Um das wertvolle Gut Zeit, von dem alle Menschen gleich viel haben, drehte sich das neunte Wirtschaftssymposium Aargau. Dank lustvollen Vorträgen hochkarätiger Referenten brachte der Anlass Sonne in den grauen Januartag.

Wenn die Unternehmer die guten Ratschläge im Kultur- und Kongresshaus Aarau nur zum kleinen Teil umsetzen, haben sie in Zukunft keinen Stress mehr und viel Zeit zum Nachdenken. Denn genau das fehle immer mehr, in der Politik, in den Unternehmen, in den Medien, lautete der Tenor zum Zeitgeist. Lustvoll und sensibel leitete Moderator Franz Fischlin von der Tagesschau SRF die persönlichen Talks.

Mit Freiherr zu Guttenberg

Den Organisatorinnen Karin Schaer und Britta Bräutigam von der Visus Service GmbH Aarau gelang auch diesmal das Kunststück, aussergewöhnliche Persönlichkeiten zu verpflichten. Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg kam direkt aus Amerika eingeflogen.

Von seinem tiefen Fall vom deutschen Regierungsminister und kommenden Bundeskanzler zum Normalbürger äusserte er sich völlig unverkrampft. «In der Politik bin ich rasend unterwegs gewesen und grandios auf die Schnauze gefallen», sagte er. Den Zeitbegriff habe er erst nach seinem Absturz wieder gefunden. Weil Politiker und Journalisten keine Zeit mehr hätten, «bleiben Substanz, Verantwortung und Tiefe auf der Strecke».

Locker, in Jeans, offenem Hemd und blauem Kittel, trug zu Guttenberg mit Selbstironie seine Sorgen vor. Sein Fazit ist ernüchternd: Niemand kümmert sich um die grossen Probleme der Zukunft: Bevölkerungs-Explosion, Demografie, Klima, Demokratie, Finanzen. Beim rasanten Wachstum der Informationstechnologie mit weltweit bereits 6 Milliarden mobilen Geräten stelle sich die Frage, ob wir die Nutzer oder die Benutzten seien. Die EU sehe er «auf dem Operationstisch, umgeben von 28 unterschiedlich talentierten Ärzten und einer Oberärztin, die sich als Chefärztin aufführt». Ob er in die Politik zurück wolle? «Keine Zeit!», so die Antwort.

Den Wandel der Zeit zeigte Sita Mazumder von der Hochschule Luzern mit Bildern aus fünf Generationen – von den lebhaften Pensionierten bis zu den Handy-Babys. Die Zeit als wertvolles Gut sorgsam behandeln wollen alle, «ich habe die Balance noch nicht gefunden», bekannte Andreas Ammann. Kein Wunder, sein Unternehmen Wüest & Partner AG in Zürich macht jährlich 60 bis 70 Milliarden Franken Umsatz mit Immobilien. Der bald 70-jährige Schriftsteller Iso Camartin hat sein Leben schon vor 20 Jahren umgestellt, «um mehr Dinge zu machen, die mir am Herzen liegen».

Zu Guttenberg im Aargau

Zu Guttenberg im Aargau

Die Balance im Leben finden

«Das wirklich Wichtige sind die Inseln im grossen Ozean der Zeit», so Cay von Fournier, der mit seiner Firma Unternehmen berät, über Lebensglück, Leistung und Lebensbalance. Die Manager müssten vieles auch weglassen können, alle Menschen sollten sich neben der Arbeit auch Zeit nehmen, um zu spielen, zu träumen, freundlich zu sein und nachzudenken. Die mit viel Humor und Lebensweisheiten gespickten Ratschläge erreichten Köpfe und Herzen der Führungskräfte.

Wegweisend auch das Rezept von Noch-Direktor Henry Schweizer von der Polytronic International in Muri, der das Unternehmen nach über 40 Jahren an Nachfolger Christoph Koch übergeben hat: «Man muss loslassen können», so schwer das auch falle.