Rettungswesen

Neuer Rekord: Rettungen durch den Helikopter nehmen im Aargau zu – eine Bilanz des Schreckens

Letztes Jahr nahmen die Helirettungen im Kanton Aargau um fast 30 Prozent zu. Ein deutliches Plus gab es aber auch bei den Ambulanzfahrten.

An Wochenenden mit prächtigem Wetter zieht es Abertausende nach draussen, und auch nochmals auf die Pisten in den Bergen. Die Kehrseite sind viele Unfälle, und entsprechend viele Einsätze von Rettungshelikoptern und Ambulanzen. Dies gilt zunehmend auch für den im Birrfeld stationierten «gelben Heli» der Alpine Air Ambulance (AAA). Dieser hatte allein am vorletzten Wochenende 15 Einsätze.

Doch auch im Aargau wird er immer öfter aufgeboten. 2018 reichte es wie schon im Vorjahr für einen neuen Rekord. 228 Mal hob er im Birrfeld für Rettungseinsätze ab. Auch die Rega kam mit 56 Einsätzen deutlich öfter in den Aargau als im Vorjahr. Zusammen gab es im Aargau 284 Helirettungen. Das entspricht einer Zunahme von knapp 30 Prozent.

Notrufzentrale bietet Heli auf

Letztes Jahr flogen Helis damit fast fünfmal so viele Rettungseinsätze wie noch im Jahr 2005 beziehungsweise 62 mehr als 2017. Die Helis fliegen aber nicht einfach so los. Das Aufgebot erfolgt jeweils durch die kantonale Sanitätsnotrufzentrale 144 SNZ. Eine deutliche Zunahme erfolgte letztes Jahr auch bei den Notfalleinsätzen von Ambulanzfahrzeugen. Sie erreichten mit 27 766 ebenfalls noch nie gekannte Höhen (plus 4,9 Prozent gegenüber 2017).

Aus dieser Zahl ableiten kann man, dass auf 100 Einsätze eines Ambulanzfahrzeugs ein Helikoptereinsatz erfolgt. Patientenverlegungen werden übrigens weiterhin in erster Linie mit der Ambulanz durchgeführt. Davon gab es letztes Jahr 8780.

Als Grund für die praktisch jährliche Zunahme der Einsätze verweist Heini Erne, Fachspezialist Rettungs- und Katastrophenwesen im Departement Gesundheit und Soziales (DGS), auf die Bevölkerungszunahme, und er ergänzt: «Die Kriterien für die Luftrettungsmittel haben sich in den letzten Jahren nicht verändert.»

Mehr Ambulanzfahrten

Der Helikopter werde anhand bestimmter, vordefinierter Indikationen von der Front angefordert beziehungsweise von der Sanitätsnotrufzentrale 144 SNZ aufgeboten. Kriterien sind, dass ein Notarzt nötig wird, wenn es zum Beispiel bei einem Herzinfarkt sehr eilt, jemand geografisch abgelegen wohnt und besonders schonend transportiert werden muss.
Und doch steigen die Zahlen auch bei Ambulanzfahrten deutlich rascher als die Bevölkerung. Diese Zunahme führt Erne auch auf die bessere Bekanntheit der Notfallnummer 144 zurück, und darauf, dass es weniger Hausärzte gibt.

Isabelle Wenzinger, Sprecherin des Kantonsspital Aarau (KSA), bestätigt die Angaben von Heini Erne. Die Leute würden zudem immer älter, entsprechend nähmen auch Fälle von Multimorbidität zu (mehrere Erkrankungen gleichzeitig). Es gibt weniger Hausärzte, weshalb man im Zweifelsfall die Ambulanz eher rufe als früher.

«Gut, kennt man 144, aber...»

Lukas Frey, stellvertretender Leiter des Rettungsdienstes beim Kantonsspital Baden (KSB), sieht für die Zunahme der bodengebundenen Ambulanzeinsätze auch Gründe, die nicht im Einflussbereich der Notrufzentrale liegen. Zum einen gebe es kaum noch Ärzte, die Hausbesuche machen. Zum anderen sei die Notrufnummer 144 heute allgemein bekannt, sagt Frey, was ihn sehr freut.

Umgekehrt stellen die Rettungssanitäter eine sinkende Hemmschwelle fest, diese Nummer zu wählen. Frey: «Heute wird die Ambulanz oft auch in Fällen gerufen, wo es eigentlich nicht nötig wäre, sondern eher, um für den Fall der Fälle juristisch abgesichert zu sein, und sagen zu können, man habe alles getan.»

Wenn an einer Feier jemand zu viel trinkt und sich übergeben muss, so habe man früher zu diesem geschaut, ihn nach Hause oder gleich selbst ins Spital gebracht: «Heute wählen viele den einfachsten Weg. Sie rufen die Ambulanz, schieben damit die Verantwortung für den Kollegen an die Rettungssanitäter ab, und feiern danach womöglich weiter.»
Manchmal – natürlich bei einer kleinen Minderheit – spüre man schon die Mentalität heraus: «Ich zahle so viel für die Krankenkasse, tut jetzt mal was für mich.» Doch dies sei ein Trugschluss. Was vielen nicht bewusst ist: Die Krankenkassen übernehmen nämlich in der Grundversicherung nur einen Teil der Kosten des Rettungsdienstes.

2100 Alkohol- und Drogenfälle

Mit einer steigenden Nachfrage sind aber nicht nur die Rettungssanitäterinnen und -sanitäter konfrontiert, sondern auch die Mitarbeitenden der Notfallabteilungen der Spitäler. So verzeichnete das Interdisziplinäre Notfallzentrum (INZ) des Kantonsspitals Baden (KSB) letztes Jahr 9,3 Prozent mehr Patienten als im Vorjahr. Insgesamt suchten 55 969 Personen dieses Notfallzentrum auf. Die Statistik des KSB weist unter anderem 3500 Fälle mit Bauchschmerzen, 500 Hochgeschwindigkeitsunfälle sowie 2100 Vergiftungen mit Alkohol oder Drogen aus.

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