1. Weltkrieg - Serie

Nur wer Marken vorweisen konnte, erhielt Zucker, Brot und Haferflocken

Lebensmittel während des ersten Weltkriegs (1914-1918) waren knapp und teuer, Familien lebten monatelang voneinander getrennt und überall fehlten Arbeitskräfte. Das Leben im Aargau war von Entbehrungen geprägt.

Der Abschied fiel besonders schwer. Von einem Tag auf den anderen mussten im August 1914 Tausende Aargauer Männer ihre Frauen und Kinder zurücklassen – im Ungewissen. Wie lange der Krieg dauern würde, wusste niemand. Die daheimgebliebenen Frauen waren auf sich gestellt, mussten allein für die Kinder sorgen.

«In mein junges Eheglück fuhr wie ein Blitz aus heiterem Himmel das Wort: Mobilisation», schrieb eine junge Frau aus Wildegg im Buch «Der Grenzdienst der Schweizerin». In 14 Tagen sei er wieder zurück, versprach ihr Mann – bis zur definitiven Rückkehr sollte es vier Jahre dauern. Weil er zu Weihnachten keinen Urlaub bekam, verpasste er die Geburt seiner Tochter.

Der jungen Mutter machten die schwierigen Zeiten zu schaffen: «Es ging mir später nicht am besten, denn ich musste, des Verdienstes meines Mannes beraubt, sparen, selbst am Essen, und das untergrub meine Gesundheit.»

Preise steigen dramatisch an

Je länger der Krieg dauerte, desto schlechter war die Versorgungslage. Lebensmittel waren knapp, die Preise stiegen dramatisch an. Kostete ein Kilogramm Brot zu Beginn des Krieges noch 47 Rappen, waren es 1918 bereits 71 Rappen. Die Kosten für ein Kilo Butter verdoppelten sich in derselben Zeitspanne beinahe von 3.90 auf 7.50 Franken, wie Willi Gautschi in der Aargauer Kantonsgeschichte schreibt.

Der Regierungsrat stellte 1917 fest, der Mangel an Lebensmitteln und die Teuerung sei «zur wirklichen Not des Landes geworden». Die Abgabe von ermässigten Lebensmitteln sollte die Not etwas mildern. Über 40 000 Personen bezogen im Aargau im August 1917 vergünstigtes «Notstandsbrot», fast 35 000 die «Notstandsmilch». Den Höhepunkt erreichte die Preissteigerung erst nach Kriegsende: Zwischen 1914 und 1920 erhöhten sich die Lebenskosten um 125 Prozent, wie im Aargauer Bauernbuch zu lesen ist.

Regierung zieht Kartoffeln ein

Lange verzichtete die Aargauer Regierung auf die Rationierung der Lebensmittel, erst 1917 gelangten die ersten Rationierungskarten in Umlauf. So durfte niemand mehr als ein Pfund Zucker und Reis pro Monat kaufen, später waren auch Mehl, Brot, Fett, Milch, Käse und Teigwaren nur noch eingeschränkt erhältlich. Im letzten Kriegsjahr waren schliesslich praktisch alle Esswaren rationiert.

Was das im Alltag bedeutete, zeigen die Schilderungen einer Badenerin, die den Krieg als Kind miterlebte: «Von allen Lebensmittelkarten gaben uns diejenigen für das Brot am meisten zu schaffen. Oftmals, wenn ich sie für den kommenden Monat abholen musste, hoffte ich im Stillen, der Mann hinter dem Schalter möchte sich einmal irren und mir eine Karte zu viel geben; aber es stimmte immer genau. Nun musste halt Mama wieder sehen, dass der Brotlaib für den ganzen Tag ausreichte und jedem noch ein Stück für die Znünipause übrig blieb.»

Knappheit herrschte insbesondere auch bei den Kartoffeln. Der Aargauer Regierungsrat sah sich im Frühjahr 1917 gar zu einer «Kartoffelbeschlagnahme» veranlasst. Um an die benötigten Saatkartoffeln zu kommen, zog die Regierung alle im Kanton vorhandenen Vorräte ein – aus Wirtschaften genauso wie aus privaten Haushalten. Der Verkauf von Speisekartoffeln war verboten, der Konsum eingeschränkt.

Harte Strafen drohten allen, die sich nicht an die regierungsrätlichen Vorschriften hielten: Busse bis zu 5000 Franken oder Gefängnis bis zu 3 Monate. Doch nicht nur Saatgut, sondern auch landwirtschaftliche Arbeitskräfte waren während der Kriegsjahre rar. Der Regierungsrat wies deshalb die Gemeinden an, die Ernte solidarisch zu organisieren.

Wie dringend Landwirte auf Hilfe angewiesen waren, zeigt ein Beispiel aus Aarau: Eine Ostschweizer Hausgehilfin wurde per Brief nach Hause gerufen. «Die gesamte Jungmannschaft ihres Heimatdörfchens habe einrücken müssen, und da sie das einzige Mädchen der Ortschaft sei, welches das schwierige Geschäft des Melkens verstehe, so sei ihre Heimkehr dringen nötig.» Die Aarauer liessen sie gehen: «Was blieb uns anderes übrig, als das tapfere Mädchen ziehen zu lassen – pro patria.»

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