Am 24. September sind Gemeindewahlen. Eine Umfrage der Gemeindeammänner-Vereinigung des Kantons Aargau (GAV) zeigt, dass 895 Kandidierende einen der 831 Sitze im Gemeinderat wollen. Auf den ersten Blick hat es also genug Kandidaten.

Doch nicht überall: Von den 164 Gemeinden, die an der Umfrage teilgenommen haben, geben 22 an, weniger Kandidierende als Sitze zu haben. «Diese Gemeinden müssen in einen zweiten Wahlgang», sagt GAV-Präsidentin Renate Gautschy. Es könne aber auch sein, dass unterdessen schon genug Kandidierende vorhanden seien, weil sich im letzten Moment noch jemand «inoffiziell» zur Kandidatur entschieden habe. Auch Yvonne Reichlin-Zobrist, Leiterin Gemeindeabteilung beim Kanton, ist zuversichtlich: «Bis jetzt konnten noch immer alle Sitze besetzt werden.»

55 Gemeinden steht eine Kampfwahl bevor, weil es mehr Kandidaten als Sitze hat. In den restlichen 87 Gemeinden gibt es eine stille Wahl, weil es gleich viele Kandidierende wie Sitze hat.

Auffallend ist: Im ganzen Kanton sind Frauen massiv untervertreten. Drei von vier Kandidierenden für einen Sitz im Gemeinderat sind männlich. Der Frauenanteil beträgt knapp 25 Prozent. Für das Amt des Gemeindeammanns interessieren sich noch weniger Frauen: Von 180 Kandidierenden sind 32 weiblich (17,7 Prozent). Gautschy ist trotz tiefem Frauenanteil positiv überrascht: «Ich bin davon ausgegangen, dass sich noch weniger Frauen melden und freue mich, dass die 25 Prozent erreicht wurden.»

Der Frauenanteil bei den Kandidierenden entspricht etwa dem Status quo in den Gemeinderäten der Regionen Aarau sowie Lenzburg-Seetal und Wynental-Suhrental. Von den 296 Gemeinderäten in diesen Gemeinden sind 75 Frauen (AZ berichtete).

Schulpflegen in Frauenhand

Die grosse Ausnahme ist die Schulpflege: Für die 648 Sitze haben sich mehr Frauen (350) als Männer (298) beworben.

Den schwersten Stand bei der Kandidatensuche haben die Finanzkommissionen. Für die 600 Sitze interessieren sich nur 581 Personen. Auch hier gibt es wohl in manchen Gemeinden einen zweiten Wahlgang.

Doch welche Faktoren spielen überhaupt eine Rolle, wenn sich jemand dafür entscheidet, für ein Amt zu kandidieren beziehungsweise erneut zu kandidieren?

Yvonne Dietiker aus Suhr hat an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften studiert. Für ihre Masterarbeit hat sie Mitglieder der Gemeindeexekutiven in den Kantonen Aargau und Luzern befragt. Sie hat untersucht, wie zufrieden die Politiker mit ihrem Amt sind, wo es Verbesserungspotenzial gibt und ob sich die beiden Kantone diesbezüglich unterscheiden.

Die Arbeit zeigt, dass die Politiker zufrieden sind. Die Aargauer etwas weniger als die Luzerner. Die Zufriedenheit ist mehrheitlich von der Tätigkeit abhängig und wird durch das politische Interesse verstärkt. Am zufriedensten sind die Politiker denn auch mit der Tätigkeit, am unzufriedensten mit der Entschädigung. Während im Aargau der durchschnittliche Stundenlohn bei rund 49 Franken angesetzt ist, beträgt er im Kanton Luzern rund 72 Franken.

Der grösste Unterschied zwischen den Kantonen liegt in der Professionalisierung. Im Aargau sind die Politiker überwiegend nebenamtlich tätig, im Kanton Luzern im Teilamt, das heisst, sie sind wie Verwaltungsmitarbeitende in einem fixen Pensum angestellt und werden in Anlehnung an das kantonale Lohnsystem entschädigt.

«Luzerner Modell» als Vorbild

Dietiker kommt zum Schluss, dass sich der Aargau das «Luzerner Modell» als Vorbild nehmen und dadurch die Rekrutierungsproblematik im Kanton entschärft werden könnte. Amt und Beruf würden so nicht zur Doppelbelastung. Einen Modellwechsel könne jede Gemeinde für sich beschliessen. «Wichtig ist also, das Stimmvolk von der positiven Wirkung einer Professionalisierung zu überzeugen», sagt Dietiker. Hier seien die lokalen politischen Gruppierungen gefragt: «Sie können das politische Interesse der Bevölkerung wecken.»

Politisch interessierte Einwohnerinnen und Einwohner wiederum würden die Arbeit der Gemeinderäte besser kennen- und damit schätzen lernen. Eine höhere Wertschätzung durch die Bevölkerung wünschen sich Politiker im Aargau und im Kanton Luzern. So könnte ihrer Meinung nach das Amt attraktiver gemacht werden.