Im ersten Halbjahr 2016 zählte allein das Kantonsspital Aarau (KSA) mit 862 schon 50 Geburten mehr als im Vergleichszeitraum des Rekordjahrs 2015. Das Kantonsspital Baden (KSB) zählte bis gestern Donnerstag sogar schon 985 Geburten (Vorjahreszeitraum 901). Monya Todesco Bernasconi, Chefärztin Geburtshilfe und Perinatalmedizin am KSA, verdeutlicht den enormen Umschwung mit einem Zehnjahresvergleich. Vor zehn Jahren kamen im KSA rund 1000 Kinder zur Welt, dieses Jahr werden es gegen 1800 sein.

Erfolgte der Anstieg auch, weil das Spital Zofingen seine Geburtenabteilung geschlossen hat? Todesco verneint. Gewiss kämen seither Frauen auch aus Zofingen nach Aarau, die meisten Frauen aus der Region Zofingen brächten ihre Kinder jetzt aber in Olten oder Rothrist zur Welt. Die Zunahme im Spital sei auch nicht auf einen Rückgang bei den Hausgeburten zurückzuführen, betont die Chefärztin: «Die Hausgeburtszahlen sind über Jahre sehr stabil.»

Kann man die Zunahme in Aarau gut stemmen? Monya Todesco: «Ja, kein Problem, wir passen unsere Strukturen gern laufend an. Wir bieten auch vorbereitende Informationsveranstaltungen und Kurse vor und nach der Geburt an, haben ein Netzwerk Wochenbett gegründet, bieten den jungen Familien mit verschiedenen Organisationen auch nachher Unterstützung an. Denn man darf nicht unterschätzen, dass sich eine Familie nach der Geburt eines Kindes neu organisieren muss. Das ist ein wichtiger Prozess.»

Geburtenzahlen im Kanton Aargau

Geburtenzahlen im Kanton Aargau

Mehr Buben als Mädchen

Auffallend bei den Zahlen ist, dass – nicht nur im Aargau – leicht mehr Buben als Mädchen zur Welt kommen. Im Aargau waren es letztes Jahr 3414 Buben und 3293 Mädchen. Laut Todesco ist dies schon sehr lange so. Es gebe also keinesfalls einen Zusammenhang mit Geschehnissen in Ländern etwa wie Indien, wo Mädchen oft abgetrieben werden.

Der Hauptgrund für die Geburtenzunahme ist natürlich das Bevölkerungswachstum im Aargau. Zudem haben Ausländerinnen aus Ländern mit traditionell hoher Geburtenrate auch in der Schweiz durchschnittlich mehr Kinder. Das erklärt aber nicht die ganze Zunahme.

Bewusst drei oder vier Kinder

Todesco: «Manche junge Eltern haben heute nicht mehr ein oder zwei, sondern ganz bewusst drei oder gar vier Kinder.» Man habe schon untersucht, ob dies mit der Wirtschaftsentwicklung zu tun habe, ob bei hohem Wohlstand mehr Kinder zur Welt kommen. Das Ergebnis sei aber eher, dass in schlechteren Zeiten mehr Kinder zur Welt kommen.

Die Geburtenzahlen für 2015 zeigen auch eine weiter abnehmende Bedeutung der Ehe. Die Mütter von 5426 Mütter waren bei der Geburt ihres Kindes verheiratet, bei 1281 Kindern nicht. Dieses Verhältnis war noch vor 30 Jahren völlig anders. 1986 hatten 221 Kinder eine unverheiratete Mutter. Von den letztes Jahr im Aargau geborenen Kindern haben 1949 einen ausländischen, 4758 einen schweizerischen Pass.

Hält der Trend zu mehr Geburten an? Die höheren Halbjahreszahlen 2016 der Kantonsspitäler darf man nicht aufs Jahr hochrechnen, denn die Zahlen schwanken von Monat zu Monat. Laut Bundesamt für Statistik wurden im Aargau in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 2690 Kinder geboren. Lassen wir uns also überraschen.