Im vergangenen Juni gelang der jungen Fislisbacherin Michelle Heimberg in Kiew ein Quantensprung: Bei den diesjährigen Europameisterschaften der Wasserspringer gewann sie die allererste Medaille für die Schweiz in der 91-jährigen Geschichte der kontinentalen Titelkämpfe. Und dies erst noch als Juniorin.

Bei der Entscheidung am Dreimeterbrett rutschte sie als Elfte gerade noch so in den Final. Befreit von jeglichem Druck, schockierte sie die Konkurrenz und holte nach fünf Sprüngen sensationell die Silbermedaille. «Ich habe mich damit selbst überrascht. Nie hätte ich gedacht, dass es sich so schnell auszahlen würde, dass ich voll auf die Karte Sport gesetzt habe.» Gleich anschliessend gewann sie im norwegischen Bergen bei den Junioren-Europameisterschaften am Ein- und Dreimeterbrett insgesamt vier weitere Silbermedaillen.

Bereits im zarten Alter von vier Jahren begann Michelle Heimberg mit dem Kunstturnen. Ambitioniert wie sie war, schaffte sie es bis ins nationale Nachwuchskader. Doch dann, mit zwölf, war alles aus: Sie brach sich beide Kniescheiben – und mit ihrem geliebten Kunstturnen war es vorbei. Michelle Heimberg war geschockt und sprichwörtlich am Boden zerstört. Doch nicht für lange, denn dank des Wasserspringens erklomm sie ganz neue Höhen.
«Ich versuchte es zuerst mit Schwimmen und Rudern.

Doch erst beim Wasserspringen machte es so richtig klick», sagt Michelle Heimberg. Der Grund dafür ist so einfach wie faszinierend: «Es ist das einmalige Gefühl des Fliegens.» Dabei profitiert sie vom jahrelangen Kunstturntraining, da die Sprünge und Salti sehr ähnlich sind.
Michelle Heimbergs Talent wurde schnell entdeckt und gefördert. Vor einem Jahr zog sie wegen der besseren Trainingsbedingungen nach Genf zu einer Gastfamilie. Die 17-Jährige trainiert dort unter Anleitung ihrer Trainerin 25 Stunden pro Woche. Dazu gehört auch Ballettunterricht, mit dem sie ihre Haltung und Spannung schult. Daneben bereitet sie sich im Fernstudium auf die Maturaprüfungen vor.

Olympiamedaille als Ziel

Dass jemand sie für den diesjährigen NAB-Award angemeldet hat, wusste Michelle Heimberg nicht. Umso grösser war die Überraschung, als sie hörte, dass sie zu den Nominierten gehört. «Als junge Sportlerin ist das eine grosse Ehre. Ich bin dankbar dafür, dass ich dadurch auch für meine schöne Randsportart werben kann.»

Grossen Ruhm und Reichtum wird Michelle Heimberg mit dem Wasserspringen dennoch kaum erlangen. Doch das ist ihr egal: «Mich motivieren einfach die Freude und die Leidenschaft an diesem Sport.» Dabei hat sie ehrgeizige Ziele. Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio will sie erste Erfahrungen sammeln, vier Jahre später möglichst an der Weltspitze mitspringen und eine Olympiamedaille holen. An der WM im vergangenen Juli in Budapest konnte sie schon mal ausloten, was es dazu noch braucht: Ihrem grossen Medaillentraum standen dort noch 21 Konkurrentinnen im Weg. (PD)