Oberwil-Lieli

Nur vier Dinge gibt es im Aargauer Steuerparadies am Goldhügel nicht

Viele Zuzüger sind Zürich-orientiert und schätzendie Süd-West-Hanglage, die Ruhe und den tiefen Steuerfuss. Doch es gibt auch Exoten am Goldhügel, die seit ihrer Kindheit dort wohnen.

«Drei Dinge haben wir nicht: Asylbewerber, Sackgebühr und Kurtaxe.» Gemeindeammann Andreas Glarner sitzt in seinem Büro und beschreibt «sein» Oberwil-Lieli. «Unser Ziel war Platz eins der Rangliste», sagt der SVP-Politiker unumwunden. Er spricht von der Steuerkraft-Tabelle. Das Ziel ist erreicht, der Gemeindeammann stolz. «Der Wohlstand ist aber nicht bloss auf die hohen Steuereinnahmen zurückzuführen», betont er, «im Gemeinderat sitzen drei Unternehmer. Wir gehen haushälterisch mit unseren Ressourcen um.» Als Beispiel führt er die Gemeinderatsentschädigungen an, die deutlich unter jenen der Nachbargemeinden liegen.

Die Bauplätze schwinden

Der Gemeinderat kümmert sich aktiv um finanzkräftige Zuzüger. «Jährlich kommt ein ‹gutes› Kaliber. Und die anderen guten bleiben», sagt Glarner. So kann sich die 2200-Einwohner-Gemeinde Dinge leisten, von denen andere nicht einmal träumen. Eine Freizeitanlage für eine Million Franken. Einen überdachbaren Pausenplatz. Einen Doppelkindergarten im Zusammenhang mit Alterswohnungen für vier Millionen. Steaks mit Salat nach der Gemeindeversammlung. Nur ein Schwimmbad brauche man hier nicht, sagt Andreas Glarner. Denn: «Das haben unsere Einwohner vor der eigenen Haustür.»

In Oberwil-Lieli gibt es zwei Geschäfte: die Bäckerei-Konditorei Huber in Oberwil, den Volg in Lieli. Vor dem Volg ist um 11.30 Uhr kein Parkplatz besetzt. «Wir spüren die Sommerferien», sagt Filialleiterin Astrid Wohlwend. Sie habe ihre Stammkunden – vor allem ältere Dorfbewohner. Neue Kunden kommen nicht von allein. Der Detailhändler weiss das, via Gemeinde verteilt er allen Neuzuzügern einen Gutschein für eine «Begrüssungstasche», gefüllt mit Lebensmitteln. «Die meisten holen ihre Tasche gern ab», sagt Astrid Wohlwend. Viele sieht sie danach nie mehr.

1908 wurden Oberwil und Lieli per Zwangsdekret zusammengeschlossen. Der Grund: Lieli war damals bankrott. Heute wird just dieser Dorfteil von Einwohnern «Goldhügel» genannt. Hinter dem Volg führt die Grossächerstrasse hangaufwärts. Wo einst ein grosser Acker gewesen sein muss, stehen heute grosse Häuser mit grossen Terrassen. Mit Türmchen. Mit Marmorstatuen im Garten. Mit gusseisernen Toren und Alarmanlagen. Wer hier baut, schätzt dreierlei: die sonnige Süd-West-Hanglage, den tiefsten Aargauer Steuerfuss (65 Prozent) und die Nähe zu Zürich. Noch gibt es freie Bauparzellen, doch sie schwinden. Ein Bagger hebt gerade eine mächtige Baugrube aus, zu Dutzenden stehen die Visiere im hohen Gras.

Neues Bauland einzonen kann der Gemeinderat kaum mehr. Dereinst wird er seine neue Strategie ändern: Ältere Liegenschaften aufkaufen und wieder verkaufen – an Investoren, die abreissen und neu bauen.

Reiche Zuzüger und eine Exotin

Links und rechts führen Sackgassen von der Grossächerstrasse weg. Sie sind so menschenleer wie die Hecken hoch. Wenig deutet auf Leben in Lieli hin: Ein Schild mit der Aufschrift «Nöd z’gschwind, s’hät Chind» – und das «Haus zur Mühle». Es ist kleiner als alle anderen, und älter. Judith Keller öffnet die Tür: «Ja, ich bin die Exotin am Goldhügel.» Sie ist hier aufgewachsen, blieb bis heute in ihrem Elternhaus wohnen. «Ich könnte das Grundstück wohl für viel Geld verkaufen», ist sie sich bewusst. Doch die Erinnerungen sind ihr mehr wert. Solange sie kann, will sie bleiben. Zumal sie sich auch von den solventen Neuzuzügern in der Nachbarschaft akzeptiert fühlt: «Sie lassen mich leben, ich lasse sie leben», sagt Judith Keller schmunzelnd.

Mit «sie» könnte sie das Ehepaar Dettling meinen. Vor 31 Jahren gehörten Dettlings zu den Ersten, die in Lieli einen Bauplatz kauften. Pendelten nach Zürich, wo sie ein eigenes Unternehmen führten. Importierten und verkauften Maschinen und Werkzeuge für Heiztechniker. Mit 65 Jahren verkauften sie das Unternehmen. «Jetzt geniessen wir das Leben», sagt Helena Dettling, und schwärmt: «Wir haben doch das Paradies hier!» Es sei ruhig im Quartier, es gebe keinen Streit, keine Blicke. «Das schätzen wir.» Und doch: Abgeschottet leben sie nicht. Mit den Nachbarn haben sie regelmässig Kontakt, die az-Reporter empfangen sie spontan. Marmorböden und weisse Teppiche sind kein Hindernis. Der Glastisch wird zum Pult. Der Salon zur Stube.

Prominente am Grümpelturnier

Geblieben ist in all den Jahren die Orientierung nach Zürich. Zum Einkaufen fahren Dettlings mit dem Auto in die Stadt. Wann sie das letzte Mal Zug gefahren sind, wissen sie nicht. Aus dem Ortsteil Oberwil kennen sie kaum jemanden. Tatsächlich sind Oberwil und Lieli geografisch getrennt. Und: Auf Besucher macht Oberwil einen dörflicheren Eindruck. Dies bestätigt beim Mittagessen im «Tricolore» Mike Gemperle, ein gebürtiger Mutscheller. Bei einer Schale spricht er über das intakte Vereinsleben von Seilziehen bis Karate und über Prominente, die freudig am Grümpelturnier mitspielen. «Der Glarner» mache das gut, lobt er den Gemeindeammann.

Nur: Einen vierten «Mangel» habe der Ammann vergessen – «in der reichsten Gemeinde des Kantons gibt es keinen Bancomaten.»

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