Die Mundartinitiative will nur noch Mundart im Kindergarten. Im Kanton Zürich wurde eine solche Initiative angenommen. Im Aargau sagen Regierung und Parlament Nein. Warum eigentlich, Mundart ist doch sympathisch?

Alex Hürzeler:Selbstverständlich hat niemand etwas gegen Mundart im Kindergarten. In unseren Kindergärten wird sogar ausgiebig Mundart gesprochen. Doch für die Vorbereitung auf die Primarschule ist es sinnvoll, dass die Kindergartenlehrpersonen auch in Standardsprache reden. Das Hochdeutsch soll deshalb nicht verboten werden, wie es die Initianten fordern.

Warum?

Seit rund sechs Jahren kennen wir in den Aargauer Kindergärten ein gut funktionierendes Nebeneinander von Mundart und Standardsprache. Dabei stellten wir fest, dass die spielerische Einführung ins Hochdeutsche im Kindergarten für den späteren Schulerfolg sehr hilfreich ist. Wir sehen keinen Grund für ein Verbot im Kindergarten. Das wäre ein falsches Signal.

Zeigen Untersuchungen denn wirklich, dass Ihre Regelung die Sprachkompetenz der Kinder erhöht?

Diese Studien gibt es und sie bestätigen genau das. Zudem kommen die Kindergartenschülerinnen und -schüler auch im Alltag täglich mit Hochdeutsch in Kontakt. Sei es vor dem Fernseher, beim Radiohören usw. Auch deshalb ist es sinnvoll, sie schon im Kindergarten schrittweise, spielerisch und kindgerecht an das Hochdeutsch heranzuführen. Zudem ist eine gute Sprachkompetenz in Deutsch für den später zu ergreifenden Beruf oft sogar entscheidend.

Viele befürchten, dass die Kinder- gärtler gezwungen werden könnten, Hochdeutsch zu reden.

Niemand zwingt die Kinder dazu. Nicht gestern, nicht heute, und ganz sicher auch nicht morgen. Die Vorgabe, rund ein Drittel in Hochdeutsch und rund zwei Drittel in Mundart zu unterrichten, gilt für die Lehrpersonen, nicht für die Kinder. Diese dürfen selbstverständlich Mundart in allen Varianten reden – oder auch mal mit Hochdeutsch experimentieren. Sie sind da völlig frei.

Könnten die Kinder mit mal Hochdeutsch, mal Mundart nicht ein Durcheinander bekommen?

Wir dürfen die Lern- und Aufnahmefähigkeit unserer Kinder nicht unterschätzen. Sie schaffen es auch, die verschiedensten sprachlichen Einflüsse im Alltag zu verarbeiten. Die Kindergartenlehrpersonen wechseln auch nicht wild hin und her. Sie reden in bestimmten Sequenzen Hochdeutsch, in anderen Mundart. Und sie zeigen den Kindern den Wechsel jeweils auf.

Bisher galt je hälftig Mundart und Hochdeutsch, künftig bis zwei Drittel Mundart. Ein Zugeständnis an die Initianten?

Ja, die Regierung hat dies als Antwort auf die Initiative beschlossen. Das Departement überprüft die Aufteilung aber nicht mit der Stoppuhr. Es liegt in der Verantwortung der Lehrpersonen, die Regelung anzuwenden.

Am einfachsten wäre doch Mundart, das bräuchte keine Stoppuhr?

Ein Verbot von Hochdeutsch im Kindergarten wollen wir nicht. Sie haben eingangs den Kanton Zürich angesprochen. Das ist der einzige Kanton, der bisher eine solche Initiative angenommen hat. Ich bin überzeugt, dass dort in den Kindergärten trotzdem auch Hochdeutsch gesprochen wird. Denken wir nur an all die Lieder, die die Kinder lernen, oder wenn ein Gedicht vorgelesen wird. Auch deswegen bringt es nichts, uns in ein Mundart-Korsett zu zwängen.

Wie viel Ärger haben Sie mit Eltern, die sich über Hochdeutsch im Kindergarten aufregen?

Absolut keinen. Das ist es ja gerade. Wir haben keine negativen Rückmeldungen. Offensichtlich wird das Nebeneinander von Hochdeutsch und Mundart überhaupt nicht als Problem gesehen. Unsere Lösung bewährt sich, sie ist gut und akzeptiert. Was sich bewährt, sollte man nicht ohne guten Grund aufgeben. Mit der Spardiskussion, dem Lehrplan 21 und dem Lehrermangel beschäftigen die Schule Aargau andere Themen. Wir sollten diese Themen angehen, statt im Kindergarten unnötig neue Probleme zu schaffen.

Primarschule und Kindergarten im Kanton Aargau suchen intensiv Lehrkräfte. Könnte man bei einem Ja zur Initiative keine mehr aus Deutschland holen? Wer würde künftig unterrichten?

Tatsächlich fehlen auch in der Kindergartenstufe zunehmend Lehrpersonen. Die Schulen unternehmen entsprechend grosse Anstrengungen. Es unterrichten ja bereits heute Lehrpersonen etwa aus Deutschland. Da ist die Schule heute schon gefordert, gute Lösungen für ein Nebeneinander von Mundart und Hochdeutsch zu finden.

Und wie sehen die konkret aus?

In einer Schule mit mehreren Kindergartenabteilungen können sich zum Beispiel zwei Lehrpersonen abwechseln. Ausserdem wird seit diesem Schuljahr in allen Kindergärten Heilpädagogik angeboten, sodass eine gewisse Zeit, zwei Lehrpersonen anwesend sind. So kann sicherlich genug in Mundart unterrichtet werden. Ein Mundartzwang, wie ihn die Initiative fordert, würde die Suche nach Lehrpersonen jedoch zweifelsohne zusätzlich verschärfen.