Interview
Neuer Grossrats-Präsident: «Den Kanton Baden will ich nicht zurück»

Er stammt aus Davos, ist CVP-Gemeindeammann von Wettingen und wird am Dienstag zum höchsten Aargauer gewählt. Wie tickt Markus Dieth privat und was sagt er zum Rechtsrutsch des Kantons?

Patrik Müller
Drucken
Freut sich auf sein Jahr als höchster Aargauer: Markus Dieth vor dem Grossratsgebäude.Emanuel Per Freudiger

Freut sich auf sein Jahr als höchster Aargauer: Markus Dieth vor dem Grossratsgebäude.Emanuel Per Freudiger

EMANUEL PER FREUDIGER

Herr Dieth, was ist der Unterschied zwischen einem Aargauer und einem Bündner?

Beide haben Ecken und Kanten, aber der Bündner hat als Bergler vielleicht noch etwas mehr Hartnäckigkeit. Dass diese bei mir nicht zur Sturheit wird, liegt vielleicht daran, dass meine Mutter aus dem Aargau stammt (lacht). Sie ist Bürgerin von Lengnau und wuchs in Mellingen auf.

Sie sind in Davos geboren und aufgewachsen. Was hat Sie in den Aargau verschlagen?

1987 verliess ich Davos, da ich in Zürich mit meinem Jusstudium begann. Ich wählte dann Wettingen als Wohnort, denn diese Gemeinde kannte ich schon: Als Kind verbrachte ich hier oft meine Ferien, bei der Schwester meiner Mutter. Meine damalige Freundin und heutige Frau kam dann auch aus Davos mit nach Wettingen und wir fühlten uns schnell zu Hause.

Sie haben zwei Töchter im Alter von 14 und 16. Wie haben Sie sich zu Hause mit Ihrer Frau organisiert?

Wir teilen uns eher traditionell auf. Ich bin froh, dass mir meine Frau den Rücken freihält. Aber ich habe mich nie aus der Familie ausgeklinkt und stets darauf geachtet, dass ich meinen Teil beitrage. Auch wenn es zu Hause manchmal hiess, ich sei etwas zu viel weg.

Was ist Ihnen bei der Erziehung wichtig?

Etwas vom Wichtigsten ist, dass die Kinder sich selbst sind und dass sie ehrlich sind. Und dann vielleicht noch, dass sie einen gewissen Willen zum Sieg entwickeln, wenn man dem so sagen kann: Dass sie, wenn sie etwas machen, es auch richtig machen.

War es der Fokus auf die Familienpolitik, der Sie zur CVP gebracht hat?

Es waren vor allem Begegnungen. Meine ersten juristischen Gehversuche machte ich bei Peter Conrad in Baden, einem CVP-Schwergewicht. Danach war ich am Bezirksgericht Zurzach, wo ebenfalls CVPler den Ton angaben. Wettingen ist auch eine traditionelle CVP-Hochburg.

Wie wichtig ist Ihnen das «C» in der Partei, sind Sie gläubiger Christ?

Diese Werte sind mir schon wichtig. Wir können die vielen Veränderungen in unserer Gesellschaft nur bewältigen, wenn wir eine stabile Grundlage haben und wissen, woher wir kommen.

Wo stehen Sie innerhalb der CVP?

Ich würde mich Mitte-Rechts situieren, gebe aber nicht so viel auf diese Verortung. Ich war früher selbstständiger Anwalt, das hat mich geprägt. Ich bin kritisch gegenüber einer ausufernden Anspruchshaltung. Man muss zuerst erwirtschaften, was man ausgeben will.

In der Spardebatte des Grossen Rats haben Sie diese Woche stramm mit FDP und SVP für alle Kürzungen gestimmt.

Nicht ganz: Ich war nicht mit allen Details einverstanden – etwa bei der Überwälzung von Lasten an Bürger und Gemeinden –, aber man durfte das Paket als Ganzes nicht gefährden. Es ist ausgewogen, tut da und dort weh, ist letztlich aber unabdingbar, wenn man den Aargau auf solide finanzielle Beine stellen und damit auch für unsere nächste Generation zukunftsfähig machen will.

Es ist schon komisch: Kein Kanton hat derart tiefe Ausgaben pro Einwohner, trotzdem wird gespart und gespart. Was macht der Aargau falsch?

Wir jammern auf einem hohen Niveau. Gesamthaft geht es uns gut, auch wenn wir sparsam sind. Wir sollten in Zeiten, in denen es uns gut geht, realistisch bleiben und nicht mit Forderungen überborden.

Als Gemeindepolitiker können Sie es nicht gut finden, wenn die Aargauer Schulen immer mehr ausgepresst werden.

Ich sehe kein «Auspressen». Nirgendwo sonst investiert der Kanton so viel Geld wie in die Bildung, und das ist auch richtig. Aber es muss möglich sein, auch bei der Bildung eine Feinjustierung vorzunehmen.

Würde man nicht besser den Wasserkopf abbauen, statt bei den Schulen an der Front zu sparen?

An der Front wird nicht übermässig gespart, die Klassengrössen sind immer noch akzeptabel, und in vielen Bereichen, etwa dem Instrumentalunterricht, konnte man gute Lösungen finden. Ich bin aber einverstanden damit, dass wir die Bürokratie, auch in der Bildung, so schlank wie möglich halten müssen.

Warum ist eigentlich der Aargau derart weit nach rechts gerückt seit den 90er- Jahren?

Nehmen Sie das so wahr? Ich empfinde es nicht so.

Die SVP ist hier deutlich stärker als in der gesamten Schweiz, und in den Zürcher Medien gibt es einen neuen Begriff: «Aargauisierung». Das wird gleichgesetzt mit Fremdenfeindlichkeit.

Das halte ich für unfair. Dass der Aargau seine Identität bewahren will, finde ich gut. Wir haben in unseren Regionen unterschiedliche Bedürfnisse, wir haben städtische und ländliche Gebiete, aber ich meine, es ist allen klar, wie wichtig für diesen Kanton internationale Firmen wie Alstom, ABB oder Novartis sind. Auch viele KMU, unsere Hightech-Branche und Institutionen wie das PSI sind auf Weltoffenheit angewiesen – und auf die Möglichkeit, Arbeitskräfte auch aus dem Ausland zu holen.

Hand aufs Herz: Der Aargau hat doch ein Image-Problem!

Der Kanton hat bei einzelnen Abstimmungen konservativer gestimmt als der Schweizer Durchschnitt. Es sind gewisse Ängste vorhanden, die man ernst nehmen muss. Allerdings müssen Parteien und Politiker auch aufpassen, dass sie nicht Ängste schüren, weil das vielleicht Stimmen bringt. Sonst kommt es zu Ergebnissen, die am Ende für den Aargau nicht gut sind.

Fühlen Sie sich zuerst als Schweizer, als Aargauer oder als Wettinger?

Im Herzen bin ich Wettinger und Aargauer, da lebe und bewege ich mich. Aber ich bin auch ein stolzer Schweizer. Es wäre schön, wenn das Aargauer Selbstbewusstsein etwas grösser wäre. Wir dürften durchaus die Haltung haben: «Mir sind öpper!» Aber das kommt jetzt allmählich: Es ist super, dass der Aargau jetzt zum Beispiel eine eigene Tourismusregion ins Leben gerufen hat.

Gerade diese Tourismusregion ist doch halbbatzig: Die Region Baden schert aus und macht bei Zürich Tourismus mit.

Die Badener sind bei der neuen Tourismusregion schon dabei, aber sie docken gleichzeitig bei Zürich an. Das ist doch gut, wenn Baden auch im Zürcher Prospekt drin ist. Es wäre widersinnig, wenn man das den Badenern verbieten würde.

Viele Badener und Wettinger fühlen sich Zürich näher als dem Aargau. Wie ist das bei Ihnen: Wechseln Sie – was Sie könnten! – in den Bündner Dialekt, wenn Sie in der Grossstadt sind?

Nein, nein, ich verleugne den Kanton Aargau nicht. Ich schätze die guten Verbindungen und die Nähe zu Zürich, fahre aber auch gern wieder zurück.

Von 1798 bis 1803 gab es den Kanton Baden. Wenn eine Initiative für eine Wiedergründung dieses Kantons käme: Würden Sie unterschreiben?

(Lacht) Nein. Den Kanton Baden wünsche ich mir nicht zurück. Wenn schon, dann die Hohe Gerichtsbarkeit des Klosters Wettingen!

Baden, Ennetbaden und Neuenhof reden über eine Fusion – nur Sie in Wettingen wollen nicht mitmachen. Warum eigentlich?

Für uns steht die Zusammenarbeit im Vordergrund, mit der Regionalpolizei haben wir das vorgemacht, die alle sechs Gemeinden unseres Kreises 2 Limmattal abdeckt: Wettingen, Neuenhof, Killwangen, Spreitenbach, Bergdietikon und Würenlos. Unsere Region muss aufhören, sich selber immer nur mit ihrer Grösse zu beschäftigen. Die Menschen wollen eine gut funktionierende Gemeinde und nicht möglichst grosse Einheiten. Viele Leute ziehen auch darum nach Wettingen, weil diese Gemeinde greifbar und überschaubar ist – das ermöglicht Vertrauensbildung.

Ist das eine Absage an jegliche Fusion?

Nein! Zusammenarbeit mit dem Kreis 2 Limmattal steht im Vordergrund, wenn sich aber schrittweise mehr ergibt, dann bin ich offen – auch für die Prüfung einer Fusion. Aber eine Fusion ist kein Selbstzweck. Wenn sie für den Bürger Vorteile bringt, bin ich sofort dabei.

Am Dienstag werden Sie zum höchsten Aargauer gewählt. Was haben Sie sich vorgenommen?

Erst mal freue ich mich auf die vielen Begegnungen mit Menschen in unseren vielfältigen Regionen. Wir sind ein Kanton, in dem man immer wieder Neues entdecken kann. Ich möchte dazu beitragen, dass im Aargau das Vertrauen in eine positive Zukunft unseres Kantons gestärkt wird. Wir haben allen Grund zur Zuversicht.

Gemeindeammann, Grossratspräsident – wann zieht es Sie nach Bundesbern?

Diese Frage stellt sich für mich nicht, wir haben in Wettingen eine Regelung, die ausschliesst, dass man als Gemeindeammann für den Nationalrat kandidieren kann. Das halte ich für richtig: Mein Pensum ist zu gross, als dass ich noch gleichzeitig Nationalrat sein könnte. Das ginge nicht.

Wären Sie Badener Stadtammann, dann ginge es.

Baden kennt eine andere Regelung, wie auch andere Städte.

Klar ist auch: Für die CVP wären Sie der ideale Nachfolger für Regierungsrat Roland Brogli.

Auch diese Frage stellt sich für mich zurzeit nicht. Ich freue mich auf das Jahr als Grossratspräsident, das ist eine Ehre und ich werde diese Zeit auch geniessen.

Aktuelle Nachrichten