Aarau

Nicht auffindbar: Obergericht lädt Messerstecher im Amtsblatt zum Prozess vor

Ein 35-jähriger Sri Lanker hatte in einer Asylunterkunft einen Landsmann mit einem Messer verletzt. (Symbolbild)

Ein 35-jähriger Sri Lanker hatte in einer Asylunterkunft einen Landsmann mit einem Messer verletzt. (Symbolbild)

Ein junger Sri Lanker ist unauffindbar. Obwohl ihm die Staatsanwaltschaft versuchte Tötung vorwirft, befindet es sich nicht im Gefängnis.

Das Aargauer Obergericht hat kürzlich einem Mann, dem die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach versuchte vorsätzliche Tötung vorwirft, via Ausschreibung im kantonalen Amtsblatt eine Vorladung zukommen lassen: Sein Berufungsverfahren vor dem Obergericht findet am 19. August statt. Der Beschuldigte sei nicht auffindbar und habe einen ersten Gerichtstermin am 23. Juni versäumt, erklärt eine Mediensprecherin der Aargauer Gerichte auf Anfrage. Komme er auch zur zweiten Verhandlung nicht, werde das Berufungsverfahren ohne ihn durchgeführt– nur mit den Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger.

Wieso ist der Mann nicht im Gefängnis?

Es stellt sich die Frage: Wie ist es möglich, dass ein Mann, dem ein versuchtes Kapitalverbrechen vorgeworfen wird, frei herumläuft? Das hängt damit zusammen, dass der Beschuldigte vom Bezirksgericht Brugg im Juni 2019 in erster Instanz nur wegen versuchter schwerer Körperverletzung schuldig gesprochen wurde. Gegen den Willen des Staatsanwalts, der damals eine Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung gefordert hatte. Das Gericht ordnete auch die Entlassung des Beschuldigten aus dem vorzeitigen Strafvollzug an. Bis dahin sass er bereits 383 Tage im Gefängnis.

Der Sri Lanker (35) hatte Ende Mai 2018 in der Asylunterkunft Riniken einen Landsmann mit einem Messer verletzt. Das spätere Opfer hänselte an jenem Abend – wie schon mehrmals zuvor – den Beschuldigten wegen dessen Homosexualität. Es wurden Schimpfworte und Ohrfeigen ausgeteilt. Mehrere Zeugen bestätigten später, dass der Beschuldigte zum Opfer gesagt hatte: «Ich bringe dich um.» Nachdem Mitbewohner die Streithähne zweimal trennen konnten, ohne dass viel passiert war, kam es gegen Mitternacht zum Showdown: Der Täter – er hatte sich mittlerweile eines Küchenmessers mit 16-Zentimeter-Klinge bemächtigt– stach von oben her zweimal auf das Opfer ein, nachdem ihn dieses angeblich gepackt und provoziert hatte.

«Ich bringe dich um» – nicht ernst gemeint?

Das Opfer wehrte die Stiche mit dem Arm ab, sodass es nicht lebensgefährlich verletzt wurde. Es erlitt aber eine Schnittverletzung an Handgelenk – samt durchtrennter Arterie – und eine seitlich am Brustkorb. Der Täter wurde umgehend verhaftet.

Der Staatsanwalt verlangte für den Sri Lanker eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und einen Landesverweis von zehn Jahren. Das Bezirksgericht ging mit dem Ankläger bezüglich des Tatablaufs zwar weitgehend einig; würdigte die Tat jedoch lediglich als versuchte schwere Körperverletzung: Die Drohung «Ich bringe dich um» sage man im Herkunftsland des Beschuldigten und des Opfers schnell einmal im Streit, ohne es so zu meinen. Diese Einschätzung teilten auch einige Zeugen, darunter Landsmänner von Opfer und Täter. Ausserdem begründete das Bezirksgericht, dass der Täter, hätte er wirklich töten wollen, nicht erst das Messer umständlich hinter dem Rücken hervorgezogen und dann von oben herab auf das Opfer eingestochen, sondern einen direkteren Weg aus der Hüfte heraus gewählt hätte.

Das Gericht verurteilte den nicht vorbestraften Beschuldigten zu 16 Monaten Freiheitsstrafe bedingt. Auf den Landesverweis verzichtete es, obwohl der Sri Lanker kaum Deutsch kann und sein Asylgesuch mittlerweile abgewiesen worden war: Aufgrund seiner Homosexualität wäre ihm eine Wiedereingliederung in seinem Heimatland nur schwer möglich, es drohe ihm deswegen Ächtung und sogar eine Haft – ein persönlicher Härtefall.

Staatsanwalt zieht Urteil weiter ans Obergericht

Die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach legte gegen dieses Urteil Berufung ein. Sie akzeptiert die Einschätzung des Brugger Bezirksgerichts, es habe keine Tötungsabsicht bestanden, nicht. Selbst wenn es in Sri Lanka «offenbar üblich sei, das Gegenüber mit dem Tod zu bedrohen», könne man einen Tötungsvorsatz nicht unmittelbar ausschliessen, begründet der Staatsanwalt die Berufung. «Denn auch in Sri Lanka dürfte es sicher nicht üblich sein, nach einer solchen Drohung mit dem Messer auf das Gegenüber einzustechen.» Und weiter heisst es in der Berufungsbegründung: «Inwiefern der Beschuldigte bei einem Tötungsvorsatz (nur) direkt aus der Hüfte zugestochen und die Stichbewegung sicher nicht von oben herab ausgeführt hätte, erschliesst sich der Staatsanwaltschaft ebenfalls nicht. Es ist ohne weiteres denkbar, dass man – insbesondere, wenn man im Messerkampf weder ausgebildet noch geübt ist – die Tötung mit Stichbewegungen von oben auf das Opfer bewerkstelligen will.»

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