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Neue Zertifizierung: Sterben die Samariter aus?

Samariter im Aargau, hier an der Badenfahrt, kritisieren die neue Zertifizierung durch den Interverband für Rettungswesen.

Samariter im Aargau, hier an der Badenfahrt, kritisieren die neue Zertifizierung durch den Interverband für Rettungswesen.

Der Schweizerische Samariterbund erlässt Massnahmen zur Qualitätssicherung. Das stört die Aargauer Vereine. Sie fürchten, dass dadurch noch mehr Mitglieder verloren gehen.

Im Kanton Aargau gibt es 84 Samaritervereine mit 2023 freiwilligen Mitgliedern. Sie bieten an Dorffesten, Schulsporttagen oder Fasnachtsumzügen medizinische Versorgung und leisten im Ernstfall erste Hilfe, bis die Ambulanz kommt. Doch die Samaritervereine im Aargau kämpfen mit sinkenden Mitgliederzahlen.

Innerhalb von zehn Jahren ist deren Anzahl um ein Drittel zurückgegangen. Drei Samaritervereine haben in den letzten fünf Jahren fusioniert. Die Vereine in Reinach, Hausen und im Eigenamt werden gar aufgelöst. «Ein Grund für den Rückgang der Mitgliederzahlen sind hektischere Lebensumständen. Kaum jemand findet noch Zeit, sich für soziale Aktivitäten einzusetzen», sagt Werner Bolliger, Vorstandsmitglied des Aargauer Samariterverbandes.

Frust bei Aargauer Samaritern

Eine weitere Ursache für die schwindenden Mitgliederzahlen sei die «Strategie 2020» des Schweizerischen Samariterbundes, erklärt Bolliger. Zur Qualitätssicherung und um den geforderten Standards von Veranstaltern zu entsprechen, lässt sich dieser neu vom Interverband für Rettungswesen (IVR) zertifizieren, wie das SRF-Regionaljournal berichtet.

«Dadurch steigen die Ansprüche an die Mitglieder und es entsteht ein zeitlicher und finanzieller Mehraufwand», kritisiert Bolliger. Und das löse Frust aus. Er unterstütze die Idee, dass Samariter über ein möglichst breit gefächertes und fundiertes Wissen verfügen sollten. Doch der IVR sei mit seinen Vorgaben übers Ziel hinausgeschossen: «Wir befürchten, dass aus Samaritern professionelle Rettungssanitäter gemacht werden sollen.» Ihre eigentliche Aufgabe sei es aber, bis zum Eintreffen der Ambulanz erste Hilfe zu leisten.

Bolliger betont, dass die Vereine vom «guten Willen der freiwilligen Mitglieder getragen werden». Die nun entstandenen Obligatorien könnten für viele Samariter ein Austrittsgrund sein, so Bolliger. Die Konsequenz: «Für Veranstalter wird es schwierig, Samariter für ihren Event zu organisieren.» Diese müssten dann auf andere Rettungsorganisatoren ausweichen und mehr Geld bezahlen.

Kein Zwang zur Weiterbildung

Wie reagiert der Schweizerische Samariterbund auf die Kritik aus dem Aargau? Direktor Hans Rudolf Keller sagt, die Zertifizierung durch den Interverband für Rettungswesen entspreche den steigenden Qualitätsanforderungen der Kunden. «Ein Zwang für Samariter, eine bestimmte Anzahl Übungen oder Kurse zu absolvieren, besteht nicht», sagt Keller. «Ausser, man möchte eine höhere Leistungsstufe erreichen oder Ausbildner werden.»

Im Januar letzten Jahres hat der IVR ein neues Computerprogramm in den Vereinen eingeführt, in dem die Leistungsstufen der Samariter erfasst werden. Die Präsidenten müssten diese im System eintragen. «Danach erhält jedes Mitglied ein Zertifikat», sagt Keller. Zeitlicher Mehraufwand entstehe für rund 20 Prozent aller Samariter. Nämlich für jene, die ihre Kollegen im Programm erfassen. Der finanzielle Mehraufwand belaufe sich pro Verein auf je 200 Franken jährlich. «Mit der Zertifizierung sichern wir die Qualität unserer Dienstleistungen und wir bleiben wettbewerbsfähig», betont Keller.

Der Samariterbund-Direktor räumt ein, dass es bei der Lancierung des Programmes zu Problemen gekommen sei. «Technische Schwierigkeiten traten auf. Das hat bei einigen Mitgliedern zu Verwirrung geführt.» Diese Probleme seien in der Zwischenzeit behoben worden. Keller sieht keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Mitgliederschwund bei den Samaritervereinen und der neuen Zertifizierung. Dass es weniger Samariter gebe, sei auf den Wandel der Zeit zurückzuführen.

Gesprächsbedarf gibt es dennoch: Am Dienstagabend traf sich der Vorstand des Aargauer Samariterverbands mit Vertretern des Schweizerischen Samariterbundes. Dabei habe man die Bedenken zur Zertifizierung nochmals vorgebracht, sagt Werner Bolliger. Die Delegation des nationalen Samariterbundes mit Zentralpräsidentin Regine Aeppli sei auf die Anliegen der Aargauer Vereine eingegangen. Bolliger sagt: «Der Schweizer Samariterbund strebt Verbesserungen an.»

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