alleine unterwegs, da kannst du nicht einfach kurz den Stationsarzt fragen.»

In Zürich schrieb sie sich für eine Weiterbildung ein: höhere Fachausbildung Palliative Care, Niveau B2, zwei Jahre berufsbegleitend. Und weil der Spitex-Betrieb Wettingen/Neuenhof einer ist, «der sich entwickeln will», wie Leiterin Cécile Frei sagt, kam er für die Weiterbildung auf.

Heute umfasst das Palliative-Team fünf Personen. Das hat zwei Gründe: Immer mehr Pflegefachleute wollen umfassende Pflege bieten können, und immer mehr Patienten wollen «bestmögliche Lebensqualität bis zum Schluss».

«Es ist nie gleich»

«Es braucht Mut, frühzeitig an den Tod zu denken, aber es lohnt sich», sagt Therese Rothenfluh. Was sie damit meint: Palliative Care ohne Angehörige ist nicht möglich. Genau deshalb wird sie oft erst hinzugerufen, wenn die Zeit bereits knapp ist.

Kinder befassen sich – auch im Erwachsenenalter – nicht gerne mit dem bevorstehenden Tod von Vater oder Mutter. Erst, wenn Gewissheit besteht, dass im Spital nichts mehr ausgerichtet werden kann, dass man die Eltern zum Sterben nochmals nach Hause bringt, erst dann rufen sie an.

Dann muss Therese Rothenfluh in einem Ersteinsatz schnell erkennen, was gebraucht wird. «Es ist nie gleich.» Manchmal wissen Angehörige alle Details eines Krankheitsbildes – manchmal sagt der behandelnde Arzt lieber zu wenig als zu viel, und die Spitex-Mitarbeiterin muss dann aufklären: «Ja, es ist bald so weit.»

Eine konkrete Prognose stelle sie aber nie: «Der Tod kennt keinen Fahrplan.» Viele Patienten sind schon lange schwer krank, haben ALS, MS oder Rheuma. Einige sind einfach erschöpft, können oder wollen nicht mehr.

Mitfühlen, aber nicht Mitleiden

Therese Rothenfluh arbeitet nicht nur mit den Menschen, die gehen, sondern vor allem auch mit jenen, die bleiben: Angehörigen muss sie erklären, was als Nächstes passiert, wie sich die Atmung oder die Farbe von Armen und Beinen verändern kann.

Oder auch: Die Frage stellen, wie jemand nach dem Tod eingekleidet werden soll. «Solche Dinge anzusprechen, braucht viel Mut und sehr viel Fingerspitzengefühl.» Sie müsse jeweils den richtigen Moment abwarten.

Und sei die Situation zusätzlich belastet, etwa durch einen Familienstreit, werde es noch schwieriger. Als Spitex-Mitarbeiterin komme sie als Gast und müsse auch als solcher wieder gehen. Werten dürfe sie nicht. «Wenn ich vom Mitfühlen ins Mitleiden abrutsche, nütze ich nichts mehr.»

Therese Rothenfluh ist eine Frau, die Energie versprüht, keine Trauer verbreitet. Oft lacht sie, wenn sie etwas sagt – als sei mit jeder Begegnung mit dem Tod ihre Freude am Leben davor noch etwas grösser geworden.

Selbst, so sagt sie, habe sie keine Angst vor ihm: «Denn es nützt nichts.» Dennoch ist sie froh um Abgrenzung: Der Arbeitsweg, den sie bewusst mit dem Velo fährt, um den Kopf auszulüften. Die Joggingrunden im Wald. Die Büroarbeit auf der Spitex-Station.

Auch die Fallbesprechungen im Team und regelmässig bei Palliative Aargau mit anderen Fachleuten helfen. «Man muss sich und seine Grenzen gut kennen, wenn man diesen Job machen will.» Sie sagt es so, als könnte sie sich keine schönere Arbeit vorstellen. Wenn sich nur die Angehörigen jeweils etwas früher melden würden.