Wahlen im Aargau

Ohne Listenverbindung hätten die Grünen jetzt zwei Nationalratssitze

Listenverbindungen können die Sitzverteilung bei den Wahlen deutlich beeinflussen. (Symbolbild)

Listenverbindungen können die Sitzverteilung bei den Wahlen deutlich beeinflussen. (Symbolbild)

Listenverbindungen können zu Verzerrungen des Wählerwillens führen. Zwei Parteipräsidenten fordern deren Abschaffung.

Wenn eine Partei bei den Nationalratswahlen auf 5,9 Prozent kommt, hat sie im Aargau einen Sitz zugut, mit knapp 12 Prozent kommt sie auf zwei Sitze. Wenn sie aber wie die Grünen am Sonntag 9,8 Prozent holt, reicht es nur für einen Sitz, die restlichen knapp 4 Prozent gehen verloren.

Nun gibt es die Möglichkeit, dass sich Parteien und Gruppierungen via Listenverbindungen untereinander zusammentun, um die erhaltenen Stimmen optimal zu nutzen. Davon wurde am 20. Oktober fleissig Gebrauch gemacht.

So gingen zum Beispiel SP und Grüne eine Listenverbindung ein, genauso CVP und GLP. In diesem Fall kann eine Partei von überzähligen Stimmen ihrer Partnerin profitieren, sofern ihr selbst nur wenige Stimmen zu einem Sitz fehlen. Die tatsächliche Sitzverteilung vom Sonntag zeigt die erste Zahlenreihe unserer Tabelle.

Was wäre ohne jede Listenverbindung geschehen?

Was aber wäre geschehen, wenn es keine Listenverbindungen gäbe? Dann hätte es laut Berechnung von Anina Sax, Leiterin Wahlen und Abstimmungen des Kantons Aargau, der SP am Sonntag auch ohne Grüne für den dritten Sitz gereicht (mittlere Zahlenreihe in der Tabelle).

Sie hätte also so oder so ein drittes Mandat geholt. Interessanterweise hätte ohne Listenverbindung die CVP auch ohne GLP einen zweiten Sitz erobert. Die Grünen aber wären allein auf zwei Sitze gekommen. Ohne Listenverbindung wäre zudem nicht nur die BDP, sondern auch die EVP leer ausgegangen. Mit ihrem Wähleranteil von 3,6 bzw. 3,1 Prozent wären sie allein nicht in die Nähe eines Sitzes gekommen.

Anina Sax hat aber auch errechnet, was geschehen wäre, wenn nebst Listenverbindungen auch Unterlistenverbindungen untersagt wären. Also zum Beispiel die Verbindung zwischen Grünen und Jungen Grünen oder zwischen der Haupt- und den acht Unterlisten der CVP.

Bei dieser Prämisse hätte die SVP ihre sieben Sitze trotz starker Verluste beim Wähleranteil halten können (vgl. die dritte Zahlenreihe in der Tabelle). Die SP wäre auch hier auf drei Sitze gekommen, die Grünen auf 2, CVP und GLP aber wären bei je einem Sitz stehen geblieben.

Linke Listenverbindung mit GLP hätte weiteren Sitz gebracht

Vor vier Jahren haben die Grünen von der SP profitiert, jetzt die SP von den Grünen, die trotz signifikanten Wählergewinnen nicht mit einem zusätzlichen Sitz belohnt wurden. SP-Präsidentin Gabriela Suter, die den zusätzlichen Sitz der SP geholt hat, befürwortet Listenverbindungen auch aus Wählersicht: «Wenn Parteien wie SP und Grüne mit ähnlichen politischen Positionen eine solche Verbindung eingehen, können das die Wählerinnen und Wähler gut nachvollziehen.»

Listenverbindungen würden verhindern, dass Stimmen verloren gingen. «Wäre die GLP in einer Klimaallianz auch mit uns gegangen, hätte unser Lager sogar noch einen Sitz dazugewonnen.»

Hölzle: «Wahlcouvert bald so umfangreich wie die Bibel»

Auch Daniel Hölzle, Präsident der Grünen, möchte die Möglichkeit der Listenverbindung nicht missen. Dies, obwohl seine Partei diesmal nicht profitieren konnte. Hölzle: «Unsere Stimmen sind deshalb nicht verpufft, sie haben der SP geholfen. Letztes Mal war es umgekehrt, und wir profitierten von SP-Stimmen. Für mich stimmt es so.»

Auch im Wissen darum, dass die Grünen gemäss Berechnung der Staatskanzlei ohne Listenverbindung am Sonntag einen zweiten Sitz geholt hätten? Hölzle atmet hörbar durch, bleibt dann aber bei seiner grundsätzlichen Einschätzung. Das System habe zudem den Vorteil, fügt er an, «dass kleine Parteien in so einer Verbindung auch eine Chance haben, einmal einen Sitz zu holen.»

Dagegen hofft Hölzle, dass das CVP-System mit zahlreichen Unterlisten nicht Schule macht, obwohl es sich für die CVP augenscheinlich gelohnt hat. Hölzle: «Wenn das alle machen würden, müsste der Kanton nächstes Mal ja den Wählerinnen und Wählern ein Wahlcouvert zuschicken, so umfangreich wie die Bibel.»

Burgherr: «Jede Partei sollte ihre Sitze aus eigener Kraft holen»

Zu Listenverbindungen sagt Thomas Burgherr: «Sie sind eine rein arithmetische Angelegenheit. Die könnte man abschaffen.» Gewiss habe die SVP (mit FDP, EDU und Team 65+) am Wahlsonntag davon profitiert, es könne aber auch umgekehrt laufe. Zudem löse die Frage der möglichen Listenverbindungen jedes Mal grosse Debatten aus. Burgherr: «Ich finde, jede Partei sollte ihre Sitze aus eigener Kraft holen müssen.»

Listenverbindungen sind bei der FDP schon länger ein Thema. Man müsse die Diskussion unbedingt führen, meinte FDP-Präsident Lukas Pfisterer schon vor den Wahlen. Solche Verbindungen könnten «zu Spielchen und im Ergebnis zu Verschiebungen führen, mit denen der Wählerwille nicht wirklich abgebildet wird», kritisiert er. Er ist froh, dass dies bei den Grossratswahlen nicht mehr erlaubt ist.

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