Zersiedlung

Neue Aargauer sollen in Zukunft vor allem in die Städte ziehen

Grünflächen verschwinden auch bei diesem Bauprojekt in Reitnau. Aber der neue Bauzonenplan sieht verdichtetes Bauen vor. Janine Müller

Grünflächen verschwinden auch bei diesem Bauprojekt in Reitnau. Aber der neue Bauzonenplan sieht verdichtetes Bauen vor. Janine Müller

Wo im Aargau in den nächsten 25 Jahren gewohnt werden soll und darf, wird derzeit festgelegt. Replas und Gemeinden arbeiten mit Hochdruck daran, das neue Raumplanungsgesetz erfüllen zu können. Der Zersiedelung soll Einhalt geboten werden.

Überall wird gebaut, als würde es verboten. Es wird tatsächlich verboten, aber nicht das Überbauen von einem Quadratmeter alle 23 Sekunden im Aargau. Verboten wird das Einzonen von neuem Bauland ab Frühling 2014, wenn das neue Raumplanungsgesetz des Bundes und die Verordnung dazu in Kraft treten.

Dann gilt de facto ein Einzonungsverbot. Im besten Fall dauert es eineinviertel Jahre, bei Verzögerungen in Bern länger. Rechtskräftige Bauzonen können weiter überbaut werden, Einzonungen sind nur noch erlaubt, wenn die gleiche Fläche ausgezont wird.

Der Zug ist schon abgefahren

Sollten Gemeinden jetzt noch auf die Idee kommen, vor dem Moratorium rasch ein Stück Land einzonen zu wollen, «ist der Zug dafür längst abgefahren».

Das sagt Jörg Hartmann, stellvertretender Leiter der Abteilung für Raumentwicklung im Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU).

Baden, Obersiggenthal, Schmiedrued, Würenlos, Sins und Wohlen haben rechtzeitig Gas gegeben, andere Gemeinden kommen dank ausserordentlichen Versammlungen auch noch zu Bauland. Aber an den Winter-Gemeindeversammlungen reicht es wegen der Verfahrensfristen definitiv nicht mehr.

Ein sehr ehrgeiziger Zeitplan

Aufs Tempo müssen auch die Raumplaner drücken, denn der Aargau will die Unterlagen als einer der ersten Kantone an den Bundesrat schicken. Im August haben Planungsgruppen und Gemeinden die Unterlagen erhalten, jetzt arbeiten sie intensiv daran.

Die Anforderungen sind gross: Im Richtplan muss das Siedlungsgebiet für 25 Jahre – bis 2040 – abschliessend festgelegt werden. Die Bauzonen sind über die Gemeindegrenzen hinweg abzustimmen, Fruchtfolgeflächen sind zu erhalten, Natur und Landschaft zu schonen. Die öffentliche Diskussion und Mitwirkung beginnt aber erst im Frühjahr 2014.

«Dann kann jede Person und jede Gemeinde Stellung beziehen», betont Raumplaner Hartmann. Der öffentlichen Auflage im Sommer folgt die Botschaft ans Parlament, das die erste Lesung und die nötige Änderung des Baugesetzes noch vor Ende 2014 schaffen soll. Anfang 2015 will der Aargau das riesige Paket an den Bund schicken und rechnet für die Behandlung mit einem halben Jahr.

Weitere Zersiedlung verhindern

Die Zersiedlung steht im Sorgenbarometer der Bevölkerung weit oben. Die starke Zuwanderung mit jährlich 6000 bis 7000 Personen im Aargau oder 75 000 im Land ist ein Grund. Aber Mitverursacher sind (fast) alle, weil wir immer grössere Wohnungen beanspruchen: Seit 1970 hat sich die Wohnfläche pro Einwohner von 25 auf 50 Quadratmeter verdoppelt. Für die im Aargau prognostizierten 100 000 neuen Einwohner will der Kanton nicht ins Grüne wuchern.

Im Aargau wenig Bauland-Reduktionen

Der Aargau hat seine Hausaufgaben früh gemacht und seit 1984 rund 2600 Hektaren der viel zu grossen Bauzonen ausgezont. Aber seit 1999 kamen wieder 380 Hektaren Bauland neu dazu, pro Jahr also 30 Hektaren. Wegen der früheren Rückzonungen glaubt Hartmann nicht, dass es im Aargau zu grossen Bauland-Reduktionen kommt. Eine konkrete Zielgrösse für die Zukunft liegt nicht vor, weil sich das nach dem effektiven Wachstum richte. Gestützt darauf scheide man die Bauzonen erst zwischen 2015 und 2040 aus.

Selbstverständlich bleibt es das erklärte Ziel, eine weitere Zersiedlung zu verhindern (siehe Box) – wie es das Gesetz verlangt. Dazu gehören verdichtetes Bauen und «die raumplanerisch sinnvolle Umnutzung von Industriebrachen zum Wohnen», wie Hartmann ausführt. Das künftige Siedlungsgebiet bis 2040 werde gestützt auf die aktuellen Prognosen berechnet. «Wir wollen vorbereitet sein, das Wachstum an den raumplanerisch erwünschten Orten aufzunehmen, falls die Prognosen eintreffen», präzisiert Hartmann.

Im Klartext: Primär sollen die neuen Aargauer in den urbanen Zentren wohnen, die verkehrstechnisch gut erschlossen und stark gefragt sind.

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