Am 12. Dezember 2017 nahmen die Verwandten im Aarauer Friedhof Abschied vom ältesten der ehemaligen Aargauer Oberrichter, Dr. Walter Welti (1915-2017). Er war 24 Jahre lang bis 1980 Mitglied der 1. Abteilung. Er stammte aus einer Bezirkslehrerfamilie in Leuggern mit künstlerischen Interessen und Begabungen. Nach dem durch Aktivdienst erschwerten Studium an der Universität Zürich war er im Kriegsernährungsamt in Bern, beim Bezirksgericht Zurzach, in Direktionssekretariaten der Aargauer Regierung tätig, machte das Anwaltsexamen und wurde Obergerichtsschreiber, auf l. Januar 1957 Oberrichter.

Bis zum Baugesetz von 1971 stellte der Kanton den 11 Richtern keine Büros. Wir hatten für Arbeitsplatz und Bibliothek selber zu sorgen. Wir versammelten uns zur Verhandlung im Gerichtssaal im 2. Stock des Elektrizitätswerks der Sitzgemeinde Aarau. Da wir unsere Arbeitszeit im Übrigen selber einteilen konnten, wurden uns gerne Präsidien staatlicher Kommissionen, politische und andere Aufgaben neben dem Richterberuf übertragen. Walter Welti übernahm solche unter anderem als Inspektor von Bezirks- und Kantonsschulen, hielt sich aber bald stark zurück und beschränkte sich auf sein Richteramt. Er war Vizepräsident, dann Präsident in dem aus der l. Abteilung bestellten Handelsgericht, Präsident und damit Referent in ihrer verwaltungsrechtlichen Kammer für die Sozialversicherungsprozesse und Präsident der dreiköpfigen Zivilkammer.

Walter Welti.

Walter Welti.

Als ich 1965 selber in die fünfköpfige l. zivil- und verwaltungsgerichtliche Abteilung kam, verstand sie sich als richtungsgebend für das Obergericht. Es war eine Zeit des Aufbruchs. Das auf Vollmachtenerlassen des Bundesrats beruhende Recht aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde durch Gesetze abgelöst. Die Kantone suchten eigene Lösungen, erneuerten ihre Steuergesetzgebung, der Aargau entwickelte das Gewässerschutzrecht. Seine Zivil- und Strafprozessgesetze wurden erneuert und von Prozessfallen und altem Formalismus befreit (der leider unter dem Einfluss der Zürcher und Berner in den Bundes-Prozessgesetzen jetzt wieder aufblüht). Das Verfahren der Verwaltung und Verwaltungsgerichtsbarkeit wurde zum ersten Mal kodifiziert. Die beiden, Kurt Eichenberger, der Präsident aus Beinwil, und der aus Aarau, der als Staatsrechtsprofessor an die Uni Basel berufen wurde, gaben den Anstoss und waren Wortführer. Walter Welti hatte nicht bloss wegen seiner Erfahrung in verwaltungsrechtlichen Bereichen ebenfalls grosses Gewicht.

Nebst seiner enormen Arbeitskraft beeindruckte seine juristische Bildung in weiten Gebieten und seine Sorgfalt. Seine Referate und Bemerkungen zu Beratungen schrieb er von Hand, in klarer Schrift. Sie konzentrierten sich denn auch auf das Wesentliche. Doch hatte er sich allen Sachverhalt und alle Rechtsfragen vorher überlegt. Wenn man Einwendungen bringen wollte, erwartete er von einem schon das Gleiche. Seine Beiträge wollte er so perfekt leisten, wie er sich auch immer kleidete. (Seine heute 91-jährige Frau Margrit, geborene von Däniken, kam aus der Familie in Niedererlinsbach mit einem Modehaus.)

Neue Aufgabe bei Denner

1969/1970 war Walter Welti im Turnus Präsident des Gesamtgerichts. Er präsidierte unaufdringlich, wie es seine Art war, doch glänzend in dieser Zeit des grossen Umbruchs: Das Obergericht zog 1969 in das vom AEW gebaute heutige Gebäude um, in dem es seither auch die juristische Bibliothek für den Kanton führt. Das Verwaltungsgericht mit vom Parlament bestellten Richtern wurde gewählt, Kurt Eichenberger (Beinwil) zu seinem ersten Präsident. Der Grosse Rat wählte gleich fünf neue Richter auf einmal. Walter Welti präsidierte von da an die l. Zivilabteilung und das Handelsgericht gleichzeitig.

Es hat ihn getroffen, als ihn der Grosse Rat bei der letzten Gesamterneuerung des Gerichts nicht mehr für die volle Amtsperiode wählte, wie das bis dahin jeweils geschah, bloss noch bis zum 65. Altersjahr. Auf 30. September 1980 musste er darum zurücktreten. Er bekam bei Karl Schweri, den er von der Schulzeit kannte, dann als Rechtskonsulent der Firma Denner nochmals neue Aufgaben im Gebiet des Zivil- und Verwaltungsrechts. Für das Obergericht jedoch war es ein Verlust. Erfahrung lehrt einen als Richter, mehr zu erkennen, als ein Anfänger und Fehler zu vermeiden. Ein Richter in der obersten Instanz, der sich noch leistungsfähig fühlt wie er, sollte nicht mit 65 ausscheiden müssen, unwählbar werden.

Walter Welti, den ich seit vielen Jahren auch als Nachbar kannte, hatte einen ausserordentlich guten Lebensabend bis über sein 102. Lebensjahr hinaus, in seiner schönen Wohnung mit seinen Büchern und Gemälden, zusammen mit Frau und Sohn. Er bewahrte bis zuletzt volle Klarheit, dazu auch geistige Frische und bestellte noch diesen Herbst neue Bücher zur Lektüre. Als ehemaliger Kollege bleiben mir beste Erinnerungen an ihn.

*Autor Herman Schmidt war Aargauer Oberrichter und Bundesrichter.