PISA-Studie
Neue PISA-Studie: Der Aargau hat am meisten schwache Schüler

Die Aargauer Schülerinnen und Schüler schneiden bei der Pisa-Studie 2012 nicht mehr so gut ab wie bei jener zuvor. Die Leistungen haben sich in allen drei untersuchten Fächern verschlechtert.

Hans Fahrländer
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Die Mathematikleistungen der Aargauer Schülerinnen und Schüler bewegen sich im schweizerischen Mittelfeld. (Symbolbild)

Die Mathematikleistungen der Aargauer Schülerinnen und Schüler bewegen sich im schweizerischen Mittelfeld. (Symbolbild)

Der Kanton Aargau nahm 2012 zum vierten Mal seit 2003 an der Pisa-Studie teil. Die Stichprobe umfasste 447 Mädchen und 445 Knaben aus 27 Oberstufen-Abschlussklassen aus allen drei Leistungszügen (Bez, Sek, Real). Welche Schulen in die Stichprobe kamen, bleibt anonym. Besonders im Fokus standen diesmal die Fähigkeiten in Mathematik. 2009 war es das Lesen, 2006 waren es die Naturwissenschaften.

Mathematik: (Zu) viele Schwache

In der Mathematik liegt der Aargau wie in den Vorjahren im schweizerischen Mittelfeld. Bei einem Referenzwert von 500 Punkten erreicht die Schweiz 531 Punkte, die Deutschschweiz 534 und der Aargau 524 Punkte. Ebenfalls auf 524 kommen Solothurn und die Waadt. St. Gallen erreicht 552 Punkte. Da sich die Schweiz im internationalen Vergleich auf hohem Niveau bewegt, kann man hier von guten, wenn auch nicht berauschenden Aargauer Resultaten sprechen.

PISA-Studie 2012: Entwicklung leistungsstarke und leistungsschwache Schüler in der Mathematik.

PISA-Studie 2012: Entwicklung leistungsstarke und leistungsschwache Schüler in der Mathematik.

Aargauer Zeitung

Der Anteil leistungsschwacher Jugendlicher, die kaum das unterste Kompetenzniveau erreichen, variiert in der Deutschschweiz in Mathematik zwischen 7 und 14 Prozent. Im Aargau sind es 14,3 Prozent, das heisst, wir sind hier «Negativ-Leader». Jeder fünfte Jugendliche (20,3 Prozent) erreicht das oberste oder zweitoberste Kompetenzniveau und gilt als leistungsstark. Das entspricht dem Schweizer Durchschnitt. Allerdings gibt es auch hier einen Wermutstropfen: 2003 betrug der Anteil Leistungsstarker noch 26,8 Prozent.

Bestätigt wird auch ein Geschlechter-(Vor-)Urteil: Bei den Knaben gelten 23 Prozent in Mathe als leistungsstark, bei den Mädchen nur 18 Prozent. Das gilt aber nur in der Spitzengruppe. Über das gesamte Spektrum gibt es keine Geschlechterunterschiede.

In den Naturwissenschaften konnte der Aargau seine Spitzenposition aus der letzten Pisa-Studie nicht halten, er findet sich im Mittelfeld wieder, bei 511 Punkten. Der Schweizer Wert steht bei 513 Punkten, der Deutschschweizer bei 520. Auch hier schwingt St. Gallen obenaus mit 531 Punkten. Solothurn erreicht 510, Deutsch-Bern 518.

Lesen: Signifikanter Rückstand

Für einen (bisherigen?) Spitzenkanton enttäuschend sind die Lese-Leistungen. Hier rutscht der Aargau unter die magische Grenze von 500 Punkten und erreicht 495. 2003 waren es noch 513 Punkte. Der Durchschnitt der Schweiz und der Deutschschweiz liegt bei 507 Punkten, also 12 Punkte höher. St. Gallen erreicht hier 514 Punkte, also 19 Punkte mehr, die Waadt 512.

Der Anteil leistungsschwacher Jugendlicher liegt im Lesen bei 17,5 Prozent – klar über dem Durchschnitt. Auch hier sticht ins Auge: Die Spannweite zwischen den besten und den schwächsten Jugendlichen ist mit 334 Punkten im nationalen Vergleich gross.

Wer nun vermutet, die negativen Entwicklungen gegenüber den früheren hingen mit der gestiegenen Zahl der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zusammen, wird eines Besseren belehrt.

Es liegt an den Einheimischen

Im Aargau ist der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zwischen 2003 und 2012 von 21 auf 24 Prozent gestiegen. Verschlechtert haben sich indessen vor allem die Lese- und Mathematikleistungen der einheimischen Schülerinnen und Schüler, um durchschnittlich 2,6 bzw. 3 Punkte pro Jahr. Die Leistungen der Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben sich hingegen statistisch nicht signifikant verändert.

Besonders zu denken geben muss den Verantwortlichen vorab dies: Während der Mittelwert der jungen Aargauer im Kantonsvergleich relativ unauffällig ist, ist das Leistungsspektrum im Aargau in allen drei untersuchten Fächern am grössten. Auffällig an dieser breiten Streuung zwischen guten und schlechten Schülern ist die grosse Gruppe der Leistungsschwächsten.

Die «Risikogruppe» ist zu gross

Im Klartext: Kein Kanton hat so viele Jugendliche, die nur oder nicht einmal das unterste Leistungsniveau erreichen, wie der Aargau. So ist es im Lesen fast jeder vierte Knabe, in Mathematik fast jedes fünfte Mädchen. Sie befinden sich in der sogenannten Risikogruppe.

Für diese Jugendlichen besteht die Gefahr, dass sie beim Übergang von der Schule ins Arbeitsleben grossen Problemen gegenüberstehen oder sogar scheitern. Besonders alarmierend sind die ungenügenden Leseleistungen, denn das Lesen ist ja die Grundvoraussetzung für das «Nachkommen» in sämtlichen Schulfächern.

In einem Communiqué verweist das Bildungsdepartement einerseits auf die relativ kleine Stichprobe im Aargau und mutmasst, Pisa 2012 könnte ein «statistischer Ausreisser» sein. Anderseits ist die Grundstimmung der Mitteilung ungewohnt düster. Man bekannte offen, die Ergebnisse lägen «unter den Erwartungen», man müsse nun den Fokus «auf die Schulqualität legen», erste Gespräche mit den Lehrerverbänden hätten bereits stattgefunden.