Auch wer kein Pferdefan ist, sieht, dass mit diesen Tieren etwas nicht stimmt. Sie sind abgemagert, haben kaum noch Muskeln.

Weil sie nur im Stall herumstanden, statt geritten oder zumindest longiert zu werden. Sie wirken traumatisiert, weil sie domestiziert sind, aber sich lange kein Mensch mehr um sie gekümmert hat.

Solche Bilder zeigten sich Anfang Jahr auf einem Hof im jurassischen Boncourt. Ein Gränicher Züchter hatte dort 33 Pferde bei einem Bauern eingemietet — und sich selbst überlassen (die az berichtete).

«Tele M1»-Bericht zum Gränicher Pferde-Drama: Mittelloser Vermieter muss Pferde weiter pflegen.

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Daraufhin trafen die Kontrolleure des Aargauer Veterinärdiensts auch auf dem eigenen Hof des Züchters in Gränichen Tiere an, die teils schlecht gepflegt waren und zu wenig Futter bekamen.

Solche Bilder sah auch Rudolf Wettstein in seiner Karriere viele. Der 72-Jährige aus Balzenwil, Gemeinde Murgenthal, war bis zur Pensionierung als Tierarzt tätig. Zuletzt amtete er acht Jahre als Bezirkstierarzt in Rheinfelden, danach als Berater des Aargauischen Tierschutzvereins.

Im Falle des Gränicher Pferdemessies ist für ihn klar: «Einer, der so versagt hat, hat endgültig versagt. Dem darf man nie mehr eine Chance geben.»

Wegzug verhinderte Kontrolle

Doch genau dies ist Wettsteins Auffassung nach geschehen. Er sagt: «Seit Jahren lässt das Amt diesen Spitzbuben machen, ohne die notwendigen Auflagen zu machen.»

Seiner Meinung nach hätte längst eine Reduktion der Tierzahl «oder in diesem Fall sogar ein Halteverbot» verfügt werden müssen — doch das Amt greife zu wenig hart durch, die Kontrollen seien zu lasch.

Tele M1 deckt auf: Bei einer Razzia gegen den Gränicher Unternehmer M.S. beschlagnahmt das Aargauer Veterinäramt 12 Pferde und 23 Hunde

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Fakt ist: Bereits 2009 wurde der gleiche Züchter in Safenwil vom Veterinärdienst kontrolliert. Laut Nachbarn wurden die Tiere im Wohngebiet inmitten von Abfall und Elektroschrott gehalten. Bei dieser Kontrolle wurden «verschiedene Mängel» beanstandet, «und eine Verfügung zu deren Beseitigung erlassen», wie Alda Breitenmoser erklärt. Sie leitet das kantonale Amt für Verbraucherschutz, dem der Veterinärdienst unterstellt ist. Die Mängel hätten 2009 jedoch nicht für ein Tierhalteverbot ausgereicht, sagt Breitenmoser. Die Tiere selbst hätten sich damals in einem «guten Ernährungs- und Pflegezustand» befunden.

Der Pferde-Messie M.S. war schon lange bekannt. Warum die Behörden nicht früher einschritten.

Der Pferde-Messie M.S. war schon lange bekannt. Warum die Behörden nicht früher einschritten.

Kurz darauf zog der Tierhalter weg in den Kanton Bern. Aus Datenschutzgründen durfte die Aargauer Behörde keine Informationen an die Berner Kollegen weitergeben — und die im Aargau erlassene Verfügung hatte im Nachbarkanton keine Gültigkeit. Für Tierschützer Wettstein ist deshalb klar: «Es musste zum Eklat kommen.»
Ende Januar 2015 erhielt der Veterinärdienst eine Meldung, dass der Züchter wieder im Aargau lebe.

Gleichzeitig hielt er zahlreiche Tiere im Jura. Unmittelbar nach Eingang der Meldung tätigte die Behörde Abklärungen. Sie zeigten: Tatsächlich hielt der fehlbare Züchter — nun in Gränichen — wieder mehrere Tiere, ohne weder sich selbst als Halter noch seine Tiere beim Kanton angemeldet zu haben. Am 4. Februar fand eine erste Kontrolle statt, am 10. Februar wurde der Hof amtlich geräumt.

So weit hätte es gemäss Ruedi Wettstein nicht kommen müssen. Er betont: «Vorbeugen ist das Credo jedes Tierhalters und Veterinärs». Hier sieht er den Missstand nicht beim Amt, sondern im Gesetz. Alda Breitenmoser bestätigt: «Die Gesetzgebung sieht vorbeugend im Bereich Tierschutz lediglich Ausbildungsvorschriften vor.» Vorbeugende Massnahmen in Form von Auflagen oder gar Verboten seien weder nach Tierschutzgesetz noch gemäss Verwaltungsrecht möglich.

Ein früheres Eingreifen sei — auch im Nachhinein betrachtet — nicht möglich gewesen, da man keine Kenntnis hatte, dass sich der Tierhalter erneut im Kanton befindet. «Die Vorgehensweise war der Situation angemessen und richtig», sagt Breitenmoser.

Kanton verteidigte Schafpeiniger?

Ein anderer Fall, der Ruedi Wettstein am Veterinärdienst zweifeln lässt, ist der eines Schafhalters aus Möhlin. Als dieser 2012 in Rheinfelden vor Bezirksgericht stand, habe das Amt den damaligen Leiter Tierschutz als Verteidiger geschickt. Doch die Gerichtspräsidentin habe «das makabre Spiel durchschaut» und «den Schafpeiniger» im Sinne des Tierschutzes verurteilt.

Der Veterinärdienst weist «die Behauptung», einer seiner Mitarbeiter sei als Verteidiger aufgetreten, «entschieden zurück». Es entspreche jedoch der üblichen Vorgehensweise, dass Kantonsveterinäre als Zeugen oder Sachverständige zu Verhandlungen geladen würden. Dabei werde aber «weder für noch gegen die betroffenen Tierhalter Partei ergriffen.»

Happy End für die 33 Pferde im Jura: Die im Stich gelassenen Tiere treten mit neuen Besitzern Weg in eine unbeschwerte Zukunft an.

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Schon länger wünscht der ehemalige Bezirkstierarzt Wettstein mehr Personal für den Veterinärdienst – so könnten mehr Kontrollen durchgeführt werden. Gemäss Alda Breitenmoser sind aktuell 12 Personen im Dienst beschäftigt. Sie sagt: «Der Personalbestand reicht für die Erfüllung der wesentlichen Aufgaben aus.» Eingehende Meldungen würden nach Dringlichkeit — sprich: der Gefahr für das Tier — «zügig bearbeitet». Rückstände seien keine zu verzeichnen.

Ruedi Wettstein, der selbst zu Hause Pferde, Ponys und einen Esel hält, stellt zum Schluss nüchtern fest: «Jedes Gesetz ist nur so gut, wie es auch eingehalten wird.»

Die Westie-Mischlinge in der Sendung «tierisch».

Die beschlagnahmten Hündli rennen in ein neues Leben: Die Westie-Mischlinge in der Sendung «tierisch».