Würdigung
Neugierig bis zum letzten Tag: Hans Lüthi wird nach fast 40 Jahren az pensioniert

Es ist ein spezieller Tag heute auf der Redaktion: Aargau-Redaktor Hans Lüthi wird nach fast 40 Jahren bei der az pensioniert. Mit ihm verliert die az das «Gedächtnis des Ressorts Aargau», wie mancher Arbeitskollege sagt. Eine Würdigung.

Christian Dorer, Chefredaktor
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Hans Lüthi mit dem legendären Zeitungsstapel an seinem Arbeitsplatz.

Hans Lüthi mit dem legendären Zeitungsstapel an seinem Arbeitsplatz.

Chris Iseli

Am 1. August 1974 hatte Hans Lüthi (Lü.) seinen ersten Arbeitstag auf dieser Redaktion – heute hat er seinen letzten. Dazwischen liegen 39 Jahre und zehn Monate, in denen Lü. diese Zeitung und den Kanton Aargau geprägt hat wie wenige andere.

Noch faszinierender als die Dauer seines Wirkens ist dies: Sein Engagement und seine journalistische Neugier hielten bis zum letzten Tag seiner Berufstätigkeit an.

Das macht Lü. zu einem Vorbild für uns jüngere Journalisten: Er beweist, dass man in diesem Beruf glücklich alt werden kann. Wir können uns alle nur wünschen, dass es uns auch gelingen wird.

Alle Eigenschaften, die einen guten Journalisten ausmachen

Warum ist das nicht selbstverständlich? Zum einen befinden sich die Medien so stark im Wandel wie wenig andere Branchen. Wer Veränderungen nicht mag, hat es schwer.

Zum anderen verlangt unser Beruf ein hohes Mass an Eigeninitiative, Kreativität, Kampfesgeist und Engagement über das hinaus, was man von einem Arbeitnehmer erwarten kann.

Wer müde wird, hat es ebenfalls schwer. Aus diesen Gründen wechselt leider so mancher Journalist eines Tages die Seite und wird Pressesprecher. Oder, noch schlimmer, er zählt die Tage bis zur Pensionierung.

Lü. ist das pure Gegenteil davon: Er hat sich all die Eigenschaften bewahrt, die einen guten Journalisten ausmachen.

Und, so gewinnt man den Eindruck, er liebt seinen Beruf am letzten Tag noch genauso wie am ersten.

Er bringt neue Ideen in die Redaktionskonferenz ein, er treibt hartnäckig Recherchen voran, er schreibt kämpferische Kommentare. Und wenn sein Thema zur Titelgeschichte mit Kommentar wird, dann leuchten seine Augen vor Freude wie bei einem Jungjournalisten, der zum ersten Mal an dieser prominenten Stelle publizieren darf.

Als alles begann

Otto Wanner, der damalige Verleger des Badener Tagblatts (BT), hatte eine gute Nase, als er den Thurgauer Hans Lüthi 1974 in den Aargau holte und als Speerspitze einsetzte für die erste Eroberung über den Bezirk Baden hinaus. Lüthi wurde Chef des neuen Aussenbüros Klingnau, zog mit seiner Familie dorthin (und blieb bis heute).

Die Offensive des BT war von Anfang an erfolgreich, die Zahl der Abonnenten stieg Monat für Monat, obwohl das BT reformiert war und das Zurzibiet katholisch ist. Lü. profilierte sich von Anfang an als unabhängiger Journalist: Seine pointierten Berichte führten zu Boykott-Drohung von Gemeindeschreibern.

Angebote für Kommunikationsjobs

1983 wechselte Lü. vom Aussenbüro ins Stammhaus nach Baden und leitete das legendäre Team «hier+heute». Gleichzeitig war er Mitglied des «redaktionellen Ausschusses», den sich Otto Wanner in seiner Quasi-Funktion als Chefredaktor hielt.

1996 wurde aus dem BT die Aargauer Zeitung, und Hans Lüthi wurde Redaktor im Ressort Aargau, wo er bis heute blieb. Ab und zu erhielt er Angebote, auch für Kommunikationsjobs. Lü. aber wusste: Er würde mehr verdienen und weniger arbeiten – aber sich grauenhaft langweilen. Und so blieb er.

Die Energiewende

Lü. profilierte sich von Anfang an als Energiespezialist, schliesslich war dieses Thema im unteren Aaretal omnipräsent. Er war von Anfang an ein klarer Befürworter der Atomenergie – persönlich aus Umweltgründen, beruflich, weil die Unterstützung der Atomenergie im Redaktionsstatut schriftlich festgehalten war. Wobei Lü. nach der Atom-Katastrophe von Fukushima im Gleichklang mit dem Bundesrat in die Energiewende umschwenkte. Gerade seine frühere Haltung verleiht seinen heutigen Argumenten besonderes Gewicht.

Die Enthüllungen

Aus 40 Jahren Lü. gäbe es unzählige Anekdoten zu erzählen, diverse nationale Enthüllungen und einen einzigen Skandal. Zuerst die Enthüllungen: Lü. fand heraus, dass der Kiesaushub des AKW Leibstadt ohne Bewilligung, aber mit Wissen der Regierung an Flussufern und in Auen deponiert wurde – und sorgte damit landesweit für Schlagzeilen. Das wiederholte sich nach Recherchen über den Bärengraben, wo Chemiefässer illegal entsorgt wurden. Und beim Aare-Hochwasser 2007: Lü. deckte auf, dass die Millionenschäden nur entstanden sind, weil die Berner am Bielersee die Schleusen zu spät geschlossen hatten.

Der Skandal

Und nun zum Skandal. Er kursiert unter dem Namen «Tipp-Ex-Affäre» und ereignete sich 1994: Damals fand eine Aktion von Greenpeace gegen das AKW Beznau statt. Lü. hat auf einem Bild, das einen Metallcontainer mit der Aufschrift «Beznau stilllegen» zeigte, den Schriftzug mit Tipp-Ex wegretuschiert, mit der Begründung: «Wir machen keine Werbung für Greenpeace.» Es hagelte Proteste, es gab eine Klage am Bezirksgericht Baden, die aber abgewiesen wurde, und es gab natürlich ein grosses Gerede.

Kollegen von Lü. baten mich, diese alte Geschichte nicht wieder aufzurollen, weil er damals sehr darunter litt. Aber zeigt sie nicht exemplarisch, was alles zu einem langen Journalistenleben gehört? Und wie sich Wertvorstellungen ändern? Der damalige Verleger jedenfalls gab ihm volle Rückendeckung, was auch dringend nötig war ...

«Das Gedächtnis des Ressorts»

Heute also verlässt Lü. unsere Redaktion. Wir «verlieren das Gedächtnis des Ressorts», wie es ein Arbeitskollege treffend formulierte. In der Tat: Lüthi verfügt in seinen Themen – Energie, Bau, Umwelt, Verkehr – über ein Wissen, das es heute kaum mehr gibt. Fragt man seine Ressortkollegen über Lü., so fallen diese Adjektive: ruhig, überlegt, seriös, liebenswert, hilfsbereit, belastbar. Und vor allem: bescheiden. Lü. behandelt alle Menschen mit demselben Respekt. Auch Praktikanten, wie ich selber vor Jahren erlebt habe; Lü. war damals einer jener Journalisten, an die man sich als Greenhorn halten konnte und die einem in Erinnerung blieben.

Für Lü. wäre es nie infrage gekommen, frühzeitig in Pension zu gehen, denn die Arbeit war immer auch seine Leidenschaft. Eine solche soll man nicht von einem Tag auf den anderen aufgeben. Deshalb wird Lü. auch nach seiner Pensionierung weiterhin ab und zu in der az publizieren.

Wir danken Lü. herzlich für sein enormes Engagement in den vergangenen Jahrzehnten – und wünschen ihm nur das Beste für die Zukunft, mehr Zeit für seine Gattin, seine Kinder und Enkel, für Velo- und Motorradtouren, für Langlauf, für seine geliebten Aufenthalte im Engadin.

Und natürlich freuen wir uns, ihn weiterhin ab und zu bei uns lesen zu können. Lü. bleibt uns damit über die Pensionierung hinaus ein Vorbild.