Crew aufgestockt
Nez Rouge rüstet sich für den Ansturm in der langen Silvesternacht

Nez Rouge wird immer bekannter, für die Neujahrsnacht erwartet der Gratisfahrdienst besonders viele Anrufe. Deshalb besteht ein Grossaufgebot von 140 freiwilligen Fahrern. Auch die Telefonisten- und Koordinatoren-Crew wurde aufgestockt.

Sarah Serafini
Drucken
Teilen
Rolf Christen und Florian Werner sind als Retter der Nacht unterwegs. Dank ihnen kommen Autofahrer, die zu tief ins Glas geschaut haben, sicher nach Hause.

Rolf Christen und Florian Werner sind als Retter der Nacht unterwegs. Dank ihnen kommen Autofahrer, die zu tief ins Glas geschaut haben, sicher nach Hause.

André Albrecht

Die Szene hat etwas Unheimliches. Die Dreifach-Turnhalle der Bezirksschule Lenzburg leuchtet im dichten Schneegestöber. Menschen mit hochgestellten Krägen und eingezogenen Köpfen stampfen durch die dicken Flocken auf das Licht in der Halle zu. Wer um diese Uhrzeit, bei diesem Wetter draussen ist, muss auf einer besonderen Mission sein.

Es sind die freiwilligen Fahrer von Nez Rouge, die sich für eine lange, kalte Nacht bereit machen. Rolf Christen, 51, und Florian Werner, 38, klopfen sich den Schnee vom Mantel. Ab 22 Uhr werden sie bis morgens um halb fünf Uhr als Team auf den Strassen unterwegs sein. In der Turnhalle befindet sich die Zentrale vom Aargauer Nez Rouge.

Hier laufen alle Fäden zusammen. Anrufe von Fahrern, die sich nicht mehr im Stande fühlen, mit ihrem Auto nach Hause zu fahren, werden entgegengenommen und die Aufträge dann verteilt. Christen und Werner haben noch kurz Zeit für einen Kaffee, bevor sie buchstäblich auf die Piste geschickt werden.

«Guten Abend, Nez Rouge Aargau?» Ab Punkt 22 Uhr laufen in der Zentrale die Leitungen heiss. «Wo sind Sie genau? Haben Sie ein Auto dabei?» Die Telefonisten stellen sicher, dass für eine Nez-Rouge-Fahrt alle Voraussetzungen gegeben sind. «Gut, in zirka einer halben Stunde sind wir bei Ihnen.»

«Es geht los!»

Der Auftrag kommt auf den Tisch der Koordinatoren. Diese rufen das zuständige Team aus: «Team vier, es geht los!» Das ist der Startschuss für Christen und Werner. Christen zieht sich die rote Nez-Rouge-Jacke über, Werner eine gelbe Leuchtweste. Dann geht es hinaus in die schneestürmische Dunkelheit.

Seit 25 Jahren kurven die freiwilligen Fahrer von Nez Rouge im Dezember durch die Strassen, um ihre Kunden sicher nach Hause zu bringen. Wer mit dem Auto unterwegs ist und sich die Heimfahrt nicht mehr zutraut, wird von einem Zweierteam abgeholt und mitsamt Auto nach Hause gefahren. Letztes Jahr chauffierte Nez Rouge Aargau 3900 Personen. Rund 1000 Personen standen als freiwillige Helfer während eines Monats im Einsatz.

Christens und Werners erste Fahrt des Abends geht nach Rohr. Werner sitzt hinter dem Steuer. Als Rettungssanitäter ist er das sichere Autofahren gewohnt. Auch Christen auf dem Beifahrersitz ist als Lastwagenchauffeur ein routinierter Fahrer. Beide sind seit mehreren Jahren bei Nez Rouge.

Christen sagt: «Ich finde es eine gute Sache.» Man treffe auf die unterschiedlichsten Leute jeden Alters. Und wann habe man schon die Gelegenheit, so viele verschiedene Autos zu fahren? «Letztes Jahr durfte ich einen Mann mit seinem nigelnagelneuen Audi heimfahren. Der war 300 000 Franken wert.

Aus dem Leben erzählen

Als ich einstieg und nach der Schaltung tastete, war da nichts. Bei dieser Karosse befindet sich alles am Lenkrad.» Werner sagt, je später der Abend, umso lustiger werde es. «Weil dann die Kunden betrunkener sind. Zum Teil sind das dann ziemlich spassige Fahrten. Vor allem dann, wenn sie aus ihrem Leben zu erzählen beginnen.» Werner biegt nun von der Hauptstrasse Richtung Wald ab. Er fragt: «Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?» Die beiden Männer gucken mit zusammengekniffenen Augen durch die Frontscheibe. «Doch doch, da vorne rechts», sagt Christen.

«He Rolf! Was machst denn du da?» Ein Mann kommt leicht torkelnd aus dem Gebäude und steuert auf Christen zu. Ihm folgen sein Sohn und ein Kollege ebenfalls mit Sohn. «Bist du bei Nez Rouge? Wow, Respekt Rolf, das wusste ich ja gar nicht.» Der Mann riecht wie eine ganze Kneipe. Er begrüsst Christen händeschüttelnd und schaut ihn bewundernd an. Christen lacht. Er kennt den Mann vom Darts-Verein. Er nimmt ihm den Autoschlüssel ab und vergewissert sich, dass alle einsteigen und sich brav angurten.

Die zwei Söhne fahren im Nez-Rouge-Auto bei Werner mit. Christen startet den Motor und fährt voraus. Nach Schönenwerd soll es gehen. «Na, hattet ihr einen lustigen Abend?», fragt Christen seinen Darts-Kollegen. «Jaja ... wir hatten ein Turnier, sind aber früh rausgefallen.» Er lotst Christen durch die Gässchen bis vor seine Haustür. Dort kramt er in seinem Portemonnaie und drückt Christen eine Zwanzigernote in die Hand.

Spendengelder als grösste Einnahmequelle

Auch wenn Nez Rouge ein Gratis-Abholdienst ist, bezahlen die meisten Kunden etwas. Sie wissen, dass sich der Dienst zu einem grossen Teil über Spendengelder finanziert. Werner sagt: «Die Kunden bezahlen zwischen 20 und 100 Franken.» Er zückt sein Handy aus der Jacke und ruft auf die Zentrale in die Turnhalle in Lenzburg an. «Hallo? Team vier. Wir sind fertig, wohin sollen wir als Nächstes?»

Nach Aarau zum Restaurant Mürset. Dort hat ein älteres Ehepaar zu viel Wein erwischt und will jetzt nicht mehr durch den Schnee nach Hause fahren. Werner sagt: «Es gibt Kunden, die sich spontan entscheiden und solche, die schon vorab planen, für die Heimfahrt Nez Rouge anzurufen. Mir ist beides recht. Hauptsache, es passieren keine Unfälle.»

Heute Nacht werden die Fahrer von Nez Rouge besonders viel zu tun haben. Die Neujahrsnacht ist mit Abstand die intensivste. Noch gibt es freie Plätze für Freiwillige. Geplant ist, mit 140 Personen im Einsatz zu stehen. Auch die Telefonisten- und Koordinatoren-Crew wird aufgestockt. Vor einem Jahr erledigten die Nez-Rouge-Fahrer im Aargau 400 Fahrten in der Neujahrsnacht. Weil Nez Rouge Jahr um Jahr bekannter wird, erwartet das Team für heute Abend noch mehr Andrang.

Aktuelle Nachrichten