Herr Hottiger, Sie sind als Stadtammann einer von über 500 Parteilosen in einer Exekutive. Damit sind Sie in der Mehrheit.

Hans-Ruedi Hottiger: (lacht). Schön wär’s. Aber im Ernst: Die Mehrheiten werden jeden Tag neu geschmiedet. Aber dass es so viele Parteilose gibt, wundert mich nicht. Es gibt immer weniger Ortsparteien, weil sich in unserer zunehmend individualistischen Gesellschaft immer weniger Leute parteipolitisch oder überhaupt – zum Beispiel in einem Fussballverein – binden wollen.

Dann sind mehr Parteilose also ein schlechtes Zeichen.

Nein, nicht nur. Es kann sein, dass sich jemand nur für eine bestimmte Zeit, aber nicht fürs Leben politisch engagieren und nicht an eine Partei binden will. Aber die betreffende Person engagiert sich wenigstens, das ist ja sicher positiv. Letzteres kann ich gut verstehen, ich bin ja auch in keiner Partei.

Warum eigentlich nicht?

In meiner früheren beruflichen Tätigkeit in der Medienbranche schien mir das nicht angebracht. Als Medienschaffender soll man politisch unabhängig sein. Eine politische Grundhaltung darf man natürlich trotzdem haben.

Wo stehen Sie denn?

Ich habe eine bürgerlich-liberale Grundhaltung.

Warum treten Sie keiner Partei bei? Im Grossen Rat gehören Sie ja zur CVP-Fraktion.

Schon in meiner Zeit als Kommunikationschef des kantonalen Baudepartements wurde ich in Zofingen parteiloser Stadtrat. Damals wurde ich angefragt, weil das Amt in bürgerlicher Hand bleiben sollte. Ein parteiübergreifendes Komitee unter Führung der CVP portierte mich dann etwas später als Stadtammann. Mit Erfolg. Und auf der CVP-Liste – aber explizit als Parteiloser – wurde ich dann auch in den Grossen Rat gewählt.

Bereuen Sie die Parteilosigkeit nie?

Nein, die Vorteile werden für mich mit zunehmenden Amtsjahren immer offensichtlicher. Ich musste mir zwar selbst ein Netzwerk aufbauen, und ich muss mehr Zeit aufwenden, um den Fraktionen meine Haltung zu verschiedenen Themen darzulegen. Das mache ich aber gern. Und ich fühle mich freier, bin in kein politisch-ideologisches Korsett eingebunden. Ich habe meine Rolle in der Exekutive gefunden, und glaube, mittlerweile viel Vertrauenskapital aufgebaut zu haben.

Politologe Thomas Milic sagt, viele parteilose Politiker hätten keine nationalen Ambitionen. Und Sie?

Das ist bei mir hundertprozentig so. Ich bin extrem gern Stadtammann von Zofingen. Das ist meine Leidenschaft. Ich bin zusätzlich Grossrat, wie bereits erwähnt. Dies sehe ich als politische Verpflichtung. Es scheint mir wichtig, dass sich auf kantonaler Ebene auch Vertreter von Zentrumsgemeinden frühzeitig im Gesetzgebungsprozess einbringen und Einfluss nehmen. Ich konnte bei verschiedenen Geschäften schon einiges bewirken. Aber ich fühle mich auf der kommunalen Ebene, also an der «Front», viel wohler als auf der kantonalen. Und das nationale Parkett wäre für mich definitiv viel zu glatt.

Ist das ein Plädoyer für noch mehr parteilose Kandidaturen?

Nein, überhaupt nicht. Bei mir ergab sich dies aus meiner individuellen Konstellation heraus. Jeder und jede muss den für ihn/sie richtigen Weg selbst finden. Mir ist bewusst, dass ich privilegiert bin. Ich bin als Parteiloser glücklich, bin aber genauso überzeugt, dass unser System ohne lebendige Parteien nicht funktionieren würde.