Wochenkommentar
Notruf 144: Frau Hochuli, übernehmen Sie!

Der Wochenkommentar von Thomas Röthlin über die Forderung nach mehr Personal im Rettungswesen.

Thomas Röthlin
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Susanne Hochuli

Susanne Hochuli

AZ

Susanne Hochuli stellte ihre vier Amtskollegen in den vergangenen Wochen punkto öffentlicher Wahrnehmung und Kritik in den Schatten. Die hohe Medienpräsenz hatte die Regierungsrätin zwei Umständen zu verdanken: ihrem Engagement gegen den Gripen und ihrem Verhalten bei der verzweifelten Suche nach Asylunterkünften. Am morgigen Abstimmungssonntag wird die Militärdirektorin die Sache mit dem Kampfflugzeug zwar ausgestanden haben, aber nicht schadlos: Das peinliche Verhinderungsmanöver der Aargauer Schützen, die Hochuli Anfang Woche am Feldschiessen einen Gripen-Maulkorb verpassten, deutet auf eine nachhaltige Verstimmung in militärfreundlichen Kreisen hin. Im Asyldossier folgt am Dienstag die parlamentarische Debatte über Grossunterkünfte.

Zu den beiden Baustellen im Departement Hochuli gesellt sich langsam aber sicher eine dritte: die Sanitätsnotrufzentrale. Die sogenannte Einsatzleitstelle in Aarau, wo alle 144er-Notrufe aus dem Kanton eingehen und die Ambulanzen aufgeboten werden, ist jüngst mit zwei sehr fragwürdigen Aktionen aufgefallen. Zuerst beschuldigte sie einen Ambulanzfahrer der Fehlmanipulation an seinem Bordcomputer. Und begründete damit das zu späte Eintreffen am Einsatzort Fislisbach, wo eine Frau an Herzstillstand verstarb.

Als der Fahrer Monate später endlich aufdecken konnte, dass er den richtigen Knopf gedrückt hatte und der Fehler in Wahrheit in der Notrufzentrale passiert war, schlug diese aus dem Fall Fislisbach auch noch Kapital: In derselben Mitteilung, wo die «Fehleinschätzungen» eingestanden und der «überdurchschnittlich hohen Arbeitsbelastung» an jenem Tag zugeschrieben wurden, stand der Wunsch nach «mehr Ressourcen». Andreas Huber, Chefarzt am Kantonsspital Aarau, sagte in der az: «So traurig dieser Fall in Fislisbach ist, hilft er vielleicht zu zeigen, dass unsere Forderungen nach mehr Personal substanziell sind.»

Erst eine Woche später und nur auf Anfrage liess Hochuli ausrichten, der Fall Fislisbach sei «denkbar ungünstig als Anlass für diese Diskussion». Und man habe keine Hinweise, dass das Personal nicht reiche. Dazu muss man wissen: Die Einsatzleitstelle wird zwar vom Kantonsspital Aarau geführt - dies aber im Auftrag des Kantonsärztlichen Dienstes, der Susanne Hochuli unterstellt ist. Wenn das Spital als zwischengeschaltete Organisation etwas über die Notrufzentrale mitteilt, das der eigentlichen Chefin nicht passt, dann müsste sie intervenieren. Wenn sie es nicht tut, dann schiessen Spekulationen ins Kraut.

Zum Beispiel diese: Die Regierungsrätin will kein Öl ins Feuer giessen. Das Verhältnis zwischen dem Departement Gesundheit und Soziales und der Einsatzleitstelle 144 ist nämlich spätestens seit dem Streit um die Luftrettung belastet. Der Chef der Notrufzentrale machte letzten Frühling keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen den TCS-Helikopter. Hochuli hingegen verteidigte die Aufnahme des gelben Helis ins Rettungsdispositiv stets vehement. Aktuell kursiert ein Faktenblatt über das aargauische Rettungswesen von Kantonsarzt Martin Roth. Botschaft: Dank des TCS-Helikopters habe die Qualität zugenommen.

Zugenommen haben auch die Sanitätsnotrufe und die Blaulicht-Fahrten, deren Zahl inner weniger Jahre in astronomische Höhen schnellte. Weil dies belegt ist - 2013 rückten die Ambulanzen im Schnitt 87-mal pro Tag aus -, hat die Forderung nach mehr Personal inzwischen die Politik erreicht. Wenn die von Grossrätinnen angekündigten Vorstösse wirklich eingereicht werden, dann wären folgende Fragen interessanter als jene nach der Einsatz-Statistik: Wie sichert sich das Departement Hochuli den Durchgriff auf seine Einsatzleitstelle? Und wie verbessert es deren Fehlerkultur?