Glosse

Nur noch 169 Mal schlafen! Oder wenn Politiker im Wahljahr die AZ plötzlich zum Kampfblatt des Gegners machen

Im Wahljahr ist das Gerangel um Aufmerksamkeit besonders gross.

Im Wahljahr ist das Gerangel um Aufmerksamkeit besonders gross.

«Hofberichterstattung», «Kampfblatt», «Beihilfe zur Vertuschung»: Ein kurzer Werkstattbericht zur Beziehung zwischen Medien und Parteien in einem Wahljahr wie diesem.

Woran merkt man als Journalist, dass Wahljahr ist und die Nervosität der Beteiligten langsam, aber stetig steigt? Zum Beispiel daran, dass eine bürgerliche Partei auf Twitter beanstandet, dass der linke politische Gegner in der 1. Maiwoche mehr als einmal auf der Titelseite der grössten Zeitung der Region vertreten war und daraus folgert, die Zeitung sei ein Kampfblatt für ebendiesen linken Politiker und allenfalls deshalb abzubestellen.

Oder umgekehrt: Wenn dieser linke Politiker – ebenfalls auf Twitter – der gleichen Zeitung in anderem Zusammenhang unterstellt, sie betreibe Hofberichterstattung für die oben genannte bürgerliche Partei.

Ebenfalls ein Indiz für bevorstehende Wahlen ist, wenn sich ein Kandidat bei der Redaktion meldet und reklamiert, es werde im Kleingedruckten für seinen Geschmack zu oft festgehalten, dass er bei einer bevorstehenden Abstimmungsvorlage eine abweichende Meinung zu seiner eigenen Partei vertritt.

Bevor sich die Redaktion grundsätzliche Gedanken machen kann, ob sie hier allenfalls zu kritisch mit dem Politiker umgeht, meldet sich auch schon sein Gegenspieler, der twittert, wir würden Beihilfe zur Vertuschung betreiben, weil wir bei einem anderen Dossier die Konfliktlinie zwischen der Partei und dem oben geschilderten Politiker nicht thematisierten.

Twittern mit einer Prise Trump

Ja, wir wissen mittlerweile: Diese Twitterei mit einer Prise Trump ist gar nicht in erster Linie an uns gerichtet, sondern an die eigene Gefolgschaft. «Mobilisierung» ist das grosse Zauberwort, im digitalen Zeitalter natürlich auch über die sozialen Medien. Also kurz die Stirn runzeln und abhaken. Es sind ja nur Politiker in einem Wahljahr, die Aufmerksamkeit suchen.

Nur im Wahljahr passiert es auch, dass ein Politiker mit Ambitionen Artikel aufrechnet und der Redaktion dann vorhält, er komme zwar oft in der Zeitung vor, aber mehrheitlich mit negativer Schlagseite.

Wahljahr ist, wenn man sich bemüht, zu einem wichtigen nationalen Thema auch den Aussenseiter-Kandidaten einer Kleinpartei zu Wort kommen zu lassen, dieser dann genervt antwortet, er habe eigentlich keine Zeit, aber es bleibe ihm ja gar nichts anderes übrig, als sich gegenüber dem Monopolmedium gefällig zu zeigen.

So gleicht sich alles irgendwie aus, denkt der Journalist. Wenn alle Politiker etwa gleichermassen unzufrieden sind mit der Berichterstattung, hat man womöglich sogar vieles richtig gemacht. Wäre da nicht die Rückmeldung aus einer Partei, die für gewöhnlich schnell mit der Keule zur Medienschelte ausholt, unsere Kritik an ihrer Rolle im Umgang mit einer etwas unkonventionellen Regierungsvertreterin sei hart, aber fair und berechtigt gewesen.

Spätestens jetzt hinterfragt sich der kurz verunsicherte Journalist, was denn da los ist. Ein Blick in die Agenda lässt ihn aufatmen: Nein, es ist kein lästiger, nervöser Traum, es ist einfach Wahljahr. Die Erleichterung ist gross, die Vorfreude wächst: Nur noch 169 Mal schlafen!

PS: Die durchwegs männliche Form ist bewusst gewählt. Frauen waren nicht unter den Beispielen.

Autor

Rolf Cavalli

Rolf Cavalli

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