AKW Leibstadt

Oxidation an Brennelementen: Greenpeace spricht von einem «nie dagewesenen Problem»

Die Ursache für die oxidierten Stellen an mehreren Brennelementen des AKW Leibstadt ist noch unklar. Sicher ist jedoch, dass dem Betreiber Dutzende Millionen verlustig gehen werden. Und Greenpeace spricht von einem noch nie dagewesenen Vorfall.

Bei der Revision im Atomkraftwerk Leibstadt wurden Verfärbungen an acht Brennelementen festgestellt. Wie die AKW-Betreiber mitteilten, sind an den Hüllrohren der Elemente, die Uran enthalten, oxidierte Stellen festgestellt worden. Offenbar sind diese so gross, dass die betroffenen Brennelemente ersetzt werden müssen – das AKW wird zwei Monate länger als vorgesehen ausser Betrieb sein.

Die kritischen Reaktionen der Atomgegner liessen nach der Mitteilung nicht lange auf sich warten. Die Allianz für den geordneten Atomausstieg nimmt die Probleme im AKW Leibstadt – mit Jahrgang 1984 das jüngste und leistungsstärkste Kernkraftwerk der Schweiz – in einer Mitteilung «mit Sorge zur Kenntnis». Allianzleiter Kaspar Schuler sagt: «Der ungeplante Brennelementewechsel führt zu deutlich höheren Betriebskosten einer schon jetzt unrentablen Technik.» Die rostenden Elemente würden ein Schlaglicht darauf werden, «wie anfällig und unsicher die Stromversorgung durch Atomkraftwerke ist», ergänzt Schuler.

Sind die Fehler hausgemacht?

Greenpeace vermutet, die Befunde in Leibstadt dürften schweizweit ein Novum sein: «Ein so gravierendes Problem mit Brennelementen gab es in einem Schweizer AKW wohl noch nie», sagt Florian Kasser, der Atomexperte der Umweltschutzorganisation. Nach seinem Kenntnisstand ist hierzulande noch nie ein so schneller Oxidationsprozess bei mehreren Brennelemente vorgekommen.»

Besorgniserregend sei, dass die rostähnlichen Schäden offenbar innerhalb bloss eines Betriebsjahrs entstanden sind. Dies lässt für Kasser einen Fehler durch den AKW-Betreiber wahrscheinlicher erscheinen als allfällige Produktionsmängel. «Eine falsche chemische Zusammensetzung des Kühlwassers ist eine mögliche Ursache», sagt er. Auch die Kernauslegung – die Art und Weise, wie die Brennelemente angeordnet sind – könnte zu den Schäden geführt haben. Herstellungsfehler als Ursache wären für Kasser indes überraschend, «weil die Atomindustrie seit Jahren an der Qualität des Materials arbeitet und dieses tendenziell verbessert hat».

Greenpeace hält fest, Schäden an Brennelementen müssten sehr ernst genommen werden. Deren Hüllrohre stellen eine wichtige Sicherheitsbarriere dar. «Das Versagen eines Brennelements kann zur radioaktiven Verseuchung des Primärkreislaufes führen», hält Atomexperte Kasser fest. Im schlimmsten Fall könne gar ein schwerwiegender Störfall die Folge sein. Greenpeace fordert deshalb eine lückenlose Aufklärung des Vorfalls, bevor über eine Wiederinbetriebnahme des AKW Leibstadt entschieden wird.

Christian Schubert, Sprecher der Kernkraftwerk Leibstadt AG, sagt auf Anfrage: «Momentan untersuchen wir verschiedene mögliche Ursachen, auch in Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten.» Die Klärung der Ursachen für die Oxidation an den Elementen werde einige Wochen in Anspruch nehmen. «Nur auf Basis dieser Erkenntnisse können wir Korrekturmassnahmen vornehmen, sodass diese Oxidationen in Zukunft ausgeschlossen werden können», sagt Schubert. Zudem seien diese Erkenntnisse für die neue geplante Kernauslegung und damit für den folgenden Betriebszyklus notwendig.

Ersatz-Elemente schon an Lager

Schubert bestätigt, dass die betroffenen Brennelemente erst ein Jahr im Einsatz standen. Der Reaktorkern in Leibstadt besteht aus 648 Brennelementen mit jeweils 96 Brennstäben. Bei der Jahreshauptrevision wird rund ein Fünftel dieser Elemente ausgetauscht. Normalerweise ist ein Brennelement rund fünf Jahre in Betrieb. Schubert sagt, die nötigen Ersatz-Elemente habe das AKW bereits an Lager. Die Kosten für den Austausch der Brennelemente kann der Kraftwerks-Betreiber derzeit noch nicht beziffern. Klar ist aber, dass der Kernkraftwerk Leibstadt AG hohe Kosten entstehen, wenn der Reaktor nicht läuft. «Wir rechnen mit Stillstandskosten in der Höhe von einer Million Franken pro Tag», sagt Christian Schubert.

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