Feststimmung kam keine auf. Nicht dieses Jahr. Zu sehr beschäftigt Philipp Umbricht das grausame Verbrechen, das kurz vor Weihnachten vier Menschen in Rupperswil das Leben gekostet hat. Statt mit seiner Familie auf der Piste verbringt der leitende Oberstaatsanwalt die Tage mit seinen Mitarbeitern im Büro. Auch rund zwei Wochen nach der Tat sind viele Fragen unbeantwortet. Allen voran die Frage, welche die Ermittler unter Hochdruck arbeiten lässt: Wer hat die 48-jährige Carla S., ihre beiden Söhne (13 und 19) sowie die 21-jährige Freundin des älteren Sohnes ermordet?

Philipp Umbricht über ... seine Rolle im Fall Rupperswil.

Philipp Umbricht über ... seine Rolle im Fall Rupperswil.

Eine Frage, die das ganze Land bewegt. Alle grossen nationalen Medien berichten über den Fall, wollen von Umbricht brisante Neuigkeiten erfahren. Sein Smartphone kommt kaum mehr zur Ruhe, von morgens bis abends. Er sagt: «Die Medienarbeit endet nie.» Umbricht, ein Mann mit grauen Haaren und markanter Brille, erscheint in dunkelblauen Jeans und weissem Hemd zum Gespräch, den Kugelschreiber in der Jackettasche, die Akte zum Fall Rupperswil unter dem Arm.

Doch verraten, was dort drinsteht, darf er nicht; Strafverfahren sind geheim. Umbricht macht nur öffentlich, was die Ermittlungen nicht gefährden könnte. So behalten die Behörden etwa die Information zurück, wie viel Geld das spätere Opfer an Automat und Schalter zweier Banken geholt hat. Detailwissen zur Tat, das nur der Täter haben kann, soll nicht über Zeitungsschlagzeilen zu Allgemeinwissen werden – das würde Verhöre erschweren. «Wir können uns nicht leisten, entscheidende Details zu verraten, nur um das Informationsbedürfnis der Bevölkerung zu stillen.» Diese Woche sagte der Oberstaatsanwalt deshalb ins SRF-Mikrofon: «Wir wissen mehr, als wir sagen» – aus seiner Aussage entstanden sogleich Push-Meldungen und Onlineartikel. Das Interesse am rätselhaften Verbrechen ist riesig.

Philipp Umbricht über ... seine beruflichen Ziele im 2016.

Philipp Umbricht über ... seine beruflichen Ziele im 2016.

Dass durch die zurückhaltende Kommunikation die Spekulationen angeheizt werden könnten, störe ihn nicht, sagt Umbricht. Das liege in der Natur der Sache. «Der Mensch will ein Ereignis einordnen. Er kann mit Unsicherheiten schlecht umgehen.» Unsicherheiten, von denen es im Fall Rupperswil noch so viele gibt. Der erste Verdacht, wonach es sich um ein Beziehungsdrama handeln könnte, bewahrheitete sich nicht. Der Täter oder die Täter sind nach wie vor auf der Flucht. Umbricht sagt, vielen falle es leichter, sich von einem Verbrechen abzugrenzen, wenn es von einer Person aus dem näheren Beziehungsumfeld begangen wurde. «Die Frage, die viele beschäftigt: Könnte es auch mich treffen?» Auch damit lässt sich das grosse Interesse am Fall Rupperswil erklären.

Philipp Umbricht über ... seine privaten Vorsätze fürs neue Jahr.

Philipp Umbricht über ... seine privaten Vorsätze fürs neue Jahr.

Der 52-Jährige ging in Mägenwil, Mellingen und Baden zur Schule, studierte an der Uni Zürich, machte das Aargauer Anwaltspatent, arbeitete meist für kantonale Stellen. Seit fast 20 Jahren ist er in der Strafverfolgung tätig. Kinderpornografie, Vergewaltigung, Mord – schon oft war er mit menschlichen Abgründen konfrontiert. Aber ein Verbrechen in dieser Dimension, mit dieser Brutalität, das ist auch für ihn neu. Über die Jahre hat er gelernt, mit schlimmen Einzelheiten aus den bearbeiteten Fällen so professionell wie möglich umzugehen. «Trotzdem wird es immer Bilder geben, die mich betroffen machen oder gar schockieren.» Sich abgrenzen können hält Umbricht für eine der zentralen Eigenschaften eines Staatsanwalts. «Sonst kann niemand den Job lange machen, weil er zu belastend wird.»

Philipp Umbricht über ... die Faszination Strafrecht.

Philipp Umbricht über ... die Faszination Strafrecht.

Ihm hilft der Arbeitsweg, um abzuschalten: 30 Minuten Autofahrt zwischen Aarau und Windisch, wo er mit Frau und Tochter lebt und im Einwohnerrat politisiert. Er ist Präsident der FDP-Fraktion. «Das Leben kann nicht nur aus Arbeit bestehen», sagt Umbricht. Die Politik bezeichnet er als Hobby, das ihm zudem erlaubt, mitzubestimmen, wie sich sein Wohnort weiterentwickelt. Rosi Magon, SP-Politikerin und Vizeammann in Windisch, erlebt Umbricht als «sehr engagiert und umgänglich». Er sei bereit, sich für das Gemeinwesen einzusetzen, habe etwa auch das zeitaufwendige Präsidium der Einbürgerungskommission übernommen. Magon: «Mein Eindruck ist, dass er gut umgeht mit den Personen, die eingebürgert werden möchten, und die Gesuche von der Kommission sorgfältig geprüft werden.»

Daneben kümmert sich Umbricht um Haus und Garten («Es gibt immer etwas zu tun»), die Zwergkaninchen seiner Tochter («Das wäre eigentlich ihre Aufgabe)», seine private Bibliothek («Ich lese kaum noch Krimis – zu viel Massenware»). In der Männerriege Windisch spielt der frühere Ligaspieler und Schiedsrichter seit Jahren Volleyball. «Ein wertvoller Spieler und guter Kollege», sagt Männerriege-Präsident Ernst Meier über ihn.

Doch für all das bleibt in diesen Tagen keine Zeit. Im Zentrum stehen die Ermittlungen im Vierfachmord. So viele von Umbrichts 200 Mitarbeitenden wie möglich arbeiten an der Aufklärung – das Tagesgeschäft muss warten. «Wir müssen Prioritäten setzen. Geht es um vier Leben, kann und muss man an die Grenzen gehen.» Dazu zählt auch, neue Wege zu beschreiten: Erstmals rief die Staatsanwaltschaft die Bevölkerung dazu auf, Aufnahmen von Dashcams, die in Autos installiert sind, einzuschicken. Wie viele dem Aufruf nachkamen, verrät er nicht. Insgesamt seien zahlreiche Hinweise eingegangen, die erst noch ausgewertet werden müssen – dazu beigetragen haben auch Flugblätter und Zeugenaufrufe. Philipp Umbricht: «Wir bleiben so lange am Fall dran, bis wir alles gemacht haben, was Erfolg verspricht.»