Vor einem halben Jahr hat die Schweizerische Nationalbank den Euro-Mindestkurs aufgehoben. Eine Häufung von Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft ist seither ausgeblieben. War die Angst übertrieben?

Josef Marbacher: Ich würde schon sagen, dass der Frankenschock gross war. Aber offensichtlich verkraftet die Schweizer Wirtschaft mehr, als man ursprünglich angenommen hat.

Der Aargau tut sich mit einem starkem Franken aber schwer, wie ein Blick zurück nahelegt. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf war hier im Jahr 2012 tiefer als noch 2008, wie Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen. Nur fünf andere Kantone verzeichnen in dieser Periode ebenfalls ein Minus.

Dass das Wachstum besonders gelitten hat, als der Euro von 1.60 auf 1.10 Franken gefallen ist, zeigt: Der Kanton Aargau ist ziemlich wechselkurssensitiv. Und das dürfte auch für die nächsten zwei Jahre Gültigkeit haben. Das Wachstum bleibt also sicher unterdurchschnittlich. 

Warum?

Der Aargau ist der Industriekanton par excellence. Wir haben einen Industrie- und Gewerbeanteil von nahezu 40 Prozent, das ist weit über dem Schweizer Durchschnitt. Und die Exportindustrie leidet besonders unter dem starken Franken.

Die Exporte aus dem Aargau haben sich in den letzten Jahren zudem weniger dynamisch entwickelt als die gesamtschweizerischen. Exportieren wir die falschen Produkte?

Der Aargau leidet zusätzlich darunter, dass die Rohstoffpreise – insbesondere die Öl- und Strompreise – derart gefallen sind. Das führt dazu, dass viele internationale Investitionen nicht mehr getätigt werden, was wiederum zu Stornierungen etwa von ABB- oder Alstom-Aufträgen führt. Es kommt also einiges zusammen, das den Aargau trifft.

Zur negativen Entwicklung des BIP pro Kopf dürfte allerdings auch die Zuwanderung beigetragen haben: Eine Person, die in den Aargau zieht, aber weiterhin in Zürich arbeitet, steigert in der Statistik die dortige Wirtschaftsleistung.

Ihr Einkommen versteuert sie aber hier, womit natürlich auch der Aargau profitiert. Für den Kanton ist dies sogar ein stabilisierender Faktor, weil der grösste Teil dieser Leute nicht in der volatilen Industrie, sondern im Zürcher Dienstleistungssektor tätig ist.

Warum wächst der Dienstleistungssektor im Aargau nicht stärker? Macht die Politik etwas falsch?

Im Gegenteil. Ein grosser komparativer Vorteil des Aargaus ist günstiges Land. In Zürich, Zug und Basel gibt es dieses nicht mehr, deshalb ist es sinnvoll, dass die Industrieproduktion, die ja viel Raum braucht, in den Aargau geht. Und das wird auch weiterhin der Fall sein. Hinzu kommt, dass die Verkehrswege im Aargau hervorragend sind, man ist mit der Logistik also ganz schnell in den grossen Städten.

Aber der Industriesektor wird eben auch besonders stark unter Druck sein, solange der Franken überbewertet ist.

Ja. Ein zusätzliches grosses Problem der Schweiz ist, dass die Preise zu hoch sind. Es ist unglaublich, dass wir in Sichtweite des Kantons für ein identisches Produkt 30 Prozent tiefere Preise haben. Das dürfte es in einer Marktwirtschaft eigentlich nicht geben. Aber wir haben offensichtlich so viele Kartellstrukturen und Absprachen, dass die Preisflexibilität nicht gegeben ist. Und je unflexibler wir in Sachen Preise und Löhne sind, desto schneller wird der Umstrukturierungsprozess in der Industrie stattfinden.

Und ein verlorener Industriearbeitsplatz ist für immer verloren, sagt man. Sind Sie auch dieser Meinung?

Ja, aber das erleben wir ja seit langem. 1950 war in der Schweiz noch jeder Zweite ein Industriearbeiter, heute sind wir bei etwa 24 und die USA bereits bei 12 Prozent. Der Prozess findet also statt, und ich habe keine Bedenken, dass die Umstrukturierung auch innerhalb der Aargauer Firmen stattfindet. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass die Qualifikation der Leute unbedingt besser werden muss. Wir haben verglichen mit dem Ausland eine extrem tiefe Maturitätsquote, während wir uns relativ schnell in Richtung Dienstleistungsgesellschaft bewegen. Und in dieser braucht es eine gute Basisausbildung.

Der Aargau hat von der Ratingagentur Standard & Poor’s eben wieder die Bestnote erhalten. Laut dem Kanton bestätigt dies, dass die Wirtschaft erfolgreich und zukunftsorientiert ist.

Das Rating bezieht sich primär auf die Fiskalpolitik des Kantons, und diese ist offensichtlich ausgezeichnet. Natürlich hätte es eine Auswirkung auf die Bewertung der Bonität des Kantons, wenn es der Wirtschaft ganz schlecht gehen und die Beschäftigung einbrechen würde. Aber dies ist nicht zu erwarten, nicht zuletzt wegen der Zuwanderung aus anderen Kantonen, welche die Bauindustrie und das Gewerbe stützen.

Auch wenn das BIP pro Kopf zwischen 2008 und 2012 wegen der Zuwanderung gesunken ist: Insgesamt ist die Wirtschaftsleistung des Kantons in diesem Zeitraum gestiegen, wenn auch weniger stark als die gesamtschweizerische. Jammern wir also auf hohem Niveau?

Das kann man so sehen. Und man darf auch nicht vergessen, dass sich Wechselkurse jederzeit ändern können. Es ist also durchaus möglich, dass die Kaufkraftparität irgendwann wieder Realität wird, und dann ist der Aargau wieder eher im Vorteil. Das hilft nicht in den nächsten zwei, drei Jahren. Aber mittelfristig sind das Good News.

Trotzdem: Die durch den Kostendruck eingeleitete Automatisierung und die Auslagerung von Produktionsschritten mit tiefer Wertschöpfung werden kaum mehr rückgängig gemacht werden.

Klar. Arbeitsplätze werden verschwinden, aber es entstehen gleichzeitig neue. Denn wir müssen davon ausgehen, dass die Bedürfnisse der Leute und damit die Nachfrage nach neuen Produkten und Dienstleistungen unbegrenzt ist.