Fünfmal täglich geht das Regionaljournal Aargau-Solothurn auf Sendung. Als die AZ gestern Mittwoch zum Fototermin vorbeikommt, sind Moderatorin Barbara Mathys und Produzent Stefan Ulrich im Studio. Sie gehören zum SRF-Team in Aarau, das 26 Mitarbeiter zählt, die sich rund 15 Vollzeitpensen teilen. Neben dem Regionaljournal werden im 4. Stock des Gebäudes direkt beim Bahnhof auch Inhalte für die Sendungen «Regional-Diagonal», «Echo der Zeit», «Info3» und «Rendez-Vous» produziert, wie Redaktionsleiter Maurice Velati sagt.

«Insgesamt produziert die Regionalredaktion rund 50 Minuten Radioinhalte pro Tag, gesendet wird an rund 360 Tagen im Jahr.» Gleichzeitig beliefert die Redaktion nationale Sendegefässe mit regionalen Inhalten, aus Aarau kommen einzelne Beiträge, Gespräche oder Einschätzungen. Zudem ist das SRF-Team in der Kantonshauptstadt auch zuständig für regionale Online-Inhalte von srf.ch.

SRF-Redaktionsleiter schreibt Blog

Würde dies alles bei einem Ja zu «No Billag» am 4. März wegfallen? Zu dieser Frage äussert sich Maurice Velati, der seit 2015 die Redaktion in Aarau leitet, nicht. In seinem persönlichen Blog hält er fest, Abstimmungsempfehlungen seien ihm als SRG-Mitarbeiter verboten. «Mein Arbeitgeber und ich sind in diesem Abstimmungskampf nicht wie sonst Beobachter, sondern Betroffene», schreibt er.

Es kämen Existenzängste auf, die Debatte überschatte den redaktionellen Alltag, die Initiative sei Thema Nummer 1 in Pausengesprächen. «Natürlich möchte man kämpfen für sein Unternehmen, seine journalistischen Ideale, seinen Job. Und ist frustriert, weil man es ja eben nicht so richtig darf», schreibt Velati.

Der Redaktionsleiter liefert Zahlen: Die Kosten für das Regionaljournal Aargau Solothurn betragen rund 1,4 Millionen Franken pro Jahr. Neben den Radiojournalisten gehören auch zwei TV-Korrespondenten zu seinem Team. Diese haben je ein 80-Prozent-Pensum und produzieren Bilder und Beiträge für «Schweiz aktuell», «Tagesschau» sowie «10vor10». Velati weist überdies darauf hin, dass SRF und das Fernsehproduktionszentrum TPC im Jahr 2016 Aufträge über 6,1 Millionen Franken an Dienstleister und Lieferanten im Aargau getätigt hätten.

No Billag: die SRG «herunterfahren» oder «gefährlich» verschlanken?

No Billag: die SRG «herunterfahren» oder «gefährlich» verschlanken?

In der Sendung «TalkTäglich» diskutierten am Dienstagabend die Aargauer Nationalräte Bernhard Guhl, BDP, und Maximilian Reimann, SVP, über die möglichen Auswirkungen der No-Billag-Initiative für den Aargau.

Tele M1 mit Zuschauerrekord

Geld aus dem Gebührentopf gibt es auch für Tele M1 – der TV-Sender, der wie die Aargauer Zeitung zu den AZ Medien gehört, erhielt im letzten Jahr rund 2,8 Millionen Franken. In der Sendung «Aktuell» berichtet das Team von Chefredaktor Stephan Gassner täglich ab 18 Uhr über die Region, dazu kommt viermal wöchentlich ein vertiefender «Fokus» zu einem aktuellen Thema und einmal pro Woche die gut 20-minütige Diskussionssendung «TalkTäglich». Gassner rechnet vor, dass Tele M1 pro Jahr rund 7700 Minuten Informationssendungen produziert. Und das TV-Programm kommt beim Publikum an: Im vergangenen Jahr verzeichnete der Regionalsender mit 73 300 Zuschauern, die täglich die ganze «Aktuell»- Sendung schauten, einen neuen Rekord.

Stephan Gassner sagt, die Gebührengelder, die Tele M1 erhalte, machten rund 35 bis 40 Prozent des gesamten Budgets aus. Die restlichen Einnahmen kommen aus Sponsoring und Werbung. Gassner selber äussert sich nicht zu «No Billag», stattdessen nimmt Roger Elsener, Geschäftsführer TV und Radio der AZ Medien, dazu Stellung. «Regionaler Service Public, wie er heute von Tele M1 geboten wird, wäre bei einer Annahme der Initiative viel schwieriger zu erbringen», sagt er. Höhere Werbeeinnahmen wären bei einem Wegfall der Gebühren nicht zu erwarten, gibt Elsener zu bedenken.

Wegfallen würden zwar Vorgaben des Bundesamtes für Kommunikation; dieses schreibt konzessionierten Sendern wie Tele M1 vor, hauptsächlich über regionale Themen und Ereignisse zu berichten. Befürworter der Initiative argumentieren, mit dem Wegfall dieses Leistungsauftrags würden die Sender mehr Freiheiten erhalten. Elsener geht nicht davon aus, dass es ein Ja zu «No Billag» gibt – und er betont: «Tele M1 hat eine lange und erfolgreiche Tradition im Erbringen von lokalem Service Public, entsprechend wäre eine ungewollte Abkehr davon für den Sender nicht wünschenswert.»

«Kanal K würde es nicht mehr geben»

Im Aarauer Torfeld Nord, aus dem Zug gut zu sehen, schimmert rot das Emblem von Kanal K. Der Betonbau ist das Zuhause des Senders, der vor 30 Jahren von jungen Wilden gegründet wurde. Ihr Ziel: die Vielfalt des Aargaus abzubilden. Ein Team aus acht Leuten betreibt ein Studio, in dem 130 Freiwillige 60 nicht-kommerzielle Sendungen produzieren. Etwa von und für die Kulturszene, Menschen mit Behinderung, 13 Gruppen Fremdsprachiger. Pro Jahr können zwölf Jugendliche eine Radio-Ausbildung absolvieren, im angegliederten Projekt «stage-on-air» werden rund 20 Erwerbslose wieder in die Arbeitswelt eingegliedert. Geschäftsführer Jürg Morgenegg steht im Studio 1 und sagt: «Kanal K würde es nach Annahme von ‹No Billag› nicht mehr geben.»

Der Sender erhält pro Jahr 560 000 Franken Gebühren – das sind drei Viertel seines Budgets. Der Rest wird über Sponsoren auf Projektbasis sowie Beiträge aus dem Swisslos-Fonds und der Stadt Aarau finanziert. Der Leistungsauftrag zeigt sich im namengebenden «K»: komplementär. Kanal K muss ein Programm senden, «das sich thematisch, kulturell und musikalisch von den Programmen der kommerziellen Anbieter des gleichen Versorgungsgebietes unterscheidet».

Festgeschrieben ist auch die Partizipation des Publikums als Sendungsmacher. Morgenegg sagt, man habe schon versucht, bei Institutionen der Behindertenbetreuung Geld aufzutreiben. «Das war extrem schwierig. Und es zeigt, dass es eben nicht für alles einen Markt gibt.» Gesellschaftliche Minderheiten kämen nicht mehr zum Zug: «Das widerspricht dem Schweizer Solidaritätsgedanken. Denn eine Leistungsgesellschaft bringt auch Menschen hervor, die sich nicht gleichermassen beteiligen können. Wir sind für sie da.»

Mit viel Engagement setzt man sich deshalb gegen «No Billag» ein. Am 3. Februar werden zum «Nationalen Studiotag» die Türen geöffnet, dazu geht man mit dem Sendebus auf Tour.