Fall Boi
Neues Verfahren nach Ausbruch: Ist eine Auslieferung von Kris V. überhaupt möglich?

Wie es mit dem Mörder von Boi weitergeht, ist noch völlig offen. Die Auslieferung des in Deutschland verhafteten Kris V. zieht sich in die Länge. Die Situation ist juristisch verzwickt.

Mario Fuchs
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KrisV.

KrisV.

Kapo AG

Kris V. dürfte die Justiz noch länger beschäftigen. Der 22-Jährige, der am Freitag nach mehrtägiger Flucht aus der Psychiatrischen Klinik Königsfelden nach Deutschland in der Nähe von Stuttgart verhaftet wurde, wehrt sich gegen seine Auslieferung.

Doch: Was heisst das genau? Wie kann sich V. überhaupt wehren? Und: Sind strafrechtliche Massnahmen wie eine Auslieferung oder allfällige Untersuchungshaft überhaupt möglich in einem zivilrechtlichen Fall, in dem das Familiengericht Baden über die künftige fürsorgerische Unterbringung des Mägenwilers entscheiden muss?

Schwierige Suche

Auf Anfrage bestätigte Fiona Strebel, Sprecherin der Aargauer Staatsanwaltschaft: «Im Zusammenhang mit dem Ausbruch wurde ein Strafverfahren eröffnet.» Klar ist: Beim Ausbruch in Windisch beging Kris V. mindestens eine Sachbeschädigung. Ob Kris. V. auf der Flucht weitere Straftaten begangen hat, kann Strebel zum heutigen Zeitpunkt nicht beantworten. Das sei Gegenstand der laufenden Untersuchung.

Die Ermittler müssen zudem herausfinden, ob sich V. alleine Zugang zu Werkzeug beschaffen und sich abseilen konnte oder von jemandem dabei Hilfe erhielt. Ob Kris V. nach seiner Rückkehr in die Schweiz in Untersuchungshaft gesetzt wird, ist derzeit noch nicht klar. Fiona Strebel sagt aber: «Die Staatsanwaltshaft wird einen entsprechenden Antrag beim Zwangsmassnahmengericht stellen.» Darüber befinden müsse schliesslich das Gericht.

Klinik Königsfelden
8 Bilder
Therapieraum in der Klinik Königsfelden
Keine andere Einrichtung wollte der Psychiatrischen Klinik Königsfelden den Mörder abnehmen. (Symbolbild)
Blick aus der forensischen Station Königsfelden in Windisch: Durch dieses Gitter entwich Kris V. Die Polizei fahndet nach wie vor nach ihm.Archiv/Palma Fiacco
Hier wurde der Flüchtige behandelt: Blick ins Zentrum für stationäre forensische Therapie der PDAG Königsfelden.Archiv/Iseli
Innenansicht der Klinik Königsfelden
Zimmer in der Klinik Königsfelden
Innenhof der Klinik Königsfelden, mit einem Gitter abgesperrt.

Klinik Königsfelden

az

Inzwischen ist das Familiengericht Baden daran, eine geeignete Unterbringung für Kris V. zu finden. Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Kanton Aargau, sagt: «Abklärungen, welche Einrichtung ihn aufnehmen könnte, sind im Gang.» Das dies kein einfaches Unterfangen ist, zeigt ein ähnlicher Fall: Tobi B. hatte als Minderjähriger vor acht Jahren in Aarau eine Prostituierte umgebracht. Im Rahmen der fürsorgerischen Unterbringung sitzt er bis heute in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg, obschon Gefängnisse nicht primär auf den Vollzug solcher zivilrechtlicher Massnahmen ausgelegt sind. Laut Nicole Payllier wird der Entscheid über die Platzierung von Kris V. gefällt, «sobald absehbar wird, dass er in die Schweiz zurückkommt.»

Einfaches Verfahren abgelehnt

Noch dürfte sich seine Auslieferung an den Kanton Aargau aber hinziehen. Zuständig für die Abwicklung ist auf Schweizer Seite nicht der Kanton, sondern das Bundesamt für Justiz. Wie Sprecherin Ingrid Ryser erklärt, habe man im Auftrag der Aargauer Staatsanwaltschaft bei deren Kollegen in Baden-Württemberg ein entsprechendes Ersuchen gestellt. Die schnellste Variante einer Auslieferung ist das sogenannte «vereinfachte Verfahren».

Dieses kann aber nur durchgeführt werden, wenn die gesuchte Person damit einverstanden ist. Wie Ryser bestätigt, war dies bei Kris V. nicht der Fall: Entsprechend wurde ein sogenanntes «ordentliches Verfahren» in Gang gesetzt. Hauptunterschied: «Der Zeitfaktor». Will heissen: Es geht länger, bis die Auslieferung vollzogen werden kann, denn Kris V. hat nun die Möglichkeit, bei den weiteren Verfahrensschritten Beschwerde einzureichen. Die deutschen Gerichte müssen dann darüber entscheiden.

Derweil stellte sich gestern die eher hypothetisch gemeinte Frage, ob es für den Aargau überhaupt sinnvoll sei, Kris V. zurückzuholen. Abschliessend beantworten konnte sie niemand von den involvierten Stellen. Klar ist: Es waren die Aargauer Ermittler, die die Auslieferung beantragt hatten – deren Durchsetzung liegt offenbar in ihrem eigenen Interesse.

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