Dieter Widmer

Neuer AKB-Chef: «Mir tun Pascal Koradi und seine Familie leid»

Er ist nach dem abrupten Abgang von Pascal Koradi über Nacht Chef der Aargauischen Kantonalbank geworden: Dieter Widmer, 51, Ur-Aarauer, Familienvater, Tennisspieler. Wie tickt der Banker, der ab sofort die Geschicke der AKB lenkt?

Dieter Widmer steht am Fenster und telefoniert. Während er noch spricht, bittet er uns mit einer lockeren Geste ins Sitzungszimmer im AKB-Hauptsitz am Bahnhofplatz Aarau. Dann begrüsst er uns und bedankt sich, dass wir ein bisschen zu spät kommen. «Sie haben mir damit ein paar zusätzliche Minuten geschenkt.» Die kann Widmer brauchen. Die Ereignisse haben sich mit dem Rücktritt von Pascal Koradi in den letzten Tagen überschlagen. Plötzlich steht Dieter Widmer, der jahrzehntelang im Hintergrund für die Bank gearbeitet hat, selber im Mittelpunkt.

Herr Widmer, Sie bekamen am Montagabend um 23 Uhr einen Anruf von Bankratspräsident Dieter Egloff. Er hat Ihnen den Job als CEO angeboten. Haben Sie sofort zugesagt oder es vorher noch mit Ihrer Frau besprochen?

Dieter Widmer: Ich war schon im Bett, als das Telefon klingelte. Für meinen Entscheid habe ich mir eine Nacht ausbedungen. Ich bin keiner, der einen Schnellschuss macht. Selbstverständlich habe ich dann mit meiner Frau darüber gesprochen. Die Nacht wurde mit nur zwei Stunden Schlaf kurz. Aber am Morgen wachte ich mit klaren Gedanken auf und nahm den Job an.

Kam die Anfrage überraschend oder wussten Sie, dass Sie für den Fall der Fälle der Kandidat waren?

Nein, für mich war das völlig überraschend. Ich hatte mit Dieter Egloff noch kurz zuvor einen Lunch, dabei war das aber überhaupt kein Thema.

Wie haben Sie die Postauto-Affäre und die Diskussion um Pascal Koradi mitverfolgt?

Ich habe den Untersuchungsbericht angeschaut. Selbstverständlich stellen sich da Fragen. Mir war klar, dass es schwierig wird. Allerdings schätze ich Pascal Koradi als absolut integre Persönlichkeit. Wenn er sich erklären könnte, kämen gewisse Aussagen wohl anders rüber.

Sie profitieren vom abrupten Fall Ihres Chefs. Was für Gefühle haben Sie dabei?

Mir tun in erster Linie Pascal Koradi und seine Familie leid. Aber ich bin jetzt nicht in Schockstarre geraten. Wir müssen vorwärtsschauen, ich habe einen verantwortungsvollen Posten übernommen.

Pascal Koradi: «Das Wichtigste ist das Vertrauen»

Pascal Koradi: «Das Wichtigste ist das Vertrauen»

Der AKB-CEO am Dienstag, 12. Juni 2018, über die Gründe für seinen Rücktritt.

Bei Ihren beiden Vorgängern kamen im Nachhinein Leichen im Keller zum Vorschein. Andreas Waespi konnte als gewählter CEO wegen eines Berufsverbots der Finanzmarkaufsicht seine Stelle nicht antreten, Pascal Koradi wurde von seiner Post-Vergangenheit eingeholt. Findet man bei Ihnen keine relevanten Jugendsünden?

(Lacht) Nein, Leichen gibt es bei mir keine. Die wären ans Licht gekommen, als ich vor zwei Jahren in die Geschäftsleitung gewählt wurde.

Die AKB kennt Sie ja ohnehin durch und durch. Sie sind schon das halbe Leben hier.

Genau. Die AKB ist eine Herzensangelegenheit für mich. Schon die Lehre habe ich hier gemacht. Dann ging ich zehn Jahre weg und bin vor 20 Jahren zurückgekommen als Leiter der Vermögensverwaltung.

Was macht die AKB aus?

Es ist eine tolle Bank mit einer vernünftigen Grösse, wo man die einzelnen Leute noch kennt. Mir ist es vögeliwohl hier. Wenn es nach mir geht, bleibe ich der Bank noch lange erhalten.

Dieter Egloff, AKB-Bankratspräsident, zum Rücktritt von Pascal Koradi: «Sein Entscheid war richtig und davor ziehen wir allen unseren Hut.»

Dieter Egloff, AKB-Bankratspräsident, zum Rücktritt von Pascal Koradi: «Sein Entscheid war richtig und davor ziehen wir allen unseren Hut.»

12. Juni 2018

Sie sind zwar schon lange dabei, der Aufstieg zum Chef ging jetzt aber doch sehr schnell.

Das ist so. Aber wie ich vorher schon in der Geschäftsleitung bei den wichtigen Prozessen und Entscheiden mitgestalten konnte, bin ich jetzt umgekehrt auf meine Mitarbeiter angewiesen, auf alle, egal in welcher Position. Natürlich trage ich als Direktionspräsident jetzt mehr Verantwortung, aber mir ist wichtig, dass ich authentisch bleibe.

Was sind ihre typischen Eigenschaften?

Ich bin recht ausgeglichen, zielstrebig, ergebnisorientiert. Auf die Balance lege ich viel Wert: Erfolg um jeden Preis gibt es bei mir nicht. Gespräche mit den Leuten sind mir sehr wichtig. Ich kann gut zuhören und suche immer nach gemeinsamen Lösungen, wenn es Probleme gibt.

Pascal Koradi hat bei der AKB einen Kulturwandel eingeleitet und als Symbol den Krawattenzwang abgeschafft. Sie tragen jetzt auch keine. Führen Sie Koradis Stil fort?

Ich hatte 30 Jahre immer eine Krawatte an. Ohne lebt sich jetzt auch ganz gut, auch wenn man mich zwischendurch durchaus auch mit Krawatte sieht. Ich glaube allerdings, dass sie im normalen Business bald ganz verschwinden wird. Es ist ein Zeichen. Man merkt das an Anlässen. Auch wenn es nur ein Stück Stoff ist, gibt es ohne Krawatte einfach eine andere Nähe.

Was steht auf Ihrer Prioritätenliste in diesen ersten Tagen als Chef?

Zuerst muss ich mir einen Überblick verschaffen, die Termine von Pascal Koradi übernehmen. Es erleichtert meine Aufgabe, dass wir eine klare Strategie haben und gut unterwegs sind. Ich bin nicht gewählt worden, um alles auf den Kopf zu stellen.

Was ist der Kern der Strategie?

Wir richten uns voll auf die Kunden aus. Das sagen alle, ich weiss. Aber wir machen es wirklich. Wir passen alle Prozesse in allen Bereichen auf kundenzentriertes Arbeiten an.

Am Schluss zählen bei einer Bank die Zahlen. Ihre zwei Vorgänger erzielten die zwei besten Ergebnisse in der Firmengeschichte. Sie sind gefordert!

Die Erwartungshaltung ist sicher, dass es so weitergeht. Die habe ich an mich selber. Man darf aber nicht vom Ergebnis her denken, sondern muss konsequent die Strategie durchziehen. Dann kommen auch die Ergebnisse.

Die Politiker haben Freude, wenn die AKB gute Gewinne an den Kanton abliefert. Gleichzeitig mischt sich die Politik auch ein. Zuletzt hat sie einen Lohndeckel von 600 000 Franken für AKB-Chefs beschlossen. Stört Sie das?

Nein, das stimmt für mich so. Ich habe gesagt, dass die AKB eine Herzensangelegenheit ist. Natürlich kann man bei einer Grossbank noch mehr verdienen. Aber was will ich jeden Tag von Unterentfelden nach Zürich fahren, im Stau stehen und im Job ellbögeln? Hier in Aarau habe ich mehr Lebensqualität.

Sie haben offenbar einen tieferen Lohn für sich vorgeschlagen als möglich wäre. Wie sieht das Modell genau aus?

Ich finde, es ist nichts als richtig, dass auch ich als Direktionspräsident, genau wie meine Kollegen in der Geschäftsleitung, einen variablen Lohnbestandteil habe. Darum schlug ich vor, meinen Grundlohn tiefer festzulegen. Wenn es super läuft, bekomme ich das Gesamtsalär und wenn es etwas weniger ist, bricht die Welt auch nicht zusammen.

Die Politik redet nicht nur beim Cheflohn gerne mit. Sie diskutiert auch die Aufhebung der Staatsgarantie für die Bank, von rechts wird sogar die Privatisierung ins Spiel gebracht. Wie stehen Sie dazu?

Die Beziehung zur Politik ist deutlich besser geworden, das ist mit ein Verdienst meines Vorgängers. Zurzeit ist der Regierungsrat ja gerade daran, die Eigentümerstrategie zu überarbeiten. Wir sind froh, wenn wir uns dabei einbringen können. Am Schluss entscheidet aber das Volk, da ist nicht meine persönliche Meinung gefragt.

Wo stehen Sie politisch?

Ich bin in keiner Partei. Aber Sie können sich vorstellen, dass ich eher Mitte-Rechts orientiert bin.

Würden Sie einer Privatisierung der Bank offen gegenüberstehen?

Wir können damit leben, wenn es so bleibt, wie es ist. Aber auch eine privatisierte Kantonalbank ist ein gangbarer Weg. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu schauen, dass die Bank gut läuft, dann ist das Rechtskleid zweitrangig.

Die AKB setzt voll auf Digitalisierung. Wie digital sind Sie mit 51 Jahren selber unterwegs?

Ich bin ein typischer Anwender. Es muss einfach laufen, sonst nervts (lacht). Social Media nutze ich zurückhaltend. Ich bin auf Xing, aber nicht auf Facebook und Co. Mir fehlt die Zeit und ich mag mein Privatleben nicht ausbreiten. Ich probiere aber gerne neue Tools aus. Zum Beispiel Twint, etwa um meinem jüngeren Sohn Geld zu überweisen.

Ihre beiden Söhne sind 20 und 21. Die sind bestimmt digital durch und durch.

Der jüngere mehr als der ältere. Aber mit Facebook müssen Sie da nicht mehr kommen, das ist schon durch bei ihnen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade arbeiten?

Ich habe zwei Hobbys. Ich spiele Tennis, und dort auch Interclub. Ich hoffe, dass ich das auch in Zukunft noch machen kann. Das ist eine gute Erholung. Dazu habe ich mit Golf angefangen vor anderthalb Jahren. Mit bescheidenem Erfolg, wie ich zugeben muss. Aber es macht mir Spass.

Tennis, Golfen. So weit würde das alles auch zu einem Zürcher Privatbanker passen. Fahren Sie auch einen Aston Martin?

Nein, fahre ich nicht. Ab und zu bin ich aber mit dem Roller unterwegs.

Wir haben mal Ihren Namen gegoogelt, um zu sehen, was sonst noch von Ihnen bekannt ist. Da taucht beispielsweise ein Testimonial von Ihnen auf zum Thema Mobilität im Alter. Was hat es damit auf sich?

Dabei geht es um das Projekt Mia, einen Fahrdienst von Freiwilligen für Senioren in Entfelden. Ich finde das Engagement dieser Leute sehr gut, so kommen ältere Leute aus ihren vier Wänden raus. Senioren sind auch für die AKB eine wichtige Zielgruppe, dieser Teil der Bevölkerung wächst am meisten. Wir müssen schauen, wie wir die Bedürfnisse dieser Menschen abdecken können, die zum Beispiel kein Handy nutzen.

Sie sind gemäss Google auch Rechnungsrevisor im Tennisclub. Können Sie das bleiben als AKB-Chef?

Zeitlich nimmt mich dieses Revisorenamt im Tennisclub nicht gross in Anspruch. Wenn ich also an der GV wiedergewählt werde, stelle ich mich gerne wieder zur Verfügung.,

Als Bankenchef werden Sie künftig auch mehr gesellschaftliche Verpflichtungen haben. Ist das eher Last oder Lust für Sie?

Es ist selten ein Müssen, sondern ein Dürfen. In meiner Funktion lerne ich viele interessante Leute kennen. Ich freue mich jetzt schon auf die Lenzburgiade nächste Woche. Das ist eine super Sache und am Dienstagabend habe ich am Eröffnungskonzert meinen ersten öffentlichen Auftritt als Direktionspräsident.

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