Sibylle Ming sitzt an einem Tisch im obersten Stock des Gebäudes in Aarau, wo die Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit untergebracht ist. Das Zimmer ist hell, an der Wand stehen zwei Regale mit Büchern. Auf dem Tisch neben Ming liegen zwei Schachteln, die sie während der Mädchensprechstunden braucht. Sie enthalten eine Vulva aus Kunststoff und ein Modell der weiblichen Klitoris. Die Modelle braucht Ming, wenn sie in ihren Beratungsstunden über die weibliche Sexualität spricht. Für sie gibt es keine Tabus; das darf es auch nicht, wenn sie über heikle Themen wie die Mädchenbeschneidung sprechen will.

Frau Ming, worüber reden Sie in der Mädchensprechstunde?

Sibylle Ming: Wir sprechen über alles, was mit der weiblichen Sexualität zu tun hat: über Liebe, Sex, Schwangerschaft, Beziehungen. Vor allem die Verhütung ist ein wichtiges Thema.

Wann reden Sie in der Sprechstunde über Mädchenbeschneidung?

Die Beschneidung wird meist dann zum Thema, wenn es um sexuelle Lust geht. Wir reden darüber, wie die betroffenen Frauen mit der Beschneidung umgehen und wie sie trotzdem sexuelle Lust empfinden können. Es melden sich keine jungen Frauen bei uns, die Angst vor einer Beschneidung haben. Die Betroffenen, die wir treffen, wurden bereits in ihrem Heimatland beschnitten. Ich falle auch nicht mit der Tür ins Haus. Um über die Beschneidung sprechen zu können, müssen die Frauen erst Vertrauen aufbauen. Wir sprechen nicht mehr nur mit den unbegleiteten minderjährigen Frauen über das Thema, sondern mit allen.

Wie denken die Frauen über Beschneidung?

Sie finden die Beschneidung nicht gut. Auch die Männer, die mit ihren Partnerinnen in die normale Beratung kommen, sehen die negativen Konsequenzen der Beschneidung. Wichtig ist, dass wir in den Beratungen oder in den Mädchensprechstunden die Beschneidung nicht verurteilen. Diese Frauen kennen sich nicht anders, für sie ist die Beschneidung normal. Sie fühlen sich nicht unbedingt als Opfer. Wir legen unsere Sichtweise auf die Beschneidung dar und nutzen die Beratung zur Prävention. Wir erklären, dass die Beschneidung in der Schweiz verboten ist und als Körperverletzung geahndet wird. Und dass die Töchter auch nicht im Ausland beschnitten werden dürfen.

Sind die Frauen traumatisiert?

Das ist unterschiedlich. In Eritrea passiert die Beschneidung sehr früh, mit einem oder zwei Jahren. Meistens können sich die Frauen nicht mehr daran erinnern. In Somalia passiert die Beschneidung später, mit fünf oder sechs Jahren. Sie können sich daran erinnern, aber nicht alle sind traumatisiert.

Das hängt aber bestimmt vom Beschneidungsgrad ab?

Das kann man so nicht sagen. Es hängt von der Resilienz der Frau ab, wie sie mit dem Trauma und dieser Körperverletzung umgehen kann. Wenn eine Frau nach Form I oder II beschnitten ist, hat sie später körperlich wahrscheinlich mit weniger Problemen zu kämpfen als eine Frau, die nach der Beschneidung fast vollständig verschlossen wurde.

Wie häufig finden Beratungen statt?

Wir besuchen alle zwei Monate Asylunterkünfte und reden dort mit Mädchen und jungen Frauen. Im Aargau sind es rund 40 junge Frauen, die regelmässig an den Beratungen teilnehmen. Im Erwachsenenbereich sind noch viel mehr Frauen betroffen.

Reicht die Beratungsstelle als Präventionsmassnahme aus?

Nein, wir sind auf verschiedenen Ebenen aktiv. Wir schulen Betreuungspersonal in Asylunterkünften oder kulturelle Dolmetschende. Auch mit Mütter- und Väterberatungsstellen sind wir in Kontakt. Es geht immer darum, das Tabu zu brechen und über die Mädchenbeschneidung zu sprechen. Ich mache die Erfahrung, dass sich Frauen und Männer von der Beschneidung distanzieren, wenn sie sich mit der Thematik vertieft auseinandersetzen.