Help for Family
Notpäckli aus der Garage für Schweizer Familien in Not

Der Verein «Help for Family» aus Turgi hat 2,5 Tonnen Lebensmittel verschickt. Die beiden Vereinsgründer Stefan Burch und Bea Schierer haben das Helfersyndrom seit je her in sich, wie sie selber sagen.

Elia Diehl
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Ehrenamtliche Hilfe: Bea Schierer und Stefan Burch füllen im Mini-Lager Notpakete für Familien. Jiri Reiner

Ehrenamtliche Hilfe: Bea Schierer und Stefan Burch füllen im Mini-Lager Notpakete für Familien. Jiri Reiner

Stefan Burch und Bea Schierer stehen in der zugestellten Garagenbox in einem Wohnblock in Turgi. Sie befüllen Kartonkisten mit Teigwaren, Milch, Konservendosen, Reis oder Tomatensaucen. Die Regale sind fast leer, wie meistens. Zweieinhalb Tonnen Lebensmittel haben innert weniger Monate das winzige Lager verlassen. Die beiden 45-Jährigen sind Gründer des Vereins «Help for Family», der Notpakete an Familien in der Schweiz versendet (siehe Box).

Notpaket – so funktionierts

Familien in Not in der Schweiz stellen auf der Website www.help-for-family.ch einen Antrag, dem in jedem Fall ein persönliches Telefongespräch folgt. Nach der Überprüfung werden sie Mitglied der Facebook-Gruppe und bekommen gegen Porto innert 24 Stunden ein Lebensmittelpaket (15 bis 20 Kilo) zugesandt. Der Unkostenbeitrag beläuft sich auf 15 Franken, Vereinsmitglieder (Jahresbeitrag 20 Franken) zahlen sieben Franken für 25 bis 30 Kilo Lebensmittel. Geld oder Kleider werden keine versandt. Pro Jahr und Familie werden höchstens drei Pakete verschickt, ein garantiertes Anrecht besteht nicht. (EDI)

Handeln statt Reden

Die Idee sei spontan bei einem Glas Wein entstanden, sagt Vereinspräsident Stefan Burch, der als Weinberater in Baden arbeitet. Das Helfersyndrom hätten sie beide in sich – seit je her. «Wir wollten endlich etwas tun» – getreu dem Vereinsmotto «Handeln statt Reden». Dass Hilfe viel eher ins Ausland statt ins eigene Land gehe, findet Vizepräsidentin Bea Schierer krass: «Auch hier leben genug Menschen, die unten durchmüssen und Hilfe brauchen können.»

Die Kita-Gruppenleiterin und Mutter weiss, wovon sie spricht. Schwierige Zeiten seien es gewesen, als ihr Noch-Ehemann eineinhalb Jahre arbeitslos war. Auch dem vierfachen Vater Stefan Burch ist Not nicht ganz unbekannt: «Seit der Scheidung muss ich wegen der Alimente immer wieder mal unten durch.» Wöchentlich bis zu zwanzig Stunden arbeiten beide ehrenamtlich. Das Füllen der Notpakete ist dabei die leichteste Übung. Der Kontakt mit den Bewerbern braucht viel Zeit. Mit jedem wird zwingend ein Telefongespräch geführt, auch um Missbräuche zu verhindern. «Die Auffassung von Armut ist nicht bei allen gleich», sagt Bea Schierer. Zu entscheiden, wer etwas bekomme, sei schwierig. Oft sind es Familien, die Sozialhilfe brauchen oder kurzfristig wegen Krankheit oder Unfall in Not geraten sind.

Besonders aufwendig ist die Suche nach Sponsoren und Spendern. «Oft bekommen wir nicht, was wir bräuchten – Lebensmittel», sagt Stefan Burch. Hero, Nestlé und ein Lebensmittelgeschäft unterstützen den Verein zwar bereits, das reicht aber nicht. Niemand erwartete, dass das Projekt – im Juni 2013 nur eine Facebook-Gruppe – derart einschlägt. Den richtigen Weg nennt es Burch stolz, «obschon es fast zu schnell ging.» Bis zu 20 Pakete gehen heute pro Monat raus, der Nachschub ist knapp. Grobe Engpässe konnten nur durch Einkäufe vermieden werden.

Abgabestelle geplant

Erst letzten November gründete Stefan Burch – als Bedingung für eine Zusammenarbeit mit einem Grossverteiler – offiziell den Verein. «Er hat uns letztlich doch nicht unterstützt.» Bea Schierer ärgert sich: «Es ist doch Wahnsinn. Bei den Grossverteilern im Detailhandel wird so viel weggeworfen, obschon man es noch unbedenklich essen könnte.» In der Tat hat ein Teil der verschickten Lebensmittel knapp die Mindesthaltbarkeit überschritten. Ein Info-Zettel im Paket klärt auf. «Die Leute müssen selbst entscheiden, was sie essen wollen.» Hintergrund: Eine Kundin drohte Stefan Burch zu verklagen. «Sie sagte, ich hätte sie vergiften wollen.»

Der 45-Jährige lässt sich davon nicht beirren und plant ein weiteres Projekt. Er möchte eine Abgabestelle eröffnen, in der frische Produkte, welche nicht mehr verkauft würden, verteilt werden sollen.