Einst schrieben Journalisten über die Wahlbeteiligungsquote. 1965 machten 81,2 Prozent der Stimmberechtigten an den Grossratswahlen mit. Klar, viele wählten einfach, weil im Aargau bis 1970 die Stimmpflicht galt. 1973 sauste die Beteiligung prompt auf 50 Prozent hinunter.

Heute wären wir stolz auf einen solchen Wert, den der Aargau bei den Nationalratswahlen noch knapp erreicht. Bei den Grossratswahlen hingegen machten 2016 nur noch 32,8 Prozent mit. So berechnet man heute die Nichtwählerquote. 67,2 Prozent blieben also zu Hause. Die positiven Ausschläge auf unserer Grafik (unten) in den Jahren 1993 und 2001 zeigen leider nicht zwischenzeitlich erhöhtes Interesse am Grossen Rat. Da fanden schlicht auch Sachabstimmungen statt.

Doch wie setzt sich die Nichtwähler-Quote überhaupt zusammen? Statistik Aargau kennt in einer neuen Arbeit (vgl. nachfolgende Box) die Antworten auf diese Fragen. Sie bestätigt, dass die jungen Wahlberechtigten der Urne öfter fernbleiben als Leute zwischen 40 und 44 Jahren und erst recht mehr als über 65-jährige.

Kommt dazu, dass bei den ganz jungen Männern noch mehr daheim bleiben als ganz junge Frauen. Wie erklärt sich die rekordtiefe Beteiligung und der feine Unterschied zwischen den Geschlechtern, während Männer insgesamt ja mehr abstimmen als Frauen (auch beim Grossen Rat)?

Uwe Serdült, wissenschaftlicher Abteilungsleiter und Lehrbeauftragter am Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA), erklärt dies so: «Da die politische Beteiligung stark vom politischen Interesse und dieses wiederum vom Bildungsgrad abhängt und die jüngeren Frauen durchschnittlich besser gebildet sind als Männer, nimmt man an, dass das der Grund ist.

Auch hier müsste das aber noch genauer untersucht werden.» Leider lasse sich der Bildungsgrad aber nicht über Wahlstatistiken erschliessen. Diese Information ist im Wahlregister schlicht nicht erfasst.

Witwen ziehen sich oft zurück

Bei den älteren Frauen ist es bei der Stimm- und Wahlbeteiligung genau umgekehrt wie bei den ganz jungen Frauen. Warum? Ältere Jahrgänge sind noch ohne Stimmrecht aufgewachsen (das Frauenstimmrecht gilt in der Schweiz erst seit 1971) und haben diesen Rückstand über ihr ganzes Leben nie aufgeholt.

Auch mag der Bildungsgrad früher geringer gewesen sein bei den Frauen, so Serdült: «Wir sehen heute noch, dass die Stimmbeteiligung bei den Frauen etwas sinkt, sobald sie Kinder bekommen und wohl immer noch zu einem grossen Teil für die Kinder und den Haushalt zuständig sind. Kommt hinzu, dass im Alter den Frauen die Männer aufgrund ihrer geringeren Lebenserwartung wegsterben und sie dann alleine sind.» Viele zögen sich dann aus dem politischen Leben zurück.

Warum wendet sich die beruflich und betreffend Familienleben aktivste Gruppe (vgl. Kurve der 40- bis 44-jährigen) weiter von Wahlen ab? Serdült sieht als Gründe eine Kombination der generellen Gründe wie die Einführung des Frauenstimmrechts 1971, den Wegfall der Stimmpflicht, weniger sozialen Druck in Einpersonenhaushalten und einen Bedeutungsverlust von kantonalen Wahlen. An der fehlenden Bildung oder mangelnder Parteienkonkurrenz könne es nicht liegen.

Die Beteiligung an Wahlen und Abstimmungen sei zudem eine soziale Angelegenheit: «Wir wissen, dass ein gewisser Druck, der Norm des guten Stimmbürgers zu entsprechen, in Haushalten mit Paaren oder Familien zu einer höheren Stimmbeteiligung führt. Die grosse Zunahme an Einzelhaushalten ist wohl einer der etwas vergessenen Gründe für die sinkende Stimmbeteiligung. In einem Einzelhaushalt kann man sich diesem sozialen Druck entziehen.»

Bestimmen Senioren die Politik?

Unsere Grafik zeigt weiter: Die über 65-Jährigen zeichnen sich durch eine vergleichsweise hohe Wahlbeteiligung aus. Sie ist mehr als doppelt so hoch wie bei den 20- bis 24-Jährigen. Heisst das, dass letztlich diese erfreulich stimmaktive Gruppe bestimmt, wo es lang geht? Generell seien Senioren noch mit der Stimmpflicht aufgewachsen, so Serdült.

In absoluten Zahlen gesehen, seien die Senioren bei den Wahlberechtigten nicht in der Mehrheit (jeder vierte ist über 65-jährig). Serdült: «Es ist also nicht so, dass die Jüngeren dominiert werden können. Sie lassen es höchstens freiwillig zu, dass Senioren einen überdurchschnittlich grossen Einfluss nehmen können.» Auf die Chancen der Parteien habe dies aber praktisch keine Auswirkungen.

Dies zeigt eine Nachwahlbefragung. Wenn man eine statistische Umfrageungenauigkeit von rund 2 Prozent berücksichtigt, sehe man, dass die Parteien 2016 durch alle Altersgruppen etwa gleich gut gewählt wurden. Einzig die FDP kam bei über 60-Jährigen besser weg, alle anderen nicht.