Heute ist die syrische Familie, die eine der vier Wohnungen in der Aarauer Asylunterkunft an der Laurenzenvorstadt bewohnt, nicht nur Gast, sondern für einmal Gastgeber. Im Rahmen des nationalen Flüchtlingstages öffnet sie die Türen zur Unterkunft und ihrem Privatleben für die Öffentlichkeit. Das Wohnzimmer ist gut gefüllt, die Stimmung ungezwungen. Die Einrichtung ist schmucklos, eine Mischung aus Möbeldiscount und Brockenhaus. In einem Billy-Bücherregal dient ein Koran als Unterlage für eine Handvoll Duftstäbchen, der Rest ist leer. Wer hier lebt, ist auf Durchreise. Sie alle warten auf ihre Aufenthaltsbewilligung.

Die Kriegsvertriebenen begrüssen Besucher mit mittelöstlicher Gastfreundschaft: Süssgebäcke, geröstete Kichererbsen, aber auch Apfelschnitze und weisse Schokolade liegen auf dem Esstisch bereit. Selbst essen die Gastgeber nichts, der Fastenmonat Ramadan untersagt es den Muslimen tagsüber.

Regierung lobt Landeskirchen

Neben den rund vierzig Besuchern zeigen sich auch Frau Landammann Susanne Hochuli (Grüne), ihr Regierungsratskollege Urs Hofmann (SP) und die drei Präsidenten der Landeskirchen in corpore, um sich einen Eindruck über die kantonale Vorzeigeunterkunft vis-à-vis der Militärkaserne zu verschaffen. Für die Regierungsräte und die Kirche ist der Auftritt eine gute Möglichkeit, Einheit in der Integrationspolitik zu demonstrieren. Susanne Hochuli, zuständig für das Asyldossier beim Kanton, sagt: «Diese Unterkunft stellt die Kirche zur Verfügung. Wir möchten mit diesem Besuch auch auf ihr unverzichtbares Engagement hinweisen.»

Im Zwiegespräch kristallisiert sich eine Forderung seitens der Bewohner deutlich heraus: Asylbewerber möchten arbeiten. Ein pakistanischer Schneider schildert seine Zukunftspläne: «Ich will möglichst bald wieder arbeiten können. So lerne ich die Sprache und die Menschen kennen.» Weiter erzählt er, dass er jeden Tag langsam esse, langsam trinke und lange schlafe, damit die Zeit schneller vorbeigehe. Denn ohne Arbeit langweile er sich.

Bürokratische Hürden

Die Forderung nach Arbeit legt auch gleich den Schwerpunkt für die anschliessende Podiumsdiskussion in der Stadtkirche vor vollen Rängen. Hochuli wählt klare Worte: «Typisch Schweiz: potenziellen Arbeitgebern werden viele bürokratische Hürden in den Weg gelegt. So können wir die vorläufig Aufgenommenen nie in den Arbeitsmarkt integrieren und blockieren zivilgesellschaftliche Beteiligung.»

Regierungsrat Hofmann schlägt in dieselbe Kerbe und erhebt Vorwürfe gegen die Bundespolitik: «Diese restriktiven Gesetze wurden vom Parlament in Bern mit der Absicht geschaffen, die Schweiz als Asylland unattraktiv zu machen. Das Volk hat jeweils zugestimmt. Uns sind leider die Hände gebunden.» Das Podium ist neben den Regierungsräten mit zwei ehemaligen Asylsuchenden aus Syrien und Eritrea, Max Heimgartner vom Netzwerk Asyl Aargau und dem Präsidenten des Kirchenrates der Römisch-Katholischen Kirche, Luc Humbel, besetzt. Sie sind unisono einer Meinung: ohne Arbeit keine Integration.

Den nationalen Flüchtlingstag nutzt Frau Landammann Hochuli auch für einen Appell an die Bevölkerung im ganzen Kanton: «Der Staat kann die Integration nicht alleine bewältigen. Es braucht die Mitwirkung der Zivilbevölkerung.» Sie ergänzt aber, dass die Einsatzbereitschaft vieler Aargauerinnen und Aargauer vorbildlich sei. Rechtsanwalt Humbel fügt unter grossem Applaus hinzu: «Es bringt nichts, gegen die Gesetzeslage zu lamentieren. Wir brauchen keine Gesetze, um die Situation der Flüchtlinge zu verbessern. Es braucht in erster Linie ziviles Engagement, dann steigt der Druck auf die Politik automatisch.»