Aargau
Ohne die Subventionen der Gemeinden würden Dorfläden aussterben

Sie sind der Konkurrenz von Shopping Center, grossen Detailhändler und dem Internet ausgesetzt: Ohne finanzielle Unterstützung mit Steuergeldern könnten viele kleine Läden im Kanton nicht mehr existieren.

Fabian Hägler
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Der letzte Tag im Dorfladen Mandach: Ruth Schwarz und Margrith Jeggli (Verkäuferinnen), Ursula Hirschi (Präsidentin Weinbaugenossenschaft) und Heinrich Lüthi (Vertreter Rebbauern).

Der letzte Tag im Dorfladen Mandach: Ruth Schwarz und Margrith Jeggli (Verkäuferinnen), Ursula Hirschi (Präsidentin Weinbaugenossenschaft) und Heinrich Lüthi (Vertreter Rebbauern).

Zur Verfügung gestellt

«In unserem ‹frisch-nah-günstig›-Dorfladen ist ein umfassendes Sortiment für den täglichen Gebrauch vorhanden. Unser freundliches Ladenpersonal bedient Sie gerne», heisst es auf der Website der Weinbaugenossenschaft Mandach. Doch der Laden existiert nur noch virtuell, in Wirklichkeit ist er seit dem 31. Oktober 2013 geschlossen. Der Vorstand der Weinbaugenossenschaft Mandach rief die Bevölkerung mit unzähligen Flugblättern zum Einkaufen im Dorfladen auf – ohne nachhaltigen Erfolg.

«Das ist der Zeitgeist. Die Leute im Dorf werden nicht verhungern», sagte Ursula Hirschi, Präsidentin der Weinbaugenossenschaft Mandach, im Oktober zur «Aargauer Zeitung». Der Laden hatte zwar eine treue Stammkundschaft, musste aber seit Jahren mit Genossenschaftskapital querfinanziert werden. «Viele Bewohner sind Pendler und kaufen auswärts ein. Dazu kommt, dass das Dorf keinen Durchgangsverkehr hat», erklärte Hirschi. Und mit lediglich 315 Einwohnern ist auch die potenzielle Kundschaft gering.

Schmerzgrenze für Dorfläden liegt bei einer Million Franken Umsatz pro Jahr

Roman Villiger ist Bereichsleiter bei der Landi Freiamt, die 19 Volg-Läden, vier Agrola-Tankstellen, drei Landi- Verkaufsstellen und einen Top-Tankstellenshop betreibt. Villiger kennt das Problem von kleinen Läden, die ums Überleben kämpfen. «Wenn ein Laden nicht mindestens eine Million Franken Umsatz pro Jahr macht, ist ein kostendeckender Betrieb nicht möglich», sagt er. Auch bei Läden mit 1,2 Millionen Franken Umsatz müsse
alles stimmen, damit am Ende des Jahres eine schwarze Null resultiere.
Die Genossenschaft habe von ihren Mitgliedern den Auftrag, die Läden kostendeckend zu führen. «Wir möchten einen Laden nicht mit Erträgen aus anderen Geschäftsbereichen quersubventionieren», hält Villiger fest. Er ergänzt: «Grundsätzlich möchten wir unsere Läden selbstständig betreiben, doch in gewissen Fällen sind wir auf die Unterstützung der Gemeinden angewiesen.» Es könne vorkommen, dass Landi-Verantwortliche auf Gemeinden zugehen und diese um Unterstützung bitten. «Dann muss die Gemeinde entscheiden, wie wichtig für sie ein Dorfladen ist», hält Villiger fest.
Eine andere Möglichkeit als die Unterstützung durch die öffentliche Hand sieht der Landi-Bereichsleiter in der
Integration von Postagenturen in die bestehenden Dorfläden. «Am 10. März wird die Agentur Waltenschwil in unserem Laden eröffnet», nennt er ein aktuelles Beispiel. Dies bringe Vorteile für beide Seiten: «Einerseits sind die Öffnungszeiten sehr attraktiv, anderseits bringt die Postagentur mehr Kundschaft in den Laden, die vielleicht auch gleich Einkäufe erledigt.» (fh)

Eine Genossenschaft führt auch den Maxi-Laden Freienwil: «Das Gebäude, in dem sich der Dorfladen befindet, gehört der Gemeinde, ebenso das Mobiliar im Ladeninnern», erklärt Gemeindeschreiber Felix Vögele. Die Gemeinde vermietet das Geschäft an die Genossenschaft, die vor 10 Jahren zur Rettung des Ladens gegründet wurde. Die Miete ist gemäss Vögele «freundschaftlich und wohlwollend tief» angesetzt.

Eine spezielle Situation gibt es im Fricktal: Weil Kaisten nach der Fusion mit Ittenthal nichts für den Erhalt des kleinen Dorfladens im neuen Ortsteil machen wollte, hat die katholische Kirchgemeinde Ittenthal das Ladengebäude gekauft. Nun überlässt die Kirchgemeinde der Ladengenossenschaft die Räumlichkeiten gratis, sonst könnte der Laden nicht überleben.

Auch in Scherz und Elfingen müssen die Ladenbetreiber keine Miete zahlen. «Da der Gemeinderat die Meinung vertritt, dass man vor allem den älteren Mitmenschen eine Einkaufsmöglichkeit im Dorf bieten muss, verzichten wir auf Mietkosten», hält der Elfinger Verwaltungsleiter Markus Schlatter fest.

Das Stadtlädeli in Kaiserstuhl wird zum grossen Teil durch Spenden finanziert. Konkret: eine Interessengemeinschaft sammelt Geld und zahlt die Miete, ab und zu auch noch den Strom.

Fisibach im Zurzibiet hat ein kleines Dorfcafé, in dem man ein paar wenige Sachen für den täglichen Bedarf kaufen kann. «Der Dorftreff wird monatlich
mit 400 Franken subventioniert», sagt Gemeindeschreiberin Anita Ekert.

Deutlich mehr lässt sich Ammerswil seinen Dorfladen kosten: 2013 betrug der Beitrag an Volg gemäss Gemeindeammann Hanspeter Gehrig 10 450 Franken. Gehrig ist ein grosser Fan des Dorfladens. «Es ist wichtig für uns, eine Einkaufsmöglichkeit im Dorf zu haben. Wer nicht so mobil ist, weiss das Angebot in Gehdistanz zu schätzen», hält er fest. Wer neu nach Ammerswil zieht, erhält bei der Anmeldung auf der Gemeindekanzlei einen 30-Franken-Gutschein für den Dorfladen.

Zudem verbilligte die Gemeinde 2013 mit rund 9000 Franken den Einkauf im Laden. «Dies kommt vor allem den treuen Kunden zugute – so bleibt das Geld mehrheitlich im Dorf und Volg macht mehr Umsatz», erklärt Hanspeter Gehrig die Vorteile.

Obwohl heute mehr Menschen in Ammerswil wohnen, ist der Umsatz des Ladens geringer als Anfang der 1990er-Jahre. «Seit die Landi Seengen mit uns zusammen 2006 Massnahmen ergriffen hat, konnte der Negativtrend gebrochen werden und der Umsatz ist wieder etwas gestiegen», blickt Gehrig zurück. Natürlich könne der Dorfladen nicht zu den gleich tiefen Preisen einkaufen wie Grossverteiler in der Umgebung, erläutert der Gemeindeammann. «Dennoch finden sich immer wieder Produkte, die hier im Dorf billiger zu haben sind», sagt Gehrig. Einige Lebensmittel würden gar im Dorf pro-duziert und gelangten ohne Umwege zu den Konsumenten.

«Ohne den Zustupf der Gemeinde sähe es schlecht aus», sagte Oskar Brunner, Präsident der Landi Schongau, die den Bettwiler Dorfladen führt, vor vier Jahren. Die Stimmenden entschieden an der Gemeindeversammlung im November 2010, jährlich 15 000 Franken für die Führung des Dorfladens zu zahlen.

«Mit dem Beitrag der Gemeinde stimmt es für uns grundsätzlich», sagte Brunner. Klar sei aber, dass letztlich nur die Bettwiler mit ihren Einkäufen den Laden erhalten. «Wir sind uns bewusst, dass der Wocheneinkauf auswärts passiert», erklärte Brunner, «aber nur das Vergessene im Dorf einzukaufen, reicht nicht.»

Es muss aber nicht zwingend öffentliches Geld sein, wenn ein Laden gerettet wird. In Kirchleerau im Suhrental gründeten engagierte Einwohner nach der Schliessung des Dorfladens im August 2013 einen Verein. Der Dorfbevölkerung wurden Anteilscheine verkauft, um dem Laden das nötige Startkapital vom 30 000 Franken zu geben. Der Neustart gelang: am 24. Oktober 2013 wurde der Laden in Kirchleerau wieder eröffnet.

Für Mitinitiant Rolf Baumann ist klar: «Es liegt an uns Bewohnern, ob wir das Lädeli weiterhin pflegen wollen oder nicht.»