Integration
Neues Integrationsprojekt: Flüchtlingsfrauen halten Schrebergärten in Schuss

«Neue Gärten» heisst ein Integrationsprojekt, das vom Hilfswerk der evangelischen Kirche Schweiz (Heks) angeboten wird. Die Heks pachtet Schrebergärten und bewirtschaftet diese Zusammen mit Flüchtlingsfrauen.

Fränzi Zulauf
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Projektteilnehmerinnen und Helferinnen

Projektteilnehmerinnen und Helferinnen

Christoph Voellmy

Die beiden Parzellen im Familiengarten Buchs unterscheiden sich kaum von den anderen. Pralle Kürbisse, Zucchetti und Gurken liegen auf den Beeten, Salat, Mangold und Spinat bilden satte, grüne Matten, eher schlecht ist es in diesem Jahr indessen um die Tomaten bestellt – wie fast überall in den hiesigen Gärten. Und dennoch ist alles ein wenig anders als bei den anderen Gartenparzellen. Denn hier wird gleich in doppeltem Sinne angesät, gehegt, gepflegt und geerntet.

Es ist freitag und kein ideales Gartenwetter: Nach den Hitzetagen ist der Regen zwar willkommen, zum fröhlichen Verweilen, zum Jäten, Harken und Ernten im Schrebergarten wäre Sonnenschein natürlich angenehmer. In den Familiengärten in Buchs ist es denn auch entsprechend ruhig. Aber nicht ganz: Unter dem Vordach eines Gartenhäuschens hat sich eine muntere Frauen-runde zusammengefunden. Wie jeden Freitagmorgen. Zu ihnen gehören Melek und Yllka aus der Türkei, Selas, Saba und Abeba aus Eritrea sowie Alis aus Kolumbien und Dava aus Tibet. Die einzigen Schweizerinnen sind Brigitte Denk und Regula Knoblauch. Saba hat Popcorn mitgebracht und mit Zimt und Kardamom gewürzten Tee.

Eine Aufgabe

Die auf den ersten Blick bunt zusammengewürfelte Gesellschaft verbindet eine Aufgabe: Gemeinsam bestellen sie zwei recht grosse Parzellen im Schrebergarten Buchs. Und sie tun dies mit grosser Begeisterung. Unterstützt werden sie von Brigitte Denk, Gartenfachfrau vom Heks, sowie von freiwilligen Helferinnen: Von Regula Knoblauch und von Yllka aus der Türkei – sie war zuvor selbst zwei Jahre lang als Teilnehmerin im Projekt dabei.

Das Heks Aargau/Solothurn hat die Parzellen im Rahmen des Integrationsprojekts «Neue Gärten» – speziell ausgerichtet für Flüchtlingsfrauen – gemietet. «Aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen, fühlen sich viele Flüchtlingsfrauen isoliert und sie leiden darunter, keine Beschäftigung zu haben», erklärt Claudia Rederer, Projektleiterin «Neue Gärten» der Heks-Regionalstelle Aargau/Solothurn. Die Frauen verstehen die deutsche Sprache nicht, haben kaum soziale Kontakte, keine Arbeit, wenig Möglichkeiten, vertrauter zu werden mit ihrem Gastland und etwas Sinnvolles zu tun. «Wir versuchen, sie nicht über ihre Defizite, sondern über ihre Ressourcen anzusprechen», sagt Claudia Rederer. Und da viele Migrantinnen in ihrer Heimat mit Feld- und Gartenarbeit ihre Familien ernährt haben, können sie hier auch ohne Sprachkenntnisse ihr Können und Wissen einbringen – und dabei viel Neues lernen und Kontakte knüpfen. Im Aargau bietet das Heks dieses Gartenprojekt in Aarau, Buchs, Baden-Rütihof und Rheinfelden an – 34 Flüchtlingsfrauen sind in diesen Gärten aktiv. Sie dürfen sich jederzeit in ihrem Garten aufhalten und auch ihre Familien sind willkommen. Nur an einem fixen Halbtag pro Woche ist offizieller Kurstag – da können die Frauen zwar ihre Kinder, nicht aber die Männer mitnehmen.

Neue Wörter lernen

Im Schrebergarten Buchs ist dieser Kurshalbtag am Freitagmorgen. «Heute lernen wir drei neue Wörter», sagt Brigitte Denk. «Welche?» – wollen die Frauen sofort wissen. «Ernten, Pflücken, Jäten.» Selas versucht es sogleich. «Ernten, ernten, ernten. Was heisst ernten?» Brigitte Denk erklärt es. «Gleich wie nehmen?», fragt Selas. Gemeinsam finden die Frauen den Unterschied zwischen Nehmen und Ernten heraus. «Ernten» – bringt es Selas auf den Punkt – «heisst, im Garten Gemüse nehmen.» Yllka staunt: «Selas, du hast grosse Fortschritte im Deutsch gemacht!» Selas strahlt. Ja. Sie lerne. Im Schrebergarten wird konsequent Hochdeutsch gesprochen. Aber die Flüchtlingsfrauen lernen nicht nur Deutsch und biologischen Gartenbau, sondern auch sehr viel über das Funktionieren des Alltags in der Schweiz. Es sind häufig ganz konkrete Sorgen oder Probleme, die die Frauen in die Runde tragen und die im gemeinsamen Austausch und mit Unterstützung von Brigitte Denk und den freiwilligen Helferinnen behandelt werden. Diesmal geben Abebas Hüftschmerzen den Anstoss. «Man muss zuerst zum Hausarzt gehen», weiss Melek. «Immer zuerst zum Hausarzt. Wenn er nicht helfen kann – Spital.» Brigitte Denk erklärt weiter, für welche Fälle die Notfallstation im Spital eigentlich gedacht ist. Es bleibt aber auch genügend Raum für unbeschwertes Geplauder – es wird viel gelacht unter dem Gartenhäuschendach. Das tut gut. Besonders Alis, die an diesem Morgen zuerst von Krankheit und Tod in ihrer Familie berichten musste.

«Wir alle lernen voneinander», sagt Yllka. «Das hier ist viel mehr als nur gärtnern. Es ist ein Treffpunkt, man fühlt sich zu Hause; dieser Platz gehört uns, und es entstehen nicht nur Kontakte in der Gruppe, sondern auch zu den anderen Leuten im Schrebergarten. Wir sprechen miteinander, tauschen Tipps und Setzlinge aus, trinken auch mal einen Kaffee zusammen.» Und genau so funktioniere Integration: «Dafür braucht es immer zwei Seiten.» Und die findet man dort im Schrebergarten in Buchs.

Das Budget für das Projekt «Neue Gärten» beträgt 130000 Franken. 25000 davon müssen durch Spenden abgedeckt werden (PC 80-1115-1).

www.heks.ch