Analyse
Neue Kreisschulen sorgen in den Regionen für Emotionen

Mehr Schüler, weniger Schulstandorte: Konzentration ist der Trend. Doch sobald es in den Regionen konkret wird, wird es kompliziert. Eine Analyse zu den Veränderungen in der aargauischen Schullandschaft.

Jörg Meier
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Mehr Schüler, weniger Schulstandorte. Ringen um die beste Lösung

Mehr Schüler, weniger Schulstandorte. Ringen um die beste Lösung

Keystone

Früher galt: Ein Dorf ist ein Dorf, wenn es eine Kirche hat, eine Post, einen Laden, eine Feuerwehr und eine Schule. Heute ist die Kirche meistens leer, ein bisschen Post gibt’s höchstens noch im Dorfladen, falls der nicht schon vorher aufgegeben hat, die Feuerwehr teilt man sich mit dem Nachbardorf – und was ist mit der Schule?

Von den 213 Aargauer Gemeinden haben zehn keine eigene Primarschule mehr. Rund 100 Gemeinden haben ihre Oberstufe in 30 gemeinsamen Kreisschulen organisiert; die übrigen Gemeinden führen eine eigene Oberstufe. 41 Bezirksschulen, die teilweise zu den Kreisschulen gehören, runden das Angebot an der Volksschule ab. Schulen der Sekundarstufe II (Berufsfachschulen und Mittelschulen) gibt es in zehn verschiedenen Gemeinden.

Die Tendenz ist klar: Die Zahl der Schülerinnen und Schüler steigt im Aargau stetig an, die Anzahl der Schulstandorte hingegen sinkt. Konzentration ist das Thema. Kanton und Gemeinden müssen sparen. Das Prinzip «eine Schule in jedem Dorf» ist nicht mehr zu finanzieren und auch nicht immer die beste Lösung. Grundsätzlich leuchtet das alles ein; die Konzentration auf weniger, dafür gut funktionierende Standorte ist unbestritten.

Viele Projekte scheitern

Höchst umstritten ist hingegen, welche Schulen wo zusammengefasst werden sollen. Sobald regionale Befindlichkeiten ins Spiel kommen, wird es schwierig. Zwar gibt der Kanton klare Zahlen vor. So braucht es für eine Bezirksschule ab Schuljahr 2022/23 im Minimum sechs Klassen mit jeweils 18 Schülerinnen und Schülern. Eine Schule, welche diese Mindestanforderung nicht erfüllt, muss schliessen.

Doch die zähen Auseinandersetzungen der letzten Monate haben gezeigt, wie schwierig und emotional beladen Entscheide um den Weiterbestand von Schulen sind. So brauchte es die Vermittlung von Regierungsrat Alex Hürzeler, bis sich die Wynentaler Gemeinden darauf einigen konnten, dass die kleine Bez Menziken den Betrieb einstellt, aber die Bez Oberkulm und die Bez Reinach dafür weiterbestehen werden.

Gar nicht einigen konnte sich die Gemeinden im oberen Seetal, als es darum ging zu entscheiden, ob die Bezirksschule in Seon, Seengen oder Fahrwangen geschlossen werden solle. Deshalb entschied der Kanton: Der Standort Fahrwangen wird geschlossen. Was in und um Fahrwangen zu grossem Unmut führte; noch hat die Fahrwanger-Fraktion ihren Kampf nicht aufgegeben.

Noch komplexer ist die Situation im unteren Aaretal. Da versuchen gleich neun Gemeinden, von Schwaderloch bis Döttingen, ihre Oberstufenlandschaft gemeinsam neu zu gestalten. Das wurde notwendig, weil verschiedene Gemeinden die notwendigen Schülerzahlen nicht mehr erreichen. So muss entweder die Bezirksschule in Klingnau oder in Leuggern schliessen; die Oberstufe in Leibstadt wird nicht mehr benötigt – und auch die Bez in Zurzach kämpft ums Überleben. Doch wie die Ergebnisse der aktuellen Abstimmungen an den Gemeindeversammlungen der betroffenen Gemeinden zeigen: Die Neugestaltung der Schullandschaft im unteren Aaretal hat in dieser Form keine Chance beim Stimmvolk.

Aber auch der Regierungsrat ist bei seinen Versuchen, die Schulen der Sekundarstufen II, für die der Kanton zuständig ist, zu reorganisieren und an weniger Standorten zu konzentrieren, zweimal grandios gescheitert. Auch hier siegten regionale Befindlichkeiten über ökonomische und pädagogische Argumente. Der nächste Versuch zur Schaffung von kantonalen Kompetenzzentren startet im nächsten Jahr. Das Sparpotenzial beträgt sechs Millionen Franken pro Jahr.

Finanzen versus Pädagogik

Doch zurück zur Oberstufe. Erschwerend für die regionale Planung der Schulorganisation erweist sich die Ungewissheit über die möglichen inhaltlichen Entwicklungen der Schule Aargau: Was hat der neue Aargauer Lehrplan für konkrete Auswirkungen auf den Schulraum? Was passiert, wenn die Schulzeit bis zur Matur um ein Jahr verkürzt wird? Die Bezirksschule würde wohl nur noch zwei Jahre dauern – was bedeutet das für die Bezirksschulen im Aargau?

Ist es unter diesen Vorzeichen sinnvoll, über das Schicksal von Bezirksschulen zu entscheiden, bevor der Maturentscheid gefällt ist? Und, was viele Gemeinden beschäftigt: Was passiert mit den Schulhäusern, die gut unterhalten und eingerichtet sind, aber auf einmal überflüssig werden?

Spätestens jetzt wird klar, dass die betroffenen Gemeinden an ihre Grenzen kommen, oft auch überfordert sind, wenn sie sich zu einer regionalen Schule zusammenraufen müssen. Da könnte es durchaus sinnvoll sein, wenn der Kanton klarere Vorgaben gibt als bloss Mindestgrössen aller Art.

In diese Richtung zielt ein Vorstoss von CVP-Grossrat Andreas Meier aus Klingnau. Sensibilisiert durch die Auseinandersetzungen im Bezirk Zurzach regt er an, die Regierung möge doch Anforderungen und Kriterien festlegen, die den politischen Prozess zur Standortfindung versachlichen könnten.

Etwa im Sinne: Wie hoch sind pädagogische Argumente beim Entscheid zu gewichten, wie hoch finanzpolitische; wie nachhaltig beeinflusst eine Schule die Standortqualität einer Gemeinde? Interessant wäre auch die Haltung des Bildungsdepartements in der Frage, was der Kanton für die bessere Lösung hält: ein Sekundarstufenzentrum mit Real, Sek und Bez unter einem Dach oder verteilte Standorte für die einzelnen Leistungszüge.

SP-Grossrat David Burgherr hat zudem festgestellt, dass die Führung von Kreisschulen oft durch die Partikularinteressen der Gemeindevertreter erschwert wird und die Schulleiter zwischen den verschiedenen Fronten aufgerieben werden. Auch er hat einen Vorstoss im Grossen Rat eingereicht und schlägt autonome Schulgemeinden anstelle von Kreisschulen vor.
Wer die vielfältigen Schwierigkeiten, die bei einer Schulzusammenlegung unweigerlich entstehen, hautnah miterlebt, mag sich vielleicht manchmal wünschen, dass es so einfach wäre, wie bei der Schliessung von Postfilialen: Dass fernab vom Dorf jemand ungefragt und unwiderruflich entscheidet und den Protest unbeeindruckt aushält. Das wäre viel bequemer. Aber das Resultat kaum besser.

Bei der Neugestaltung der Aargauer Schullandschaft braucht es ein wohltemperiertes Zusammenspiel: geduldiges Aushandeln, Kompromissbereitschaft und eine pädagogische Haltung aufseiten der Gemeinden. Und von der Regierung her klarere und verbindlichere Vorgaben sowie grosszügige Übergangszeiten.

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