Zeitgeschichte Aargau

Orientteppich und Wohnwand: Sie kamen dank diesem Mann in die Schweizer Stuben

Der heute 84-jährige Toni Cipolat war in den 60er- und 70er Jahren Chefeinkäufer bei Möbel Pfister. Er ist einer der 60 Zeitzeugen, die im Projekt Zeitgeschichte Aargau aus ihrem Leben erzählen.

Der freundliche ältere Herr, der heute in einer unauffälligen Wohnung in Unterentfelden lebt, hat während dreier Jahrzehnte massgeblich bestimmt, wie die Schweizerinnen und Schweizer wohnen. Der 84-jährige Toni Cipolat arbeitete von 1958 bis 1995 für Möbel Pfister und machte das Unternehmen in dieser Zeit durch seinen zielgerichteten Ausbau des Sortiments zum grössten und erfolgreichsten Einrichtungshaus der Schweiz und zum Mass aller Dinge in der Einrichtungsbranche.

Cipolat stammt aus einfachen Verhältnissen, wächst in Zürich-Unterstrass auf, verliert früh den Vater. Er hätte gerne Geschichte studiert und möchte Lehrer werden; er ist leidenschaftlicher Pfadfinder und talentierter Ruderer.

Zeitzeugen bezeichneten ihn als ungeheuer fleissig. Nach der Handelsschule und der Rekrutenschule arbeitet er bei der Rückversicherungsgesellschaft in Zürich; das Geschichtsstudium kann er sich nicht leisten.

Nebenbei startet er seine eindrückliche militärische Karriere und lernt Schwedisch. Letzteres sollte ihm Jahre später zugutekommen in den Gesprächen mit Ikea-Gründer Ingvar Kamprad, mit dem er sich gelegentlich über die neuesten Möbel- und Einrichtungstrends austauschen konnte. 1958 holt ihn ein Ruderfreund vom Belvoir-Ruder-Club als Kalkulator in die Abteilung Einkauf bei Möbel Pfister in Zürich. Anfangslohn: 470 Franken pro Monat.

77 Ballen Teppiche aus Afghanistan sorgen für Erstaunen

Bei Möbel Pfister machte Cipolat rasch Karriere, aus dem Kalkulator wurde ein Einkäufer mit grossem Flair für Trends. So entdeckte Cipolat das Potenzial der Orientteppiche. «Ich war begeistert von diesem Kulturgut», erzählt er.

Und er war überzeugt, solche Teppiche könnten doch auch gut in die Schweizer Stuben passen  «Das geschah intuitiv», sagt er rückblickend, «ich kann das nicht rational erklären.» Toni Cipolat beschloss, die Teppiche für Möbel Pfister selber direkt im Orient einzukaufen. Mitte der 60er-Jahre reiste er in die Herkunftsländer, lernte persisch, beschäftigte sich intensiv mit den komplexen Ornamenten.

«Vielfalt und Bedeutung der jahrhundertealten Muster faszinieren mich bis heute», sagt Cipolat. Und tatsächlich: Schaut man sich in seiner Wohnung um, liegen da noch immer schöne Orientteppiche.

Damals kümmerte sich Cipolat auch um den Transport der Teppiche, die er vor Ort ausgesucht hatte. Dabei vertraute er auf häufig auf Schweizer Lastwagenchauffeure. «Transporte aus Teheran waren einfacher zu organisieren als jene aus Kabul», sagt Cipolat. Auf dem Tisch liegt sein Persisch-Deutsches Wörterheft, das er sich damals angefertigt hat.

«Einmal habe ich in  Kabul eine Lieferung mit 77 Ballen Teppichen bestellt», erzählt er. Von da an habe man ihn nur noch «Agaye Haftadahaft» genannt, was auf Deutsch «Herr Siebenundsiebzig» bedeute. Der Name sei ihm bis heute geblieben.

Wohnwand und Spannteppiche halten Einzug in der Schweiz

Den Schweizern gefielen die Orientteppiche, die Cipolat für sie ausgesucht hatte: Möbel Pfister wurde zum grössten Teppichhändler der Schweiz und verkaufte in Spitzenjahren für 80 Millionen Franken Orientteppiche. Jedes Preisschild wurde von Cipolat höchstpersönlich beschriftet, er prüfte die Qualität und bestimmte den Preis.

Fünf Prozent des Verkaufspreises erhielten die jeweiligen Verkäufer als Provision. Sie waren von Cipolat zuvor gründlich geschult worden, er hatte dazu auch ein leicht verständliches Lehrbuch über Orientteppiche, ihre Geschichte und die Bedeutung der Ornamente verfasst.

Doch mit der Zeit gerieten die Orientteppiche aus der Mode; neue Trends erreichten die Schweiz. Zum Beispiel kam aus Dänemark die Wohnwand aus Eiche – sie eroberte innert kurzer Zeit die Schweizer Stuben.

Und mit den Wohnwänden kamen die Spannteppiche, die von Wand zu Wand verlegt wurden. Die Nachfrage nach dem neuen Bodenbelag war riesig und stellte die Crew um Cipolat vor grosse logistische Herausforderungen.

So brauchte Möbel Pfister nun auch Bodenleger, welche die in vier Meter breiten Rollen angelieferten Teppiche verlegen konnten. Nicht nur die neuen Teppiche waren eine Sensation, sondern auch der Preis: Bei Möbel Pfister kostete ein Spannteppich 19.50 Franken pro Quadratmeter; andere Schweizer Teppichhersteller und -verkäufer gerieten dadurch heftig unter Druck.

Einkaufstourismus und «Möbelmeile» verändern vieles

Unter Cipolat wandelte sich Möbel Pfister vom reinen Möbel- zum Einrichtungshaus; Möbel wurden zwar weiterhin verkauft, aber man ergänzte das Angebot um Lampen, Teppiche, Vorhänge, Möbelbezugsstoffe und weitere Accessoires. Aus Verkäufern wurden Verkaufsberater, die sorgfältig ausgebildet wurden. Das Konzept des ganzheitlichen Einrichtungshauses hatte Erfolg.

«Gut schweizerisch»: die Perlen aus 70 Jahren Möbel-Pfister-Werbung

«Gut schweizerisch»: die Perlen aus 70 Jahren Möbel-Pfister-Werbung.

Die Absatzzahlen von Möbel Pfister verfünffachten sich in den Jahren 1960 bis 1980. An vorderster Front dabei: Toni Cipolat, der unermüdlich Messen besuchte, um die neuen Trends aufzuspüren und via Möbel Pfister in die Schweizer Wohnungen zu bringen.

«Doch dann änderte sich der Zeitgeist», erinnert sich Cipolat. Ikea eröffnete 1974 die Filiale in Spreitenbach, entlang der neuen Autobahn entstand die Aargauer «Möbelmeile».
Dazu kam der Einkaufstourismus nach Deutschland, der immer stärker einsetzte. «Die Leute wollten ohne Beratung kaufen, günstig dazu und die Möbel am liebsten gleich mitnehmen», sagt Cipolat.

Für Möbel Pfister begannen die schwierigen Jahre. 1995 ging Toni Cipolat nach 37 Jahren von Bord. Jahre später widmete ihm sein damaliger Marketingchef Helmut Hillen ein Buch über die erfolgreichen Jahre mit dem sinnigen Titel «Mensch, Toni».

Darin charakterisiert Hillen seinen Chef Cipolat als grossen Menschenfreund. Das hatte nicht nur Vorteile: «Toni Cipolat hat in seiner gesamten Karriere keinen einzigen Mitarbeiter entlassen. Das wäre ein hervorragendes Führungszeugnis, hätte er bei der Wahl seiner Mitarbeiter eine hundertprozentige Treffsicherheit bewiesen.»

Das Gespräch mit Toni Cipolat ist zu Ende; «Agaye Haftadahaft» ist müde geworden vom vielen Erzählen; bietet einen Kaffee an und schenkt dem Journalisten das Buch «Mensch, Toni». Fast schon entschuldigend sagt er: «Da steht alles drin, was Sie wissen müssen und was ich vergessen habe.»

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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