Im Fall Padrutt muss sich nicht nur der Rechtsanwalt aus Lenzburg einige Vorwürfe gefallen lassen, sondern auch die kantonale Staatsanwaltschaft: Während die Strafuntersuchung wegen Vermögensdelikten längst angelaufen war, soll Roland Padrutt im Jahr 2011 Konti von Stockwerkeigentümer- und Erbengemeinschaften geplündert haben. Zweitens konnte ein wichtiger Zeuge, der das Verfahren 2010 ins Rollen gebracht hatte, nie aussagen. Und 2007 wollte das damalige Untersuchungsamt ein Verfahren gegen Padrutt einstellen, der seine Tochter bestohlen hatte – bis das Obergericht einschritt.

Seit die az Aargauer Zeitung Anfang Januar den Fall Padrutt publik machte, schwieg sich die Staatsanwaltschaft wegen des Amtsgeheimnisses aus. Doch jetzt bringt der Leitende Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht, der die Untersuchungsbehörde beaufsichtigt, Licht ins Dunkel. Dass ihr angekreidet wird, sie ermittle nicht entschlossen genug, weist Umbricht zurück: «Von der Menge an Akten her sind wir sehr gut im Rennen.» Der Fall Padrutt sei ein grosses Verfahren. Bei der kantonalen Staatsanwaltschaft sind deren 120 hängig.

Beschlagnahme angefochten

Die Akten, führt Umbricht aus, seien Ende 2010, Anfang 2011 in Padrutts Büro in Lenzburg beschlagnahmt worden: «Es fanden mehrere grössere Hausdurchsuchungen statt.» Nur: Die Staatsanwaltschaft durfte die Papiere bis Anfang Oktober nicht anrühren. So lang brauchte das so genannte Zwangsmassnahmengericht des Kantons Aargau, um die Akten freizugeben. Roland Padrutt hatte unter Berufung auf die Strafprozessordnung (StPO) verlangt, die beschlagnahmten Akten seien zu versiegeln. In solchen Fällen muss die Untersuchungsbehörde beim Zwangsmassnahmengericht ein Entsiegelungsgesuch stellen, was sie Ende März tat. Dies schreibt die StPO vor – und gewährt dem Gericht eine Ordnungsfrist von 30 Tagen.

Das Zwangsmassnahmengericht brauchte sechs Monate. Dessen Geschäftsführer, der Zofinger Bezirksgerichtspräsident I Christian Sigg, erklärt, warum. Erstens habe Padrutt die Beschlagnahmungsaktionen vor Obergericht angefochten, wobei die Beschwerde im Juni abgewiesen wurde. Erst dann konnte das Entsiegelungsverfahren gestartet werden. Zweitens hätten sich Geschädigte eingeschaltet, die Unterlagen beanspruchten, die Padrutt als deren Anwalt bei sich aufbewahrt hatte.

Staatsanwaltschaft stellte Haftbefehl

Drittens sei das Verfahren, so Sigg, «ausserordentlich umfangreich» gewesen. Ein Aufwand, der früher beim Obergericht anfiel. Mit der neuen StPO und der aktuellen Bundesrechtsprechung obliegt die Sichtung und Triage beschlagnahmter Akten dem 2011 neu geschaffenen Zwangsmassnahmengericht. Die Entsiegelungsverfahren pro Jahr liessen sich an einer Hand abzählen, so Sigg. Die im Turnus zuständigen Einzelrichter entscheiden, welche Papiere und Dateien für die Strafuntersuchung relevant sind und welche der Geheimhaltung unterliegen. «Die Staatsanwalt kann relativ viel nicht mehr allein machen», fasst Sigg zusammen.

Das Zwangsmassnahmengericht war es auch, das im März 2011 befand, Roland Padrutt nicht in Untersuchungshaft zu setzen. Den Haftantrag stellte die Staatsanwaltschaftschaft, nachdem sie den Beschuldigten vorläufig festgenommen hatte. Damals betraf die Untersuchung hauptsächlich eine mutmasslich betrogene Wohnbaugenossenschaft, die Padrutt im Dezember 2010 als Geschäftsführer fristlos entlassen hatte.

Padrutt nicht einvernahmefähig

Neue Bewegung ins Verfahren kam Anfang 2012. Wenige Tage nachdem der Fall Padrutt aufgedeckt worden war, schritt die Staatsanwaltschaft zu einer weiteren Hausdurchsuchung. Seither ist es in der «Villa Malaga» in Lenzburg dunkel. Wo sich der Beschuldigte aufhält, scheint niemand so genau zu wissen. Oberstaatsanwalt Umbricht sagt nur: «Er steht uns zur Verfügung.» Padrutt sei inzwischen mehrmals befragt worden. Doch momentan sei er, amtsärztlich beglaubigt, «nicht einvernahmefähig».

Auch wenn sich Padrutt «auf diesem Weg nicht dem Verfahren entziehen kann» (Umbricht): Wie lange dieses noch dauert, kann auch der oberste Staatsanwalt im Kanton nicht sagen. Vor einer allfälligen Anklageerhebung sind die Akten – reihum – sämtlichen Anwälten zu eröffnen, die Beweisergänzungsanträge stellen können. Und mit mehreren Anwälten ist zu rechnen, die dem Strafverfahren ihre Zivilklagen anhängen werden. Schliesslich wollen ihre Mandanten ihr Geld zurück.