Helmut (Name geändert) ist ein unscheinbarer Mann, ein Rentner, wie man ihnen tagtäglich auf der Strasse begegnet, sich grüsst oder nicht. Auf jeden Fall aneinander vorbeigeht, ohne sich dabei etwas Böses zu denken.

Wie man sich täuschen kann: 63 Jahre alt ist Helmut, der sich für sein Tun diese Woche vor dem Bezirksgericht Lenzburg verantworten muss. Er kommt aus Deutschland, ist zwischenzeitlich wieder dorthin zurückgekehrt. Seine Taten, welche ihn vor den Richter führen, fallen jedoch in die Zeit, in welcher er in der Schweiz wohnte.
Helmut spricht nicht viel. Gekleidet ist er in Jeanshose und Jeansjacke, darunter trägt er ein bunt kariertes Hemd. Im Gespräch dreht er den Kopf immer ein wenig, als habe er Schwierigkeiten, den Ausführungen des Gerichtspräsidenten zu folgen. Den Fragen folgen kurze Antworten. Und vor allem: Helmut bestreitet nichts, was ihm in der Anklageschrift vorgeworfen wird.

Die Vorwürfe sind happig. Über eine Million Bilder mit kinderpornografischem Inhalt, teilweise sogar sexuellen Handlungen mit Kindern und Tieren, hat Helmut konsumiert. Und das in anderthalb Jahren. Hinzu kamen mehrere tausend Filme gleichen Inhalts. Im Frühling 2013 hatte sich Helmut erstmals auf dem einschlägigen Online-Portal registriert, wo er Kontakte zu Gleichgesinnten, nämlich an Kinderpornografie interessierten Personen, herstellte und pflegte. Bei diesem Online-Portal handelt es sich um ein sogenanntes Peer-to-Peer-Programm, bei welchem die potenziellen Partner einander ein gegenseitiges Zugriffsrecht erteilen müssen. Erst dann können Bilder und Videos ausgetauscht werden.


Jungs in der Pubertät


Rund anderthalb Jahre später ist Helmut in die Falle getappt. Auf der Tauschbörse sind ihm verdeckte Ermittler der Kobik (Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität) auf die Spur gekommen. In diesem Forum hatte Helmut sich geäussert, auf «Boys zwischen 10 und 14 Jahren» zu stehen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Kobik-Spezialisten den Mann während eines Jahres auf dem Radar gehabt und seine Aktivitäten mitverfolgt.

Reue oder nicht? «Ich kann nichts beschönigen», sagt der ehemalige Zimmermann gegenüber Gerichtspräsident Aeschbach. Und: «Es ist passiert.» Als Begründung gibt er an, zuviel Zeit gehabt zu haben. Auf die Zweifel des Gerichtspräsidenten auf die Beteuerungen «es» nicht mehr zu tun, weil er als Rentner nun noch mehr Zeit habe, sagt Helmut: «Meine Schwestern passen auf, dass ich keine Dummheiten mehr mache.» Zudem besitze er privat keinen Computer mehr. Um online zu gehen, müsse er jetzt in die Bibliothek im Dorf gehen.
Als Rentner muss Helmut auf Sparflamme leben. 666 Euro betrage seine monatliche Rente, gibt er vor Gericht an. Die Fixkosten würden 550 Euro betragen. Mit dem Rest muss er über die Runden kommen. Es gehe so, antwortete er auf die Frage, ob das reiche.

15 Monate hat Helmut nach seiner Festnahme in Untersuchungshaft verbracht. Der Gerichtspräsident erkundigt sich, wie er diese Zeit in Erinnerung habe. Helmut atmet tief durch, zögert einen Moment. Es sei ziemlich belastend gewesen, so die kurze Antwort. Dann versucht er glaubhaft zu machen, in dieser Zeit seine Bilder- und Video-Sucht überwunden zu haben.


Verkürztes Verfahren


Weil der Angeklagte in allen Punkten geständig war, hatte die Staatsanwaltschaft die Anklage im Rahmen eines abgekürzten Verfahrens erhoben. Das zuständige Bezirksgericht Lenzburg heisst den von den Parteien vorgelegte Urteilsvorschlag bis auf einen Punkt gut: Es beantragt die Probezeit für die bedingte Freiheitsstrafe von 36 Monaten von drei auf vier Jahre zu verlängern. Ob das ein Problem für ihn sei, fragt Gerichtspräsident Aeschbach den Angeklagten. Helmut schüttelt den Kopf. Kein Problem. Die 15 Monate Untersuchungshaft werden dem Strafmass angerechnet. Zusätzlich muss er auch die Verfahrenskosten in Grössenordnung von gut 30 000 Franken berappen.