Der Kreis dreht und dreht, die Ungeduld wächst und wächst. Die News, das Video, das Mail erscheinen nicht auf dem Display. Kein Empfang. Pendleralltag.

Jüngst verkündeten die SBB, bis 2022 ihre Züge aufzurüsten, mit Geräten, die empfangene Signale im Waggoninnern verstärken sollen. Ein Versprechen für die Zukunft gaben sie im Titel der Mitteilung ab: «Besserer Mobilfunkempfang auch im Regionalverkehr.»

Doch wie gut lässt sich in Aargauer Bussen, Postautos und Zügen derzeit im Internet surfen und telefonieren? Ein Augenschein im Kanton – auf rund 130 Kilometern.

Die erste Fahrt führt von Aarau nach Frick. Das Postauto steht bereit, wartet die Passagiere eines verspäteten Zugs ab, wie der Chauffeur über Lautsprecher bekannt gibt. Kein Problem, mein Smartphone zeigt vollen Empfang und die neusten Nachrichten zügig an. Der philippinische Präsident habe seinen amerikanischen Amtskollegen mit nicht druckreifen Schimpfwörtern eingedeckt, erfahre ich dort.

Die Pöbelei gibt es auf Video, doch will dieses nicht laden, während das Postauto der Bahnhofstrasse entlangfährt. Fehlermeldung. In der Altstadt klappt es dann – und schnell wird klar, wieso Obama das Treffen abgesagt hat.

Nebel auf der Staffelegg, schlechter Empfang. «Diese Website ist nicht verfügbar», heisst es beim Versuch, auf Facebook zu gelangen. Kurz vor Asp gelingt es mir doch, die Freundschaftsanfrage zu bestätigen.

Karte: Funklöcher im Kanton Aargau

Ein Blick auf die Abdeckungskarte der grössten Anbieter macht deutlich: Das 4G-Netz, das aktuell die schnellste Verbindung bietet, ist zwar vielerorts dicht, in ländlichen Regionen aber nach wie vor zuweilen löchrig. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Verkehrsbetrieben, wie eine az-Umfrage zeigt. Die BDWM (Bremgarten-Dietikon-Wohlen-Meisterschwanden Transport AG) etwa berichtet von einem ungenügenden Mobilfunkempfang im Bereich der Haltestelle Erdmannlistein.

Von verschiedenen Gebieten, in denen die Verbindung nicht wunschgemäss funktioniert, spricht René Bossard, Geschäftsführer beim Regionalbus Lenzburg. Und die Medienstelle von Postauto teilt auf Anfrage mit: «In sehr ruralen Gebieten und aufgrund topografischen Gegebenheiten, die den Empfang schmälern können (Täler, Berge), kann es auf unseren Strecken zu Empfangseinbussen kommen.»

Verschont davon bleibe ich zwischen Frick und Laufenburg, wo am Bahnhof bereits das nächste Postauto Richtung Döttingen wartet. Der Online-Fahrplan der SBB zeigt innert Sekunden, wie die Rundfahrt durch den Kanton weitergehen soll. Nur noch ein E erscheint bei Etzgen auf dem Display, der Empfang wird schlechter, die Wartezeit länger.

Funkloch bei Schwaderloch? Fehlanzeige, die Signalstärke nimmt zu, reicht bei Leibstadt wieder problemlos, um bei Zalando nach Schuhen für eine anstehende Hochzeit zu suchen. Kurz vor Döttingen ein Anruf, den Interviewtermin kann ich per Telefon störungsfrei vereinbaren.

«Sie sind offline»

Die Probleme beginnen nach Döttingen, in der gut gefüllten S-Bahn Richtung Koblenz. «Es besteht zurzeit keine Verbindung», meldet mein Smartphone. Kurz vor der Ankunft wird der Empfang wieder besser, doch die Zeit reicht nicht für einen weiteren Test – umsteigen in den nächsten Zug.

Unterwegs nach Bad Zurzach ist die Verbindung immer wieder gestört; auf der Rückfahrt nach Baden erscheint vor Rietheim die Meldung: «Ausserhalb des Abdeckungsbereichs», telefonieren ist nicht möglich. «Sie sind offline», heisst es dann vor und nach Koblenz – während mehrerer Minuten ist der Zugang zum Netz unterbrochen.

Mit einer Flut an Beschwerden wegen ärgerlicher Unterbrüche scheinen die Aargauer Verkehrsbetriebe nicht eingedeckt zu werden. Die SBB melden «nur einige wenige Kundenreaktionen», Postauto zählte in diesem Jahr bislang nur gerade eine Rückmeldung. Regionalbus-Chef René Bossard sagt stellvertretend für die meisten angefragten Unternehmen: «Wir haben null Beschwerden über schlechten Empfang.»

Ein ähnliches Bild bietet sich im Forum von AAR Bus+Bahn. Dort beschweren sich Kunden über verpasste Anschlüsse, verspätete Busse, unklimatisierte Züge – aber nicht über schlechte Internetverbindung.

Nur der Bus ruckelt

Grund zur Beschwerde gibt es auf der Fahrt durch den Kanton lange nicht mehr. Auf Google Maps lässt sich die Route über Baden nach Wohlen ruckelfrei verfolgen, ruckeln tut nur der Bus. Zwischen Fislisbach und Niederrohrdorf will ich auf Twitter das Video einer Bikefahrt anschauen, doch das lädt lange, stockt immer wieder.

Erst kurz vor dem Umsteigen sehe ich die Kuh, die sich dem Biker in den Weg gestellt hat. Die anschliessende einstündige Wartezeit in Stetten ist dann allerdings keinem Problem aus der digitalen Welt geschuldet: Anschlussbus nach Wohlen verpasst. Immerhin strahlt neben der Mobilfunkantenne auch die Sonne.

Am Wohler Bahnhof steht der Bus bereit für die Weiterfahrt nach Meisterschwanden. Mein Smartphone will sich mit dem WLAN verbinden, das vom Postauto nebenan herüberstrahlt (Signalstärke: gut). Weil ich mich bereits vorher registriert habe, bin ich in wenigen Augenblicken online und auf der Website der BDWM. «Clever unterwegs», lese ich dort. Und: «WLAN im Zug» – leider nicht im Bus, was sich kurz nach der Abfahrt bestätigt.

Überraschung beim WLAN

Damit sind die BDWM-Busse in guter Gesellschaft, WLAN ist in Aargauer Verkehrsbetrieben die Ausnahme. Bereits 2007 hat Regionalbus Lenzburg einen Versuch unternommen. Die Auswertung vier Jahre später zeigte ein überraschendes Ergebnis, wie René Bossard sagt: «Das Angebot wurde praktisch nicht genutzt. Das Bedürfnis scheint gering.» Das Experiment wurde daraufhin abgebrochen.

Ähnlich tönt es bei den Regionalen Verkehrsbetrieben Baden-Wettingen (RVBW), die versuchsweise einige Fahrzeuge mit WLAN ausgerüstet hatten. Ergebnis: Nur wenige Passagiere loggten sich ein. Andere Erfahrungen macht Postauto Schweiz seit vier Jahren, schweizweit rund 70 Prozent ihrer Fahrzeuge bieten diesen kostenlosen Service inzwischen an und verzeichnen täglich über 45 000 Aufrufe.

Dem Beispiel dürften in naher Zukunft keiner der Verkehrsbetriebe im Aargau folgen. Die az-Umfrage zeigt, in einem Punkt sind sich alle Aargauer Verkehrsbetriebe einig: Handlungsbedarf besteht aus ihrer Sicht zurzeit nicht, auch Signalverstärker, wie sie die SBB vermehrt einsetzt, sind kein Thema.

Gratis-Internet im Bahnhof

Die Rundfahrt führt über Meisterschwanden (das Video eines versprochenen Traumtors auf «11 Freunde» lädt von Villmergen bis Sarmenstorf), Lenzburg (vor Seengen entschädigt die Seesicht für ein Video, das erst mit Geduld und im zweiten Versuch zum Laufen kommt), Suhr (bei Hunzenschwil kämpft das Smartphone gegen den schlechten Empfang) nach Aarau (ein Video über eine Heli-Rettungsaktion auf der az-Website läuft in Buchs mit leichter Verzögerung).

Im Aarauer Bahnhof wechsle ich auf das gratis WLAN der SBB, das diese in schweizweit 80 Bahnhöfen anbietet, sechs davon im Aargau. Die Anmeldung per SMS-Code funktioniert genauso problemlos wie das Surfen in der Bahnhofshalle. Die Rundfahrt durch den Kanton endet genau zum richtigen Zeitpunkt – das Akkusymbol auf dem Smartphone zeigt noch fünf Prozent.

Das Fazit nach einem Tag in Aargauer Bussen und Zügen: Hin und wieder brauchen Smartphone-Nutzer viel Geduld. Kleiner Trost: Grosse Funklöcher sind eher selten, meist verschwinden sie so schnell wieder, wie sie aufgetaucht sind.