Vor 10 Jahren
Notstand: Als die Reuss wütete und tobte wie nie zuvor

«Es ist lebensgefährlich, sich an den Flüssen und Brücken aufzuhalten.» So dramatisch schilderte der Führungsstab die Lage beim Hochwasser 2005. Heute ist man besser gewappnet.

Hans Lüthi
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az-Reporter Toni Widmer fotografierte die gewaltigen Verwüstungen aus dem Helikopter, hier den überfluteten Campingplatz Künten-Sulz.

az-Reporter Toni Widmer fotografierte die gewaltigen Verwüstungen aus dem Helikopter, hier den überfluteten Campingplatz Künten-Sulz.

Toni Widmer

Rückblende ins Jahr 2005: Vom 21. bis 23. August herrscht im Aargau Notstand. Land, Häuser und Strassen entlang der Flüsse stehen unter Wasser. An der Reuss spitzt sich die Lage dramatisch zu. Menschen und Tiere müssen evakuiert werden.

Hotspot ist das Reusstal, die Kleine Emme ist über Nacht gross geworden und schleust gigantische Holzmengen in den Fluss. Die Pegel steigen auf immer neue, unglaublich hohe Rekordwerte. «Es ist lebensgefährlich, sich an den Flüssen und Brücken aufzuhalten», warnt der Kantonale Führungsstab (KFS) Katastrophenvorsorge die Bevölkerung. Die braunen Wassermassen reissen alles mit, ganze Bäume und Baumstämme bedrohen die Brücken.

Als sich die Situation dramatisch zuspitzt, evakuieren Feuerwehren und Zivilschutz 120 Personen. Die Hälfte davon allein in Unterwindisch, wo der tobende Fluss samt einem riesigen Holzteppich das Areal der Spinnerei Kunz überschwemmt hat. Häuser und Wohnungen sind ernsthaft bedroht. In Oberrüti werden 27 Menschen und 170 Tiere vor den Reussfluten in Sicherheit gebracht.

55 Feuerwehren und viele Zivilschützer kämpfen im ganzen Kanton gegen die Naturgewalten. Dank gezielter Hilfe, Vorsicht und oft auch Glück kommen keine Menschen ums Leben.

Erstmals im Spätsommer

Völlig neu ist der Zeitpunkt: Die Jahrhundert-Hochwasser von 1994 und 1999 kamen im Mai, als sich die Schneeschmelze in den Bergen mit tagelangem Landregen aus dem Genua-Tief kumulierten. 2005 wird feuchtwarme Luft aus dem Süden von Kaltluft aus dem Norden überlagert. Es regnet ab dem 21. August wie aus Kübeln, die Schneefallgrenze ist mit 3800 Metern sehr hoch. Der Regen kumuliert sich in rund zwei Tagen auf 200 Millimeter, in den Kerngebieten zwischen Brienzersee, Engelberg und dem Entlebuch sind es über 300 Millimeter. Also flächendeckend 30 Zentimeter Wasser.

Nur zwei Jahre später wiederholt sich das August-Hochwasser. Die Reuss bleibt diesmal rund 100 Kubikmeter unter ihrem Rekord von 863 Kubikmetern pro Sekunde. Verheerender sieht es 2007 an der Aare aus, das Kraftwerk Rüchlig wird zerstört, in Döttingen das Gebiet rechts des Flusses überflutet. Weil das Wehr am Bielersee zu spät geschlossen wird, erreicht die Aare bei Murgenthal 1259 Kubimeter pro Sekunde. Ein Drittel mehr, als der Bundesrat mit der Murgenthaler Verordnung zur Sicherheit der Unterlieger bei der grossen Jura-Gewässerkorrektur vorgeschrieben hat.

Die Sintflut lässt sich nicht steuern, der Abfluss nur beim Ausfluss aus den Seen. Viele Pegel übersteigen die 1999er-Rekorde massiv, der Bielersee um 48 Zentimeter, der Brienzersee um 69 und der Sarnersee sogar um 97 Zentimeter. Dennoch gilt: Ohne diese riesigen und natürlichen Rückhaltebecken käme es regelmässig zu grossen Katastrophen. Aare, Reuss, Limmat und Rhein verlassen ihre Seen relativ zahm. Es sind immer die Nebenflüsse – Emme, Kleine Emme, Sihl und Thur –, die innert Stunden unglaublich anschwellen und das Fass zum Überlaufen bringen. Weil Aare, Limmat, Reuss und Rhein alle den Aargau durchfliessen, ist er der Hochwasserkanton schlechthin. Mit Gesamtschäden von jeweils 40 bis 60 Millionen Franken in den vier teuren Hochwasserjahren. Zum Wasserschloss der Schweiz gehören 200 Kilometer Flüsse und 2800 Kilometer Bäche.

Von zentraler Bedeutung ist es, die relativ kurzen Spitzen der Abflüsse zu brechen. Darum hat der Kanton in den letzten Jahren Dämme erhöht, grosse Rückhaltebecken an Flüssen und Bächen gebaut (siehe nebenstehenden Text) und dafür viel Geld investiert. Von 2012 bis Ende 2015 haben Kanton, Gemeinden und Bund 45 Millionen eingesetzt. Die Planung für die nächsten Jahre rechnet mit weiteren rund 90 Millionen. Aber die Mittel fliessen nicht so gut wie das Regenwasser: Trockenheit und knappes Geld bremsen Projekte.

«Die Solidarität unter den Gemeinden einer Talschaft wird bei knappen Finanzen nicht grösser», schreibt Sektionsleiter Markus Zumsteg von der Abteilung Landschaft und Gewässer beim Kanton. Es werde immer schwieriger, die nötigen Landflächen zu beschaffen. «Planung und Genehmigung werden anspruchsvoller, die Rechtslage immer komplizierter.»

Prävention als Schlüsselfaktor

Weil Vorbeugen besser und vor allem viel billiger ist als Heilen, haben die involvierten kantonalen Stellen ihr Hochwasser-Management verstärkt. Die inzwischen fertiggestellte Gefahrenkarte Hochwasser zeigt Risiko und Mängel parzellengenau auf. Das Defizit an Schutzflächen beträgt allein in Aarau, Oftringen, Zofingen, Wohlen und Reinach zwischen 80 und 38 Hektaren.

Wichtig ist es nun, das Schadenpotenzial durch neue Überbauungen nicht weiter ansteigen zu lassen. «Die Gemeinden machen bei der Zonenplanung und die Aargauische Gebäudeversicherung bei Neu- und Umbauten einen guten Job», lobt Zumsteg. Richtige Prävention sei der Schlüsselfaktor für den künftigen Erfolg.

Bedingt durch den Klimawandel, befürchten Fachleute weitere extreme Wetterlagen. Hitzesommer, Hagelstürme, Orkane wie «Lothar» oder Sintfluten. Mittlere Hochwasser gibt es viele, nur verschwinden sie in der Erinnerung sehr rasch. So sind die Beaver-Schläuche zum Schutz von Wallbach erst im Mai dieses Jahres erneut eingesetzt worden.

Das zeigt: Bei aller Prävention braucht es im Ernstfall auch Tausende von Helfern, die in gut ausgerüsteten Feuerwehren und im Zivilschutz die Bevölkerung schützen können. Zehn Jahre nach 2005 lautet die Frage nicht, ob es zu einem neuen Jahrhundert-Hochwasser kommt. Die Frage ist, wann es kommen wird.